Attac-Sommerakademie Etwas zu wenig Punk


Sie wollten mehr wissen über Ökonomie, soziale Rechte, Neoliberalismus. Bei der Attac-Sommerakademie treffen Alt-68er und Neu-Frustierte aufeinander - und lernen, dass Widerstand nicht gleich Widerstand ist.
Von Philipp Eins

Die Luft ist feucht und stickig, Professor Jörg Huffschmid wischt sich mit der Hand die Schweißperlen von der Stirn. In dem Klassenzimmer der Freien Waldorfschule Karlsruhe lernen normalerweise Grundschüler. Doch die sind längst in den Ferien. Stattdessen sitzen Studenten, Berufstätige und Rentner hinter den Schulbänken, schreiben Notizen auf Arbeitspapiere oder in karierte Ringhefte.

Der Raum ist brechend voll, nicht jeder Zuhörer hat einen komfortablen Sitzplatz. Zwei Jugendliche hocken auf der Waschbank aus Porzellan, andere lehnen an blau getünchten Wänden, den Notizblock in der Hand. Jörg Huffschmid doziert. Es fallen Begriffe wie Bankgeschäfte und Finanzierungskredite, Sparer und Investoren. "Futter für Aufklärungswillige und Bildungshungrige", nennt der pensionierte Ökonom die Vorlesungen, mit denen er und seine Kollegen aus dem In- und Ausland zum Querdenken ermuntern möchte.

Die insgesamt 500 Besucher der Attac-Sommerakademie sind dazu bereit. Aus dem ganzen Bundesgebiet sind sie gekommen, um auf 40 Seminaren und 90 Workshops über Themen wie globale Ökonomie, soziale Rechte und Demokratie, Neoliberalismus und Privatisierung zu sprechen. Der sechstägige Kongress steht unter dem Motto: "Wissen ist möglich - wer Bescheid weiß, hat mehr Mut zum Widerspruch!"

Widerspruch, ja - doch wogegen eigentlich? Alexis Parra, Student der Sozialwissenschaften aus Bochum, will sich vor allem gegen eines wehren: "Die Globalisierung, bei der es so viele Verlierer gibt." Zusammen mit seinen Freunden Michael Meyer und Bianka Wektor ist der 21-Jährige mit dem Auto aus dem 350 Kilometer entfernten Ruhrpott gekommen, um die sozialkritische Bewegung Attac besser kennen zu lernen. "Mit der Gruppe hatten wir bislang nichts zu tun, kannten sie nur vom Hören", sagt er. "In unserem Kopf geisterten viele Vorurteile herum, mit denen wollten wir Aufräumen." In den ersten Tagen ist ihnen das kaum gelungen. "Wir haben vorher noch gescherzt: Jetzt fahren wir zu den Müslis! Und was nun? Wir sitzen hier und essen Müsli mit Sojamilch."

Michael, ebenfalls 21 Jahre alt, sagt: "Auf dem Kongress gibt es viele Alt-68er. Sie halten an ihren Ideologien fest, die mit unserem Leben nichts mehr zu tun haben." Er stochert widerwillig mit einem silberfarbenen Löffel in dem Gemisch aus Hafer, Sonnenblumenkernen, Äpfeln und Soja. Die Generation Praktikum, ebenfalls ein Verlierer der Globalisierung, fühlt sich auf der Sommerakademie nicht ausreichend vertreten. "Um uns zu verstehen, unsere Sorgen vor der Zukunft, sind viele Leute hier einfach zu alt", sagt Bianka. "Die Distanz ist zu groß."

Den Attacis werfen die drei Studenten vor, dass sie auf Jugendliche zu wenig eingehen. "Gestern Abend gab es ein breites Kulturprogramm, mit einem selbsternannten Polit-Zauberer und Kabarett", sagt Michael. "Das war total platt. Mit drei Minuten Punk hätten wir mehr Inhalt gemacht."

Sabine Leidig, Geschäftsführerin des Attac-Bundesvorstands, sieht das anders. Die hagere Frau mit den kurzen blondierten Haaren und dem knallroten T-Shirt hält den Generationenkonflikt für eine Farce. "Die Generation Praktikum existiert nicht", sagt die 45-jährige gelernte Biologielaborantin. "Die soziale Spaltung geht durch die Gesellschaft. Nicht das Alter spielt eine Rolle, sondern die Herkunft. Kapital kann genauso vererbt werden wie Armut."

Wo ist die soziale Verteilungsgerechtigkeit?

Attac beschäftigt sich daher mit der sozialen Verteilungsgerechtigkeit. Nicht nur in Deutschland und Europa, sondern weltweit. "Die wesentlichen lokalen Probleme können wir nur begreifen, wenn wir die globale Entwicklung in Betracht ziehen." Schöne Worte, nichts dahinter? "Von wegen", sagt Leidig. "Mit der Lidl-Kampagne von Attac haben wir uns stark gemacht für die Einhaltung von sozialen Rechten und den ILO-Normen, die Mindeststandards für Arbeitsbedingungen festlegen. Hier, aber auch bei den Produzenten in Entwicklungsländern."

Einführung von Mindestlohn und weltweiten ökologischen Standards stehen ebenfalls auf der Agenda. Das wichtigste Ziel von Attac aber ist Bildung. "Nur durch Aufklärung erreichen wir, dass die Menschen politisch aktiv werden und, gemäß unserem Motto, den Widerspruch wagen."

Neue gesellschaftliche Ideen entwickeln, politische Akzente setzen - das gefällt auch Hans-Thomas Peterson. "Ich bin begeistert, wenn ich sehe, dass sich Leute gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzen." Der 62-jährige Rentner aus Husum ist mit dem Auto von der Nordsee angereist. "Das konnte ich mir nur leisten, weil ich vorher etwas Geld dazuverdient habe", sagt der stämmige Mann mit dem wuschigen Bart. Er zeigt auf seine schulterlangen grauen Haare und erzählt von der Zeit in Berlin-Kreuzberg. Damals, Ende der Sechziger. "Da sind mir wütende Leute auf der Straße nachgerannt und wollten mir die Haare abschneiden", sagt er. "Aber ich war schneller."

Welchen Beruf er hatte? "Nicht nur einen", antwortet er. Gelernt hat er Schmied, anschließend arbeitete er als Buchhändler, Färber, Steinsetzer. "Es gab immer einen Job", sagt Peterson. Nur zu wenig Geld. Wenn seine Frau nicht als Gemeindeschwester arbeiten würde, käme er mit seiner Rente von 500 Euro nicht über die Runden. "Wirklich arm dran sind die Menschen außerhalb Europas", sagt er. Verständnis für die Generation Praktikum hat er trotzdem - er gehört selbst dazu. "Mit 53 Jahren habe ich noch ein Praktikum angefangen. Als Handwerker in einem Windpark, unbezahlt. Übernommen haben die mich aber nicht. Ich war ihnen zu alt." Peterson rührt in seiner Kaffeetasse. Ungefähr so, wie Michael zuvor im Müsli gestochert hat.


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