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ARD-Doku über Affäre Wulff: Nach ganz unten in 67 Tagen

Am Donnerstag ist es soweit: Dann sitzt Christian Wulff auf der Anklagebank. Vorab zeichnete die ARD in einer Dokumentation sein Scheitern nach - ließ aber viele Fragen offen.

Von Lutz Kinkel

Es wird nun nochmal ernst für Christian Wulff. Am Donnerstag beginnt der Prozess gegen ihn. Er wird der erste ehemalige Bundespräsident Deutschlands sein, der auf der Anklagebank Platz nehmen muss. Vor dem Bild dieser Situation, vor den Fotos, die Sekunden später über den Ticker laufen werden, "davor hat er Angst", sagt einer seiner Verteidiger. Aber die Angst sei unbegründet. Denn Wulff werde freigesprochen; seine Ehre, seine Würde wiederhergestellt. Vermutlich reicht selbst das nicht für die Fortsetzung seiner politischen Karriere. Aber Wulffs Blick richtet sich, das wird deutlich, schon in die Ferne. Es geht ihm um seinen Platz in der Geschichte.

"Absturz - die Akte Christian Wulff", eine knapp halbstündige Doku aus der "Panorama"-Redaktion des NDR, zeichnete Wulffs Weg bis zu diesem Punkt nochmals nach. Vom kreuzbraven niedersächsischen Ministerpräsidenten, der sich nebst Gattin frühmorgens beim Verzehr von Toast und Marmelade filmen lässt, bis zum glamourösen Bundespräsidenten, der mit seiner zweiten Frau Bettina auf der mallorquinischen Finca des Finanzjongleurs Carsten Maschmeyer absteigt. Bis dann jene 67 Tage beginnen, eingeläutet von der ersten Veröffentlichung über den Privatkredit für sein Haus, endend mit dem Rücktritt eines bereits Gezeichneten. Die Wulff-Affäre, die die Nation unter Strom setzte.

Das Crossover der Ansichten

Es gelang den Autoren der Doku, dem sattsam bekannten Ablauf einige wenige bislang unbekannte Details hinzuzufügen. So berichten sie über die finanziellen Nöte, unter denen Wulff bereits als Ministerpräsident litt. "Die Einnahmen reichen nicht aus, um den Lebensunterhalt zu betreiten", hieß es in einer Stellungnahme der Sparkasse Osnabrück. Deswegen erhöhte die Bank damals seinen Dispokredit auf 90.000 Euro. Die Scheidung von seiner ersten Frau scheint ihn monetär über Gebühr belastet zu haben, das aufwändige Leben mit seiner zweiten Frau Bettina ebenfalls. Ist das der simple Urgrund, der Wulff in die klebrige Melange aus Gefälligkeiten, Upgrades, Geschenken und Privatkrediten getrieben hat, die ihn später das Amt kosteten?

Erstaunlicherweise diskutieren die Autoren der Doku solche Fragen nur an, beantworten sie aber nicht. Es habe ein "nachdenklicher Film" werden sollen, heißt es aus der Redaktion, einer, der den Fall in seinen Facetten zeige und das Urteil dem Zuschauer überlasse. Möglicherweise ist das die einzig statthafte Haltung im unmittelbaren Vorfeld des Prozesses, befriedigend ist sie nicht. Denn so darf jeder behaupten, was er will. Der alte Wulff-Freund Dirk Rossmann, Inhaber der gleichnamigen Drogeriekette, kann abermals insunieren, es habe sich allein um eine Medienkampagne gehandelt. Bernd Busemann, der ehemalige Justizminister Niedersachsens, einer, der ganz sicher kein Wulff-Freund ist, findet das Verhalten seines ehemaligen Weggefährten einfach nur "peinlich". Und Ole von Beust (CDU), Ex-Bürgermeister von Hamburg, präsentiert die wohl schlichteste Erklärung, weshalb Wulff so unter Druck geriet. "Tja. Eigentlich mag den keiner."

Die Absenz der "Freunde"

Spannender als diese Äußerungen ist vielleicht die Frage, wer sich nicht äußert. Nach Angaben der Redaktion haben die Autoren sämtliche ehemaligen Mitstreiter Wulffs angefragt, von seinen Freunden im Andenpakt bis zur CDU-Garde, die ihm seinerzeit öffentlich beisgesprungen ist, namentlich Wolfgang Bosbach, Peter Hintze und Peter Altmaier. Aber keiner hat auch nur einen Ton sagen wollen, offenbar wollte niemand mehr mit der Causa Wulff in Verbindung gebracht werden. Die Eiseskälte, die gescheiterte Politiker in ihrem eigenen Milieu umgibt, lässt sich nicht besser als über diese Absagen dokumentieren.

Rund 1200 Seiten haben die Ermittler zum Fall Wulff in Ermittlungakten gesammelt, der Vorwurf der Bestechlichkeit ließ sich nicht erhärten, es geht jetzt nur noch um Vorteilsnahme. Der in Rede stehende Betrag liegt bei 753,90 Euro, mit dem Filmproduzent David Groenewold Einfluss genommen haben soll. Das klingt lächerlich und nach einem Totalversagen von Staatsanwaltschaften und Medien. "Stürzte er [Wulff, Red.] über eigene Fehler oder wurde er Opfer einer öffentlichen Hetzjagd?" fragt der Pressetext zur Doku. Es wäre gut gewesen, wenn die Autoren eine Antwort gewagt hätten.