HOME
Analyse

Petry vs. Gauland: Was der Fall Boateng über den Machtkampf in der AfD verrät

AfD-Chefin Frauke Petry bekommt in den meisten Medien gute Noten für ihre schnelle Distanzierung von ihrem Vize Alexander Gauland. Parteiintern ist die Lage nicht so klar.

AfD-Chefin Frauke Petry ging auf Distanz zu Vizechef Alexander Gauland

AfD-Chefin Frauke Petry ging auf Distanz zu Vizechef Alexander Gauland

Die AfD nimmt für sich in Anspruch, offen und ehrlich ihre Meinung zu sagen, ohne politische Korrektheit und ohne Angst vor unangenehmen Konsequenzen. Zuweilen produziert sie dadurch Nachrichten, die für Empörung sorgen. Wie jetzt im Fall Alexander Gauland.

Vor einigen Jahren haben sich Fans des FC Bayern München im bayerischen Idiom gegen eine Verpflichtung des damaligen Schalke-Torwarts Manuel Neuer gewandt. "Koan Neuer" stand auf Schildern, die sie im Stadion hochhielten. Der AfD-Vize-Chef Alexander Gauland brachte nun die Botschaft vom "Koan Boateng" unter die Leute. Gauland ging es um die Frage, ob die Menschen in Deutschland einen wie den Bayern- und Nationalspieler Jérôme Boateng gerne als Nachbarn hätten. Nein, fand Gauland und bezog sich auf die Angst vor Fremden. Jérôme Boateng ist schwarz.

AfD verhält sich meist solidarisch

Doch der Fall Gauland unterscheidet sich von anderen ausgrenzenden Äußerungen hochrangiger AfD-Politiker. Oft, fast immer, steht die Partei nämlich anschließend hinter dem, was ihre Protagonisten öffentlich erklären. Egal, wie heftig die Provokation, wie scharf auch die öffentliche Gegenrede ausfällt – die AfD verhält sich meistens solidarisch. Es ist einer ihrer Erfolgsfaktoren, zusammen zu stehen gegen "die feindlichen Medien", die "Altparteien" oder die "Linken".

Alexander Gaulands Versuch, die Angst vor Fremden am Beispiel Boateng zu illustrieren, eines Deutschen, der hier aufgewachsen und mustergültig integriert ist, der als Innenverteidiger auf dem Rasen souverän agiert und im Leben daneben mit einer Mischung aus wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten bestens aufgestellt ist – dieser Versuch rief nun andere Reaktionen hervor. Die AfD-Chefin Frauke Petry entschuldigte sich gar für den Eindruck, der durch die Einlassung ihres Stellvertreters entstanden sei. Petry ist kein Freund Gaulands. Petrys Co-Parteichef Jörg Meuthen wiederum steht Gauland näher. Aber auch Meuthen sagte, er würde sich freuen, wäre Boateng sein Nachbar.

Gerald Asamoah zu Jerome Boateng


Nicht nur AfD-Chefin Petry bricht mit Gauland

Hört man in die Führungsspitze der AfD hinein, so wird die Wut über das, was gelaufen ist, schnell offenbar. Allerdings richtet sich der Ärger gegen die Parteichefin. Frauke Petry, das ist der Vorwurf, hat die Wagenburg der AfD verlassen. "Das ist schon ein Hammer. Und das muss auch bereinigt werden", sagt ein hoher Funktionär. Frauke Petry verstehe nicht, dass die Solidarität innerhalb der Partei nicht für bestimmte Personen gelte, sondern für die Partei als Ganzes. Jeder habe das Recht, im Fall von Bedrängnis verteidigt zu werden, es gehe nicht um Personen, sondern um die Partei. "Koane Kritik an einem Parteifreund", so kann man die Ansicht wohl zusammenfassen.

Und doch finden sich nicht nur aus Petrys Mund Sätze, die mit dem 75-jährigen Gauland brechen. In geschlossenen Foren in den sozialen Medien wird unumwunden bezweifelt, dass der 75-jährige Gauland sich noch in einem Zustand befindet, die Partei an exponierter Position vertreten zu können. Im Klartext: Manche AfDler halten Gauland schlicht für nicht fit genug für einen Job an der Parteispitze. Eine entschiedene These ist das, die Gegenreden fallen ähnlich aus. Ein AfD-Mann beklagt gar "offenes Gauland-Bashing".

Es geht auch um die politische Radikalität der AfD

Hinter solchen, mit Schärfe geführten Diskussionen, stecken allerdings nicht nur Stil- und Solidaritätsfragen. Es geht auch um die politische Radikalität der AfD. Petry will zumindest mittelfristig mitregieren, will eher den Weg beschreiten, den die Grünen aus der Opposition heraus gegangen sind. Gauland hingegen zielt auf das System an sich. Er ist ideologisch getrieben. Das spricht viele Mitglieder seine Partei an.

In der Öffentlichkeit hat Frauke Petry Punkte gemacht durch ihre schnelle Reaktion. AfD-intern könnte ihr die schnelle Entschuldigung im Fall Gauland noch auf die Füße fallen.