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CDU-Vorsitzende und die Kanzlerfrage: Eine Nummer zu groß? Wie die Zweifel an AKK wachsen - gerade in der CDU

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer kämpft gegen Zweifel in Partei und Land. Eindrücke von einer Frau, die sich trotz allem für kanzlertauglich hält.

Ist Annegret Kramp-Karrenbauer kanzlertauglich? Daran zweifeln viele

Bodenständigkeit galt als ihr Trumpf, nun scheint sie ihr Makel. Annegret Kramp-Karrenbauer sucht nach ihrem Platz in Partei und Land.

Das hier ist wohl das, was Politiker "Auswärtsspiel" nennen. Auf der Bühne steht Jessy James LaFleur, eine Frau, die sich als "Spoken Word Künstlerin" bezeichnet, und sie schleudert ihre Wut heraus. Unten sitzt Annegret Kramp-Karrenbauer, das Gesicht wie schockgefroren. "Es brennt an allen Ecken, so heiß, dass die Pole schmelzen, so heiß, dass ganze Landstriche verenden, so heiß, dass auch der Dezember keinen Schnee mehr kennt", ruft LaFleur, ihre Stimme bebt. "Und ihr seid blind!"

Das Publikum tobt. AKK fächert sich Luft zu.

Stickig-schwül ist es im ultrahippen "Spreespeicher" zu Berlin. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) feiert sein Sommerfest, der Saal ist rappelvoll mit Öko-Aktivisten, siegessicher, mit reichlich moralischem Überschuss.

Was ist bloß los mit Annegret Kramp-Karrenbauer?

Und dazwischen Kramp-Karrenbauer, mit ihrem Fächer und in ihrem blauen Hosenanzug, in dem sie noch blasser aussieht als sonst: die Chefin einer Volkspartei auf der Anklagebank. LaFleur ruft ins Mikro, heutzutage werde wie mit einer "AKK 47" gegen Minderheiten geschossen.

Was soll sie machen? Aufstehen und gehen? Kramp-Karrenbauer bleibt. Sie erzählt auf der anschließenden Podiumsdiskussion noch etwas von Klaus Töpfer, dem CDU-Umweltminister unter Helmut Kohl, der die Problematik der Erderwärmung schon früh erkannt habe. Stimmt, verdienstvoller Mann. Aber, mein Gott: für die meisten im "Spreespeicher" doch einer aus dem Pleistozän. Die Welt brennt – und die CDU-Vorsitzende kommt mit Klaus Töpfer um die Ecke.

Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel im März 2019

Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel im März 2019

Was ist bloß los mit AKK? Die Kanzlerin Merkel erklimmt neue Höhen auf der Beliebtheitsskala, steht schon mit einem Bein in den Geschichtsbüchern, erhält in Harvard die Ehrendoktorwürde für ihr Lebenswerk – und die Frau, die ihr nachfolgen soll? Wirkt immer öfter verunsichert, fast verzagt. Und seltsam fremd in dem Land, das sie demnächst regieren will.

Natürlich kann eine CDU-Chefin auf dem Fest eines Umweltverbandes keine Ovationen erwarten. Doch nur einen Tag zuvor, komplett anderes Milieu, komplett andere Situation, und trotzdem: ähnlicher Eindruck. Vor dem Wirtschaftsrat der CDU sondert Kramp-Karrenbauer in einer unfassbar langweiligen Rede Standardfloskeln ab: Weichen für die Zukunft stellen, politische Verantwortung wahrnehmen, irgend so was. Der Beifall: gerade noch pflichtgemäß. Dann kommt FDP-Chef Lindner, und einige der Anzugträger reißt es glatt von den Sitzen. Lindner grinst spitz und wünscht noch "gute Beratung".

Es klang wie: gute Besserung.

Eine Nummer zu groß?

