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Meinung

Neue EU-Klimavorgaben: Wann hören wir von der Autobranche endlich einmal: "Wir packen das an"?!

Wann immer Anforderungen an die deutsche Autoindustrie gestellt werden, fängt das Zaudern und Zagen an. Damit bremst sich die Branche mit ihrer Innovationskraft selber aus. Das ist unverantwortlich.

VW-Chef Driess sieht eher Gefahren als Chancen in den Klimavorgaben der EU

Neue Klimavorgaben der EU: VW-Chef Diess sieht eher Gefahren als Chancen

DPA

Man hätte darauf wetten können. Kaum stellen die EU-Umweltminister substanzielle Anforderungen an die deutschen Autobauer (Senkung des CO2-Ausstoßes von Autos um 35 Prozent), wird gleich die dickste Keule ausgepackt: Rund 100.000 Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel, sollte sich das EU-Parlament mit seiner Forderung nach einer CO2-Minderung von sogar 40 Prozent durchsetzen, lederte VW-Konzernchef Volker Diess in der "Süddeutschen Zeitung" los. Bei diesen Vorgaben müssten schon 2030 die Hälfte aller Fahrzeuge rein elektrisch fahren. Das sei in dieser Geschwindigkeit "kaum zu managen". Klingt nach: Gute Nacht, Deutschland!

Es ist immer die alte Leier. Schon als 1983 das bleifreie Benzin eingeführt wurde, um die zunehmende Luftverschmutzung einzudämmen, trat die Industrie auf die Bremse. Nachrüstung und Einbau von sowie serienmäßige Ausstattung der Fahrzeuge mit Katalysatoren - alles unwirtschaftlich und teuer (übrigens vor allem für die Kunden). Und danach? Ob E10-Sprit, Brennstoffzelle, Elektro- : Einmal, nur ein einziges Mal, möchte man von den selbsternannten Innovatoren frühzeitig hören: Wir packen das an; wir lassen uns was einfallen! Stattdessen wird gezaudert, gezögert, am Althergebrachten festgehalten, um auch noch das letzte Geschäft zu machen. Wohlgemerkt aber: Nicht das Geschäft der Zukunft! Das wird teilweise jetzt schon woanders gemacht - zum Beispiel in Korea und China, wo Batteriekonzerne die Entwicklung von Elektroantrieben vorantreiben. 

Autobauer: Angst bremst Innovationskraft aus

"Deutschland ist ein Innovationsland. Wir sollten unsere Stärke nutzen und nicht im Angstschreien durch die Gegend laufen", schreibt deshalb Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöfer im NDR der Autoindustrie ins Stammbuch. Er hat völlig recht; er sollte sogar sagen: Wir müssen unsere Stärke nutzen. Der Wirtschaftsprofessor von der Universität Duisburg-Essen hält die Klima-Vorgaben der EU im Gegensatz zu Diess für ein Beschleunigungsprogramm für die deutschen Autobauer. Allerdings nur, wenn VW und Co. das auch wollen.

Dabei sollte das peinliche Streetscooter-Beispiel der Branche doch Warnung genug sein. Für ihre gelben vollelektrischen Kleintransporter wollte die Deutsche Post vor Jahren - selbstverständlich - einen der namhaften Automobilhersteller gewinnen. Das an den Tag gelegte Interesse war der Post aber nicht gut genug. Jetzt macht sie das Geschäft selbst. Seit 2014 gehört die Aachener Streetscooter GmbH zum Konzern, als 100-prozentige Tochter. Die Post baut ihre Elektro-Transporter also sozusagen selbst - und zwar mit Erfolg. Es gibt weitere Modelle und seit Mai einen zweiten Produktionsstandort. Klimaschonend und fahrverbotsvermeidend sind die vollelektrischen Wagen auch noch. Das ist innovativ.

Diess nennt E-Mobilität "Wahnsinn"

VW-Chef Diess aber addiert in der "Süddeutschen" weiter so lange alle Probleme bis er E-Mobilität zum "Wahnsinn" erklären kann. Und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) - wie seine Vorgänger in erster Linie Auto-Minister - kritisiert seine Umwelt-Kollegin Svenja Schulze, weil sie die Klima-Vorgaben der nicht im Koalitionssinne weiter gedrückt hatte. Aufbruch fühlt sich anders an. So wird vieles zerredet, die Zeit vergeht. Und in dieser Art geht es schon viele viele Jahre. Angesichts dessen läuft die Beschwerde, das alles sei in der Kürze der Zeit "kaum zu managen", dann doch ins Leere. 

Niemand behauptet, dass der Umstieg auf die E-Mobilität problemlos und einfach ist. Im Gegenteil: Es gilt, enorme Probleme zu lösen. Vielleicht muss man gar ein ganz anderes Konzept von Mobilität entwerfen und umsetzen. Ideen sind gefragt. Gerade deshalb wäre es so wichtig, dass die Autobranche mal so richtig zeigt, was in ihr steckt. Äußerungen wie die von VW-Chef Diess machen aber wenig Mut. Der größte Autobauer der Welt, vom Diesel-Desaster noch schwer erschüttert, bremst seine durchaus vorhandene Innovationskraft selber aus. Angesichts der Herausforderungen, die Verkehrsinfarkt, Luftverschmutzung und Klimawandel stellen, ist das schlichtweg verantwortungslos. Geht es so weiter, werden wir das wohl alle zu spüren bekommen.

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fs