Ausstellung Damals in der DDR


Jenseits von SED und Stasi bewegt sich eine Ausstellung in Marienborn. Auf der Suche nach dem Wesen der sozialistischen Gesellschaft rückt sie Schicksale in den Vordergrund - und zeichnet ein differenziertes Bild vom DDR-Alltag.

Ananas zum Frühstück, Mahnwache für Stalin, staatliche Willkür und privates Glück: Die neue Sonderausstellung "Damals in der DDR" in der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn bietet Besuchern einen sehr differenzierten Blick zurück. Jenseits verklärender Ost-Romantik á la "Good bye, Lenin" und einseitiger Darstellungen als Hort der Unterdrückung versucht die Schau, ein realistisches Bild vom Leben im Arbeiter- und Bauernstaat zu zeichnen. Anhand teils bisher nicht gezeigter Fotos und Dokumente werden 20 Menschen vorgestellt, deren Biografien exemplarisch für 40 Jahre real existierenden Sozialismus stehen - und damit für Schönes, Schlimmes, Anrührendes, Banales, Gegensätzliches, Spannendes.

Da ist etwa der Ex-Hitlerjunge Johannes Decker, der in den 50er Jahren im Erzgebirge Uran fördert und voller Ehrfurcht zum Genossen Stalin aufschaut. Oder Elektromeister Walter Danschke aus Eisenhüttenstadt, der nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 als "Reaktionär und Kriegshetzer" für drei Jahre inhaftiert wird, obwohl er mit dem Protest nichts zu tun hatte.

Räucheraal für Ferienplätze

Da ist Hildegard Gaedicke aus dem Schwermaschinenbaukombinat Magdeburg, die 1972 einen unbeschwerten FDGB-Urlaub im noblen Interhotel "Neptun" in Warnemünde verbringt und sich wundert, dass das mit Ananas verzierte Frühstücksbüffet immer wieder nachgefüllt wird. Oder Hoteldirektor Klaus Wenzel, der mit Agrarbetrieben Radieschen und Räucheraal gegen Ferienplätze tauscht, um die allgegenwärtige Mangelwirtschaft zu umgehen.

Da ist Beate Ziethen aus der Nähe von Saalfeld, die 1980 einen Ausreiseantrag stellt und erst nach drei Jahren Schikane durch Behörden und Stasi mit ihrem Mann und zwei Kindern in den Westen darf. Oder Jörg Leuschke aus dem sächsischen Hohnstein, der von 1987 bis 1990 als DDR-Seemann die halbe Welt sieht und sich so einen Traum erfüllt.

Das Streben nach Normalität

"Das Leben zwischen Kap Arkona und Erzgebirge bestand nicht nur aus Stasi, SED und gedopten Leistungssportlern", sagt Gedenkstättenleiter Joachim Scherrieble. "Auch in der DDR versuchten Menschen, ihr Leben zu leben, hatten das Bedürfnis nach persönlichem Glück und Normalität, wobei die Rahmenbedingungen dies nicht immer zuließen."

Menschen wie der Berliner Dieter Wendland, der in den 70er Jahren den Wehrdienst verweigert und allen Widrigkeiten zum Trotz zwei Jahre als so genannter Bausoldat schuftet. Oder Jürgen Schubert aus dem sächsischen Lößnitz, der als guter Schütze bei den "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" seinen Kameraden zu Buchprämien und Anstecknadeln verhilft.

Mensch im Mittelpunkt

Das Konzept für die Ausstellung, die nach der Eröffnung am Freitag bis zum 25. September zu sehen ist, wurde vom Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig entwickelt und geht auf ein Fernseh- und Multimediaprojekt von MDR und WDR zurück. "Wir wollen den Menschen Geschichte durch Geschichten näher bringen und stellen die Ostalgie ganz bewusst in Frage", sagt Kuratorin Henrike Girmond. Ein solches Projekt sei besonders für junge Leute geeignet, die die deutsche Teilung nicht mehr erlebt hätten.

Geeignet ist auch der Ort, denn in der Gedenkstätte Deutsche Teilung ist Geschichte in ganz besonderer Weise erlebbar. Die Gedenkstätte befindet sich auf dem Gelände des einst bedeutendsten deutsch-deutschen Grenzübergangs Marienborn-Helmstedt an der Autobahn 2 (Hannover-Berlin), auf dem zahlreiche Sperr- und Kontrollanlagen bis heute erhalten sind. Eine Dauerausstellung im früheren Stabsgebäude dokumentiert das DDR-Grenzregime, während sich Sonderausstellungen unterschiedlichen Aspekten der jüngeren deutschen Geschichte widmen.

Stefan Kruse/DPA DPA

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