Als Annegret Kramp-Karrenbauer auszog, die ganz große Politik zu erobern, als sie alles zurückließ, den Job als Regierungschefin an der Saar und Ehemann Helmut samt Hund Stiffler in Püttlingen, da wirkte diese Frau wie eine Verheißung: nach all den Jahren der schmallippigen Merkel kam endlich eine, die zuhörte, eine, die Gräben schloss und Wunden heilte, die in der Flüchtlingskrise aufgerissen worden waren. Nahbar, bodenständig, in ihren provinz-katholischen Prägungen sympathisch und ganz bei sich. Ein wohliges "Du bist Deutschland"-Gefühl umwehte ihre Auftritte, und dann kam der Tag, an dem sie zur Generalsekretärin gewählt wurde, sie stand da und rief: "Ich kann, ich will, und ich werde!" Und alle im Saal jubelten.

Das Wollen von AKK steht nach wie vor außer Frage. Aber das Können und das Werden? Erscheinen, gut ein halbes Jahr nachdem sie die Konkurrenten Merz und Spahn im Kampf um den Parteivorsitz aus dem Feld schlug, mehr als zweifelhaft. Die Europawahl ging verloren. In Umfragen liegen die Grünen vor der CDU. In Sachsen und Brandenburg, wo dieses Jahr gewählt wird, hat die AfD die CDU überholt. Nur 18 Prozent der Deutschen trauen AKK das Amt der Kanzlerin zu, 71 Prozent halten sie für ungeeignet. Sogar unter den Unionsanhängern stellen 59 Prozent ihre Qualifikation infrage.

Konkurrent Jens Spahn, der Gesundheitsminister, beschäftigt sich weiter ausgiebig mit Themen fern seines Ressorts. An Selbstbewusstsein mangelt es dem 39-Jährigen nicht.

Konkurrent Jens Spahn, der Gesundheitsminister, beschäftigt sich weiter ausgiebig mit Themen fern seines Ressorts. An Selbstbewusstsein mangelt es dem 39-Jährigen nicht.

Ist der Job, den sie anstrebt, also schlicht eine Nummer zu groß?

Diese Frage stellen sich – mehr oder minder leise – auch führende CDU-Politiker. Sicher, die CDU ist nicht die SPD, sie mag keine Anarchie, stürzt nicht mal eben so eine Parteivorsitzende und lechzt auch nicht nach Visionen. Doch wenn es um die Macht geht, kann sie gnadenlos sein. Die konservative Werteunion ruft offen zur Urwahl des Kanzlerkandidaten auf. Carsten Linnemann, Chef der Unions-Mittelstandsvereinigung, sagt: "Ich habe keine Lust, direkt in Neuwahlen einzusteigen. Was soll ich denn den Wählern sagen? Was sind unsere Punkte?" Oder, wie ein führender CDU-Landespolitiker fragt: "Wofür haben wir die eigentlich gewählt?"

Das politische Leben von Kramp-Karrenbauer ist zu einem einzigen Auswärtsspiel geworden. Eigentlich wollte sie die Kandidatenauswahl "von vorne führen", doch in Nordrhein-Westfalen bringt sich CDU-Regierungschef Armin Laschet in Position. Auch Spahn und Merz wittern noch ihre Chance. "Von vorne" führt sie gar nichts mehr.

Bodenständiger Konservatismus

Kramp-Karrenbauer spürt, dass ihr Rückhalt in der Partei schwindet. Sie spürt auch, dass sich die politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse der Republik rasant verändern. Aber sie tut sich schwer, Antworten zu finden. "Machen wir uns nichts vor", sagt Philipp Amthor, der konservative CDU-Jungstar aus dem Bundestag, "bei manchen Themen werden wir momentan nur noch als Dagegen-Partei wahrgenommen." Dagegen-Partei? Das waren doch früher immer die Grünen.

Es ist, als verliere sich Kramp-Karrenbauer in der Unübersichtlichkeit der neuen Zeit und suche Halt in alten Reflexen. Im Karneval riss sie Zoten über Toiletten fürs dritte Geschlecht, den Schülern der Fridays-for-future-Demos erklärte sie gouvernantenhaft: "Meine Kinder hätten von mir keine Entschuldigung für die Fehltage erhalten." Und nach dem Erfolg des Anti-CDU-Videos des Youtubers Rezo verlangte sie beleidigt nach "Regeln" gegen "Meinungsmache" im Internet. In solchen Momenten geistert AKK durch die Szene wie eine Politikerin aus der Resopaltisch-Ära der alten Bundesrepublik. Als vor ein paar Tagen SPD, Grüne und Linkspartei in Bremen Koalitionsgespräche aufnahmen, holte sie sogar die "roten Socken" aus dem vermufften Kampagnen-Schrank der Neunziger hervor.

