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Angela Merkel im "Cicero"-Streitgespräch: "Wenn ich nicht fertig gedacht habe, kann ich nicht entscheiden"

Angela Merkel auf dem Höhepunkt ihrer Macht erleben, ihr kritische Fragen stellen. Das klang spannend. Doch am Ende verlief das "Cicero"-Streitgespräch in etwa so, wie Merkel regiert: unaufgeregt.

Von Hans Peter Schütz

Angela Merkel mit den "Cicero"-Journalisten Christoph Schwennicke (r.) und Frank A. Meyer

Angela Merkel mit den "Cicero"-Journalisten Christoph Schwennicke (r.) und Frank A. Meyer

Die Ankündigung klang spannend. Kanzlerin Angela Merkel, so hieß es, wird präsentiert "auf dem Höhepunkt ihrer Macht". Was fängt sie damit an? Was sind die Wegmarken für ihre weitere Kanzlerschaft? - das sind die Fragen, die sich aufdrängen

Das machte Appetit. Auf Merkel, auf ihr Auftreten. Wie würde sie sich im Wortgefecht mit Redakteuren des Polit-Magazins "Cicero" schlagen? Was würde sie sagen zu den Zielen ihrer zweiten Großen Koalition in der dritten Runde ihrer Kanzlerschaft?

Binnen 24 Stunden waren die Karten fürs Berliner-Ensemble bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die Erwartungen waren klar. "Angie" würde es den aufmüpfigen Journalisten mal wieder zeigen. Auch dem "Cicero"-Chefredakteur Christoph Schwennicke und seinem Helfer Frank. A. Meyer, einem Schweizer Kolumnisten, der ebenfalls bei "Cicero" arbeitet.

Brav. Braver. Am bravsten.

Doch so erwartungsfroh das Publikum auch herbeigeströmt war, aus dem erhofften verbalen Gemetzel wurde nichts. Brav, braver, am bravsten. Das war die Leitlinie des Abends.

Die Kanzlerin saß im karmesinroten Jackett hoch oben auf der Bühne. Gelassen, unangreifbar. Wie sie sich meist in öffentlichen Auftritten zeigt. Regierungssprecher Steffen Seibert, Beobachter in der ersten Reihe, dürfte kein Problem mit der Selbstdarstellung der Kanzlerin an diesem Abend gehabt haben.

Christoph Schwennicke hat einmal ein Buch geschrieben. "Das Glück am Haken – Der ewige Traum vom dicken Fisch". Das war auch an diesem Abend so. Die Kanzlerin packen zu können, das blieb ein Traum. Angela Merkel biss nirgendwo an. Und wenn ihr der Köder einer Frage nicht schmeckte, etwa nach ihrer langjährigen, wechselnden politischen Einschätzung des Irak-Konflikts, dann beantwortete sie die unbequeme Frage locker: "Ach, lassen Sie uns doch über etwas anderes reden."

Nullkommanull Neues

So lief es fast immer. Als ganz am Ende des einstündigen Wortwechsels über Ukraine, Irak und Europapolitik endlich die letzte Frage an Merkel kam, was sie denn nach Ablauf ihrer dritten Amtsperiode zu machen gedenke, kam sie mit der Antwort davon: "Ich habe doch schon gesagt, dass ich die ganze Legislaturperiode bis 2017 zur Verfügung stehen werde." Das Publikum klatschte begeistert. Über nullkommanull Neues.

Wie auch bei all den politischen Plattitüden, die sie zuvor dem Publikum schon geliefert hatte. Dass "für mich die Zukunftsfähigkeit Deutschlands das wichtigste Thema bleibt". Dass ihr "die Forschung in der Bundesrepublik am Herzen liegt. Vor allem die digitale Agenda". Dass man "in Frankreich die Strukturprobleme lösen muss." Dass in "Europa keine Gleichmacherei betrieben werden darf." Und so weiter und so fort.

Als das Publikum dran war, blieb nur noch die Frage, ob die Kanzlerin denn zuweilen per Yoga ihre Fitness erhalte. Antwort Merkel: "Ich versuche immer wieder, einen freien Abend zu haben. Ich muss doch auch mal nach Hause." Dafür gab es wieder mal rauschenden Beifall. Die meisten Besucher machten sich beeindruckt auf den Heimweg.

Keine Koalition mit der AfD

Allerdings ohne konkrete neue politische Erkenntnisse. Bis auf eine vielleicht: Mit der Alternative für Deutschland (AfD) kommt für Merkel keine Koalition infrage. Auf die Frage, weshalb sie denn zuweilen so lange brauche, um zu einer Entscheidung zu kommen, antwortete sie: "Wenn ich nicht fertig gedacht habe, kann ich doch nicht entscheiden." Jubelnder Beifall bei den Zuhörern, die mit dem Gefühl das Berliner Ensemble verließen, dass "ihre" Kanzlerin es den unbotmäßigen Journalisten mal wieder gezeigt hat.

Wie es der Zufall will, wurde ebenfalls am Mittwoch ein Buch über die Kanzlerin ausgeliefert. Es heißt: "Alternativlos. Merkel, die Deutschen und das Ende der Politik." Geschrieben hat es der "Spiegel"-Journalist Dirk Kurbjuweit. Darin fänden die Merkel-Besucher bemerkenswerte Sätze: "Merkel ist als Impulsgeberin bislang ausgefallen, und genau das will die Bundeskanzlerin." Oder an anderer Stelle: "Sie hat erkannt, dass zu den Konsenswünschen der Deutschen eine Große Koalition am besten passt." Besonders zutreffend aber die Einschätzung: "Deutschland ist unterzuckert. Es fehlt die Lebendigkeit der Demokratie."

Ein Eindruck, den der "Cicero"-Abend mit Merkel vollauf bestätigt hat.

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