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Akademischer Grad gegen bar: Das Millionengeschäft mit den Doktortiteln

Jahrelange Recherche und Schreibarbeit sind manchem zu anstrengend. Zeitgenossen ohne Geldsorgen blättern für einen Doktor oftmals lieber Geld auf den Tisch. Eine ganze Branche lebt von den Betrügern.

Von Corinna Kreiler

Für den Doktorhut und die Urkunde ist mancher bereit, viel Geld zu bezahlen

Für den Doktorhut und die Urkunde ist mancher bereit, viel Geld zu bezahlen

Der Aufruf klingt alarmierend: "Der Deutsche Hochschulverband sieht mit großer Sorge, dass der prosperierende Markt der Promotionsberatung geeignet ist, [...] das Vertrauen auf die Nichtkäuflichkeit akademischer Titel zu erschüttern und die redlich erworbenen Doktortitel zu diskreditieren." Vermehrt versprächen so genannte Berater Hilfe bei Dissertationen, letztendlich gehe es dabei aber um Ghostwriting. Dieser Praxis, warnt die Vertretung der Professoren in Deutschland, müsse dringend ein Riegel vorgeschoben werden.

Eine brandaktuelle Forderung anlässlich der Plagiatsvorwürfe gegen Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und der Debatte um Betrug bei akademischen Titeln. Könnte man meinen. Doch der Aufruf stammt aus dem Jahr 1994.

Getan hat sich seither eigentlich nichts. Erst im vergangenen Jahr hat der Verband wieder einen Aufruf gestartet, um Plagiate und Promotionsberatungen einzudämmen. "Der Titelkauf ist nach wie vor ein Problem", sagt Matthias Jaroch vom Hochschulverband. Zahlen will er nicht nennen.

Rund 750 Promotionen pro Jahr erschlichen

Schätzungen des Münchner BWL-Professors Manuel Theisen zufolge, der seit Jahren gegen das unlautere Geschäft mit den akademischen Graden kämpft, sind rund drei Prozent der jährlich rund 25.000 Promotionen in Deutschland erschlichen.

Tendenz steigend. Im Zeitalter des Internets ist der akademische Grad nur einen Mausklick entfernt. Besonders die Deutschen sind scharf auf den Doktor - im Ausland ist es unüblich, sich den Titel aufs Klingelschild zu schreiben, hierzulande schindet man damit bei vielen Menschen Eindruck.

Die seit Jahren anhalten Nachfrage nach dem schnellen Doktortitel ernährt mittlerweile eine ganze Branche: Nach Theisens Auffassung hat sich ein millionenschwerer Markt entwickelt. So bieten im Netz professionelle Ghostwriter ihre Dienste an, inklusive Preisliste. Eine 500-seitige Jura-Doktorarbeit kostet bei den in Berlin ansässigen "ghostwriter.nu" beispielsweise 43.500 Euro. Die setzen sich zusammen aus 3000 Euro Grundhonorar plus 75 Euro je Seite.

Urkunde gegen Bargeld

Es geht aber auch einfacher: So bietet unter anderem die Schweizer Titelmühle "Freie Universität Teufen" akademische Grade gegen Bezahlung einer so genannten "Studiengebühr" an. Eine Urkunde gegen Bargeld.

Einer, der sich nicht zu schade für einen Doktortitel an der verrufenen Hochschule war, ist der CDU-Politiker Dieter Jasper. Vor gut einem Jahr flog auf, dass er seinen akademischen Grad bei dem Titelsupermarkt erworben hatte, die öffentliche Empörung war groß.

Jasper selbst gab an, er sei "dämlich genug" gewesen, den Versprechungen der Betrüger zu glauben. Glaubwürdig ist das nicht: Die "Freie Universität Teufen" genießt seit 1985 einen entsprechend schlechten Ruf. Jeder, der es wissen will, findet das binnen Sekunden im Netz.

Gut bezahlte Ghostwriter

Weitaus gängiger, da schwerer zu durchschauen, ist jedoch Hinzuziehen einer so genannten Promotionsberatung. Der 'Promotionsstudent' engagiert in diesem Fall eine Agentur, die ihm einen Doktorvater vermittelt, der bei der Recherche helfen soll. Heißt es offiziell.

Doch meistens ist das nur vorgeschoben: "Jemand, der allein schon 20.000 Euro für die Adressvermittlung ausgibt, setzt sich anschließend nie und nimmer hin und schreibt eine Promotion ohne fremde Hilfe", sagte BWL-Professor Theisen bereits vor mehr als zwei Jahren der "Süddeutschen Zeitung".

In Wahrheit sind also Ghostwriter am Werk, deren Arbeiten von Professoren durchgewinkt werden, die die Promotionsberatung bezahlt. So haben alle etwas davon: Der Professor und die Berater verdienen Geld, der 'Doktorand' erhalt einen Titel. Alles geschützt durch ein Kartell des Schweigens.

Freiheits- und Geldstrafe drohen

2009 war ein solcher Doktortitelring aber dennoch aufgeflogen: Rund 100 Professoren an deutschen Unis hatten in Kooperation mit Promotionsberatern Titel an "Doktoranden" verschachert. Die Aufregung war groß, doch mittlerweile ist der Fall längst vergessen. Denn für Staatsanwaltschaften ist es in solchen Fällen meist schwer nachzuweisen, dass der Doktorand die Arbeit tatsächlich nicht selbst geschrieben hat.

Gelingt es das doch, kann es bitter werden für den Titelsüchtigen: Das Führen akademischer Grade ist durch Paragraf 132a Strafgesetzbuch geschützt. Falsche Doktoren müssen mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe rechnen.

Allerdings sind viele deutsche Hochschulen auch nicht gerade unschuldig an den zahlreichen Betrugsfällen - sie laden geradezu dazu ein: Obwohl der Deutsche Hochschulverband es seit Jahren fordert, fehlt in vielen Promotionsordnungen deutscher Unis der Passus, in dem der Kandidat eidesstattlich versichert, dass er die Arbeit selbst geschrieben hat. Ein Verstoß dagegen gilt als Meineid und ist strafrechtlich relevant. Ghostwritern ist das meistens zu heiß - und vielen Promotionskandidaten auch.

FTD