Konkurrent Friedrich Merz ist immer noch Liebling der Tief-Schwarzen. Auch wenn sich der 63-Jährige nach der Niederlage gegen AKK schnell zurückzog – er gilt vielen nach wie vor als ebenso konservativ wie brillant.

Konkurrent Friedrich Merz ist immer noch Liebling der Tief-Schwarzen. Auch wenn sich der 63-Jährige nach der Niederlage gegen AKK schnell zurückzog – er gilt vielen nach wie vor als ebenso konservativ wie brillant.

So wird das "Du bist Deutschland"-Gefühl mehr und mehr verdrängt von einem verschwitzt wirkenden Konservatismus, dem das Absichtsvoll-Taktische stets anzumerken ist. Was fehlt, ist eine moderne konservative Haltung. Was hat diese Frau mit dem Land, das sie regieren will, eigentlich vor? Sie ist eine Politikerin, die, frei nach Goethe, "kein Bild in der Seele" macht.

AKK lebte immer vom Kontrast zur abgehoben-technokratenhaften Kanzlerin, die unausgesprochene Botschaft der Frau aus dem Saarland lautete: Ich bin näher am Volk, ich verstehe besser, was es fühlt und denkt. Das war das Püttlingen-Prinzip, das ihren Aufstieg begleitete. Doch jetzt macht sie eine irritierende Erfahrung: Vielleicht hat sich das, was sie für das Volk hält, so sehr verändert und in Sub-Milieus aufgesplittert, dass sie es mit ihrem bodenständigen Konservatismus nicht mehr zu fassen bekommt?

Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, vertritt die These, dass die Mitglieder der Union wesentlich älter und in ihren Einstellungen konservativer seien als die potenziellen CDU-Wähler. Konsequenz: Wer, wie AKK, die Seele der Partei streichelt, verliert gleichzeitig Stimmen im Land.

Sie aber glaubt weiter an das Konstrukt der Volkspartei, die alle Widersprüche in sich versammeln und auflösen kann. Auf ihrer Homepage findet sich angesichts der Diesel-Debatte der Eintrag: "WIR BRAUCHEN FREIE FAHRT UND GUTE LUFT #FREI-FAGULU." Dabei ahnen inzwischen auch viele CDU-Wähler, dass beides zusammen so einfach nicht mehr zu haben sein wird. Was also will die Frau damit sagen? Kramp-Karrenbauer greift mit ihren volkstümlichen Reflexen ins Leere. Das Püttlingen-Prinzip funktioniert nicht mehr.

Todeszone der deutschen Politik

Mehr noch. Was früher ihre Stärke war, fällt jetzt als Schwäche auf sie zurück: die Prägungen der saarländischen Heimat, einer Welt, die von Kohle und Stahl zusammengehalten wurde, einer Welt, in der es Kolpinghäuser gab und Bundeskegelbahnen und eine Menge hart arbeitender Menschen, die deftig zu genießen wussten. "Bei jedem Fest bogen sich die Tische unter fetten Würsten", erinnert sich Peter Altmaier, CDU-Wirtschaftsminister und Saarländer. Es war aber auch eine Welt, die ihre Begrenztheiten hatte, grünes Gedankengut kam allenfalls als exotische Beigabe vor. Der Grüne Hubert Ulrich, der mit AKK 2009 bis 2012 in einer Jamaikakoalition das Saarland regierte, erzählt: "Man hat schon damals gemerkt, dass sie mit der ökologischen Idee nicht viel anfangen konnte. Zur Umweltbewegung und den sie tragenden Milieus hat sie überhaupt keinen Zugang gefunden, weder intellektuell noch emotional. Das war für sie alles eine fremde Welt."

