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Ausschreitungen in Rostock: Zwischen Wasserwerfern und Pflastersteinen

Bei schweren Krawallen zwischen Polizei und gewaltbereiten Demonstranten sind mehr als 400 Polizisten und eine unbekannte Anzahl von Demonstranten verletzt worden. Grünen-Politiker Ströbele befürchtet einen schweren Imageschaden für die Anliegen der Globalisierungskritiker.

Von Florian Güßgen und Manuela Pfohl, Rostock

Es war eine gespenstische Szene, die sich am Samstagnachmittag auf dem Gelände des Rostocker Stadthafen abspielte. Der Himmel war düster und grau. Ein Auto stand in Flammen, über den Köpfen Zigtausender Demonstranten ratterte ein Helikopter, Sirenen heulten, unzählige Polizisten rannten in Hundertschaften über das Gelände, alle in Kampfmontur . Schwarz gekleidete Demonstranten warfen mit Steinen und Stöcken auf Beamte. Gepanzerte Polizeifahrzeuge spieen Wasserfontänen auf die Demonstranten.

433 Beamte verletzt

Es gibt kein Vertun: Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und gewaltbereiten Demonstranten sind zu Krawallen eskaliert. Nach Polizeiangaben wurden dabei 433 Polizisten verletzt, 30 von ihnen schwer. Bei den schwersten Verletzungen habe es sich um offene Knochenbrüche gehandelt, sagte ein Polizeisprecher. Die genaue Zahl der verletzten Demonstranten war dagegen weiterhin unklar. Rund 60 Personen hätten sich zur Behandlung in Krankenhäusern begeben oder bei Versorgungsstationen gemeldet. Insgesamt 125 Personen wurden nach Polizeiangaben festgenommen. Die meisten davon seien nach der Feststellung der Personalien aber mittlerweile wieder frei, sagte ein Polizeisprecher. Ein Vertreter des republikanischen Anwaltvereins kritisierte gegenüber stern.de den Polizeieinsatz scharf. Die Polizei habe Wasserwerfer eingesetzt, ohne zwischen gewaltbereiten und friedlichen Demonstranten zu unterscheiden. Zudem habe sie Sanitäter zeitweise nicht zu verletzten Demonstranten vordringen lassen. Die Polizei unterlaufe überdies jeden Versuch der Demonstrationsleitung, mäßigend einzugreifen.

Ströbele: "Das gab es in Kreuzberg nicht mehr"

"Das ist alles schade. Sehr schade", sagte Hans-Christian Ströbele, Grünen-Fraktionsvize im Bundestag stern.de. Ströbele befand sich unter den friedlichen Demonstranten. Er verwies darauf, dass die überwiegende Mehrheit der nach offiziellen Schätzungen 25.000 Demonstranten sich absolut friedlich verhalten habe. Die gewaltbereiten Autonomen würden durch ihr Auftreten die Glaubwürdigkeit und die Kritik der anderen Demonstranten diskreditieren. "Am Anfang war die Demonstration friedlich", sagte Ströbele. "Nun erscheint es nach außen so, als sei diese Demonstrationsveranstaltung eine einzige Randaleveranstaltung gewesen. Für das Image der gesamten Protestbewegung ist diese Gewalt sehr schlecht und schädlich." Ströbele ist Bundestagsabgeordneter des Berliner Bezirks Kreuzberg, in dem es früher zum 1. Mai traditionell ebenfalls zu schweren Ausschreitungen gekommen ist. "In den letzten Jahren gab es das in Kreuzberg in vergleichbarer Weise nicht", sagte Ströbele stern.de.

Gehwegplatten als Wurfgeschosse

Nach Schätzungen der Polizei waren rund 2000 gewaltbereite Demonstranten, Mitglieder des so genannten "Schwarzen Blocks", nach Rostock gekommen. Nach den ersten Ausschreitungen am Rande des Rostocker Hafengeländes warfen die zumeist sehr jungen Schwarzgewandeten immer wieder Steine in Richtung der Polizisten. Auffällig war, dass sie wenig darauf achteten, ob sich in der Nähe der Polizisten auch friedliche Demonstranten bewegten. Polizisten mussten sich zum Teil vor Kinder stellen, um diese vor Verletzungen zu bewahren. Immer wieder versuchten Demonstranten, Gehwegplatten aus dem Boden zu brechen, um diese zu zerschlagen und als Wurfgeschosse zu benutzen. Diese Szene spielten sich alle am Rande jenes Platzes ab, der gerammelt voll war mit friedlichen Demonstranten. Diese warteten vor einer Bühne auf die Redner der Abschlusskundgebung der Demonstration.

"Wir wollen diese Auseinandersetzung nicht"

Die Situation eskalierte erneut, als die Polizei erstmals Wasserwerfer einsetzte, die zum Teil mit hoher Geschwindigkeit auf einen Pulk von Demonstranten losfuhren. Die Demonstranten stoben auseinander. Im Laufe des Nachmittags setzte die Polizei immer mehr Wasserwerfer ein. Von jener Bühne aus, auf der am Abend die Pop-Band "Wir sind Helden" spielen sollte, versuchte die Demonstrationsleitung anfangs noch, dien Situation zu beruhigen. Sie forderte die Polizisten auf, den Demonstranten fernzubleiben und vor allem auf den Einsatz der Wasserwerfer zu verzichten. Allerdings forderten die Veranstalter auch die militanten Demonstranten auf, jede weitere Provokation zu unterlassen. "Wir als Demonstration wollen diese Auseinandersetzung nicht", rief ein Sprecher von der Bühne dem Publikum entgegen, während über ihm die Hubschrauber knatterten und die Steine durch die Luft flogen. "Wir sind nicht hierher gekommen, um Auseinandersetzungen mit der Polizei zu führen." Für die Organisatoren sind die Krawalle ein Desaster. Mit den Ausschreitungen ist es einer Minderheit gelungen, die gesamte Veranstaltung zu torpedieren. Damit ist auch der Versuch der gemäßigten Demonstranten gescheitert, gewaltbereite Gruppen einzuhegen.

Monty Schädel wird durch Tränengas verletzt

Dabei hatte die Demonstration am Mittag friedlich begonnen. Die Demonstranten waren auch ohne größere Zwischenfälle durch die Rostocker Innenstadt gelaufen. Die Polizei hielt sich, getreu der Strategie der Deeskalation, im Hintergrund. Erst als der "Schwarze Block", der tatsächlich furchterregend aussieht, wenn er an einem vorbeimarschiert, auf das Hafengelände einbog, griff die Polizei aus noch unbekanntem Grund zu. Demonstrationsteilnehmer berichteten, die Polizei habe einige Demonstranten ohne erkennbaren Grund aus dem "Schwarzen Block" herausholen wollen. Daraufhin habe die gewaltsame Auseinandersetzung ihren Lauf genommen. Auch Monty Schädel, der Organisator der Demo, die unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" gestanden hatte, wurde am Nachmittag durch Tränengas leicht verletzt. Das Konzertprogramm wurde am Abend trotz der Randale fortgesetzt. Um kurz nach neun traten die "Helden" auf.

Von:

Manuela Pfohl und