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Alternde Gesellschaft: Mit Zuwanderung und Technik gegen Pflegenotstand

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen in Deutschland steigt rasant. Ob es in 20 Jahren 3 oder 3,4 Millionen sein werden, ist umstritten. Fest steht, dass die Gesellschaft vor einer großen Herausforderung steht und dringend Pflegekräfte braucht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel muss das Thema nach Auffassung des Deutschen Pflegeverbands (DPV) zur Chefsache erklären. "Die bisherige Flickschusterei bringt es nicht", sagt DPV- Geschäftsführer Rolf Höfert und verlangt einen runden Tisch im Kanzleramt. Der Direktor des Instituts für Bevölkerungs- und Gesundheitsforschung an der Uni Bielefeld, Prof. Ralf E. Ulrich, fordert, mehr Prävention und moderne Technik in der Pflege. Um die dringend gesuchten Fachkräfte zu finden, brauche es eine gezielte Zuwanderungspolitik, aber auch eine finanzielle und gesellschaftliche Aufwertung des Berufs.

Ulrich und Martin Gasche vom Forschungsinstitut Ökonomie und demografischer Wandel der Uni Mannheim halten 3,4 Millionen Pflegebedürftige im Jahr 2030 für zu hoch gegriffen. Diese Zahl hat das Statistische Bundesamt in Wiesbaden errechnet. Ein anderes Modell derselben Behörde und das Bielefelder Institut kommen jeweils auf 3,0 Millionen. Dabei gehen die Fachleute davon aus, dass die Menschen nicht nur älter werden, sondern auch gesünder sind und später pflegebedürftig werden. Gasche warnt vor "Horrorszenarien". Dennoch steigt die Zahl der Pflegebedürftigen nach 2030 weiter: Mit 3,8 bis 4,5 Millionen rechnet das Bundesamt - je nach Modellrechnung - für 2050. Im Jahr 2007 waren es noch 2,2 Millionen.

Mindestens 300 000 zusätzliche Fachkräften werden nach Einschätzung des DPV aber schon bis 2020 gebraucht. "Der - auch demografisch bedingte - wachsende Anteil der über 50 Jahre alten Arbeitnehmer in Deutschland macht es zusätzlich schwer, Kräfte für die in vielen Fällen körperlich harten und schlecht bezahlten Pflegeberufe zu finden", sagt Ulrich. Eine aktive Zuwanderungspolitik für Pflegekräfte könne etwa Indien und China mit einbeziehen. Die demografische Entwicklung in Ländern wie Polen, der Ukraine und Ungarn und ihre wirtschaftliche Annäherung an die übrigen EU-Staaten werde dazu führen, dass künftig auch aus diesen Ländern weniger Pflegekräfte nach Deutschland kommen.

"Der Stellenwert der Altenpflegearbeit und die Bezahlung müssen besser werden", fordert Ulrich. Der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro für Pflegekräfte entspreche nicht der körperlich harten Arbeit, die in dem Beruf geleistet werde. "Auch die Einhaltung der - im Vergleich zu anderen Ländern - genauen Standards des Qualitätssicherungskonzepts sind auf Dauer nicht mit 8,50 Euro zu machen", sagte Ulrich. "Die Löhne setzen falsche Anreize. So entscheiden sich junge Leute, die vor der Berufswahl stehen, eher für Anlageberater oder ähnliche Jobs, über deren gesellschaftlichen Nutzen sich streiten lässt."

Technische Mittel könnten die Pflege leichter machen und älteren Menschen länger ein sicheres Leben zu Hause ermöglichen. "Japan ist uns da weit voraus." Als Beispiel nennt Ulrich Robotertechnik, mit der festgestellt werden kann, ob ein alter Mensch genug getrunken hat. Für über 70-Jährige gebe es zudem ein spezielles Fitness- Training, mit dem ihnen die Unsicherheit vor einem Sturz genommen werden könne - der häufigsten Ursache dafür, nicht mehr allein leben zu können.

Die als Teil-Kasko-Versicherung angelegte Pflegeversicherung stehe zwar nicht unter so einem starken Kostendruck wie die Krankenversicherung, sagt Volkswirt Gasche. "Ohne höhere Beiträge wird es aber wohl trotzdem nicht gehen."

Ira Schaible, DPA / DPA