Annegret Kramp-Karrenbauer ist eine kluge, willensstarke Frau. Aber einiges deutet darauf hin, dass der Sprung auf die Berliner Bühne doch größer ist, als sie dachte. Das Tempo: schneller. Die Medien: gieriger. Die Parteifreunde: härter und illoyaler. Als Kanzlerkandidatin dringt sie nun vor in die Todeszone der deutschen Politik.

Konkurrent Armin Laschet regiert mit NRW ein starkes Bundesland, gilt als ausgleichend im Wesen, hat ein gutes Verhältnis zu den Grünen – und wartet freundlich lächelnd ab, bis die Partei ihn ruft

Konkurrent Armin Laschet regiert mit NRW ein starkes Bundesland, gilt als ausgleichend im Wesen, hat ein gutes Verhältnis zu den Grünen – und wartet freundlich lächelnd ab, bis die Partei ihn ruft

Was sie dort vorfindet, sind vor allem Erblasten. Die Parteizentrale ist für die digitalen Kämpfe kaum gerüstet und nur begrenzt kampagnenfähig. Die jahrelangen Versäumnisse in der Klimapolitik treiben die Menschen auf die Straße und wirken wie ein Konjunkturprogramm für die Grünen. Für all das trägt Merkel die Hauptverantwortung – aber AKK zahlt den politischen Preis. Als "Kanzlerin im Praktikum" muss sie sich von der FDP verspotten lassen, weil sie offenbar an der vertraulichen Morgenlage bei Merkel im Kanzleramt teilnehmen darf, obwohl sie kein Regierungsamt bekleidet.

Eine Regierungschefin, die nicht mehr richtig regiert, und eine Parteichefin, die noch nicht regiert, aber in Haftung genommen wird: Das Frauenbündnis, das einst so gut funktionierte, ist brüchig geworden. AKK versuchte, in einem "Werkstattgespräch Migration" die Wunden der Flüchtlingsentscheidungen zu heilen. Merkel dagegen befand, man solle damit keine "Zeit verplempern", und trank während der Veranstaltung ein paar Straßen weiter Aperol Spritz mit Vertrauten an der Bar des "Grand Hotel Esplanade". AKK tourte im Europa-Wahlkampf wie verrückt durch die Republik. Und Merkel machte sich unsichtbar. AKK nahm in einer Rede vor der "Atlantik-Brücke" Trump in Schutz. Merkel wiederum ließ sich in Harvard für beißende Kritik am US-Präsidenten feiern.

Die eine will in die Geschichtsbücher, die andere ins Kanzleramt. Wo die eine aber noch sitzt. Aus solchem Stoff sind die großen Zerwürfnisse in der Politik gemacht.

"Familientier"

Im vergangenen Herbst, als Kramp-Karrenbauer noch um den Parteivorsitz kämpfte, erklärte sie in einem Gespräch mit dem stern: "Die Frage bei jeder Herausforderung ist: Wagt man das Abenteuer? Ich habe mich grundsätzlich immer fürs Wagen entschieden. Dann muss man auch die Konsequenzen tragen."

Sie trägt die Konsequenzen. Mit allen Härten. Sie hat sich immer als "Familientier" bezeichnet, aber die Familie ist weit weg. Oft muss das Skypen mit Ehemann Helmut reichen. Sie hat sich auf die vibrierende Metropole gefreut, auf Restaurants und Kino und Theater, aber sie hat viel weniger Zeit dafür, als sie vorher dachte. Manchmal wirkt diese Frau, als würde sie vom hysterischen Politbetrieb verschluckt. Trotzdem findet sie, dass Berlin eine großartige Stadt ist.

Sie hat recht. Berlin ist eine großartige Stadt. Aber in dieser großartigen Stadt kann man sehr einsam sein.

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Im Video: Was Sie über Annegret Kramp-Karrenbauer wissen sollten 

CDU-Vorsitzende: Sie verzichtete auf 200.000 Euro und ist gegen die Homo-Ehe: Was Sie über AKK wissen sollten

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(