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Angela Merkel und der Krieg in Afghanistan: Weihnachtsbesuch bei der Wahrheit

Dass Kanzlerin Angela Merkel den Krieg in Afghanistan beim Namen nennt, ist schön - reicht aber nicht aus. Die Regierung sollte sich lieber die Frage stellen, für wen am Hindukusch gekämpft wird.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Es fällt schwer, den Besucherandrang bei den deutschen Soldaten in Afghanistan nicht ironisch zu belächeln. Erst fliegt der potentielle Kanzler einer späteren Bundesregierung ein. An Bord eine massive Ladung Eigenwerbung, auch in Person seiner Frau. Unverzüglich folgt dem Ehepaar Guttenberg dann die amtierende Kanzlerin, die sich in Afghanistan seit anderthalb Jahren nicht mehr sehen ließ. Natürlich gehört auch zu ihrem Truppenbesuch ein gutes Pfund Eigenwerbung. Es weihnachtet auch in der deutschen Politik sehr.

Es wäre indes zu schön, wenn diese Weihnachtsbesuche der Polit-Prominenz auch der Wahrnehmung der Wahrheiten in Afghanistan dienten. Dass nun auch Angela Merkel wie ihr Verteidigungsminister nicht länger verbale Schönrederei betreibt und den Krieg dort – endlich - Krieg nennt – na schön, spät genug kommt ihr die Realität über die Lippen. 45 deutsche Soldaten bezahlten bislang für einen Einsatz, bei dem angeblich die deutsche Freiheit am Hindukusch verteidigt wird, mit ihrem Leben.

Wie unaufrichtig die deutschen Verantwortungsträger die Situation kennzeichnen, dafür steht der Tod jenes Soldaten, der sein Leben am Tag des Merkel-Besuchs verlor. Am Kopf schwer verletzt durch einen Schuss wurde er aufgefunden. Die Operation überlebte er nicht. Und dann erklärt die Einsatzführung, dass keine "Gefechts-situation" vorgelegen habe. Zur Wahrheit gehört: Solche feinsinnigen Differenzierungen helfen diesem Toten und seinen Angehörigen nichts. Er ist gefallen. Wofür?

Kämpfen für einen korrupten Präsidenten

Nehmen wir also die Kanzlerin bei ihrem Wort, dass man die Dinge beim Namen nennen sollte. Und dabei geht es nicht nur um die Frage, ob von Krieg, Halbkrieg, Entwicklungshilfe, Freiheitsverteidigung geredet wird. Man muss die Frage stellen, wie viele deutsche Soldaten denn bis zum Jahr 2014 noch mit ihrem Leben für ein sicherheitspolitisches Konzept bezahlen müssen, das am Ende nicht in eine Friedensregelung für Afghanistan münden wird.

Zwei Fakten werden von den politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik - Ausnahme: die Linkspartei - systematisch verdrängt. Erstens wird in Afghanistan für einen Präsidenten gekämpft und gestorben, dessen moralische wie finanzielle Korruption kein Kenner des Landes bestreitet. Wer von ihm am Tag nach dem Abzug Loyalität gegenüber dem Westen erwartet, der ihn so lange an der Macht hielt, ist ein Illusionist. Der Mann sitzt nur noch dank Wahlfälschungen im Amt und dank dubioser Beziehungen mit ebenso korrupten Stammesfürsten.

Schwerer wiegt indes, wenn die Frage nach dem Sinn und der Verantwortung deutscher Soldaten in diesem Konflikt gestellt wird, dass Nato wie Bundesrepublik stets vor der wichtigsten Wahrheit zurückgeschreckt sind: Ohne Pakistans stillschweigende Unterstützung hätten die Taliban niemals so lange ihren Terror aufrecht erhalten können. In Pakistan konnten sie sich erholen, konnten nachrüsten in den Schutzräumen, die ihnen Pakistan stillschweigend zur Verfügung stellte.

Es wäre Zeit, dass die Bundesregierung endlich mal auch die pakistanische Mitverantwortung für das afghanische Desaster öffentlich in den Mund nimmt. Wenn Pakistan nicht schon morgen offiziell in die Mitverantwortung genommen wird, kann die Bundeswehr nicht erst Ende 2011 abziehen, sondern schon morgen.