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Bahn-Gipfel zum Hitze-Chaos Mauern, hinhalten, abwehren


Wer hat das Hitze-Chaos bei der Bahn verbockt? Beim Krisengipfel im Bundestag hat Bahnchef Grube darauf offenbar keine überzeugende Antwort geben können. Selbst Regierungsvertreter waren unzufrieden.
Von Christoph Cöln

Anton Hofreiter hat genug. Von der vermeintlichen Hinhalterei, von der vermeintlichen Salamitaktik. "Ich bin langsam richtig genervt", sagt der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, "seit Jahren behauptet die Bahn, dass alles besser werden soll. Aber bis jetzt ist nichts passiert". Hofreiter steht vor dem Saal E 600 im Paul-Löbe-Haus. Dort, beim so genannten Bahn-Gipfel, haben sich am Donnerstag Vertreter des Verkehrsausschusses mit Verkehrsminister Peter Ramsauer und Bahnchef Rüdiger Grube getroffen, um über das Hitze-Chaos bei der Bahn zu sprechen. Eigentlich ging es um eine einzige, zentrale Frage, die immer noch das Land bewegt: Wie konnte es so weit kommen, dass Klimaanlagen in ICE-Zügen ausgerechnet dann reihenweise ausfallen, wenn sie am meisten benötigt werden? Wer hat das verschuldet: die Bahn, die Hersteller, das Personal? In den vergangenen Tagen hatten Bahn und Hersteller den Schwarzen Peter munter hin und her geschoben, nun sollte Tacheles geredet werden.

"Jeder ausgefallene Zug ist einer zu viel"

Genau das geschah am Donnerstag aber nicht. Bahnchef Grube konnte keine neuen Erkenntnisse verkünden, sondern wiederholte all das, was er in den vergangenen Tagen bereits gesagt hatte. "Jeder ausgefallene Zug ist einer zu viel", sagte er nach der Sitzung. Und: "Wir werden alles dafür tun, dass die Störfälle gründlich aufgearbeitet werden." Bei der anstehenden Generalüberholung der 44 ICE-2-Züge werde die Klimaanlage besonders ins Auge gefasst. Die neuen Generationen von ICE-Zügen würden mit verkehrstüchtigen Geräten für bis zu 45 Grad ausgelegt. Wir haben in den letzten sechs Tagen eine deutliche Stabilisierung gehabt", sagte Grube. Bis auf zwei Ausnahmen hätten die Klimaanlagen wieder gearbeitet. In den Tagen zuvor mussten rund 50 Züge wegen Überhitzung gestoppt werden. Grube zufolge hat die Bahn die Klimaanlagen in den vergangenen Tagen verstärkt gewartet und an einzelnen Teilen wie der Druckkontrolle nachjustiert. Zusammen mit gesunkenen Außentemperaturen habe sich die Lage daher entspannt. Auch die Zahl der Fahrgäste, so Grube, sei nicht gesunken. "In der vergangenen Woche konnten wir keine signifikanten Abweichungen bei der Zahl der Reisenden feststellen", sagte er.

Nicht nur die Opposition, auch Regierungsvertreter zeigten sich am Donnerstag unzufrieden mit dem Auftreten des Bahnchefs. "Warum die Klimaanlagen ausgefallen sind, konnte heute nicht abschließend geklärt werden", sagte CDU-Mann Thomas Jarzombek nach der Sitzung. Patrick Döring, verkehrspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, legte nach: "Auch die Vorwürfe hinsichtlich der Transparenz von Wartungsintervallen konnten nicht entkräftet werden." Der Vorwurf lautet: Die Bahn wartet ihre Züge in immer größeren Abständen. Aus Kostengründen. Und das schon seit Jahren. Das Budget für Wartungsarbeiten sei einfach zu gering, um die störanfälligen ICEs angemessen überprüfen zu können, behauptet auch Hofreiter. Hier betreibe die Bahn eine völlig falsche Investitionspolitik, so der Grünen-Politiker. Sie drücke die Kosten, wo es nur gehe - und zwar deshalb, weil sie sich hübsch machen wolle für den geplanten Börsengang. Das sieht auch Winfried Hermann so, ebenfalls ein Grüner und zudem Vorsitzender des Verkehrsausschusses. "Das sind Probleme, die ich eindeutig auf den Börsengang zurückführe."

Beweislast bei der Bahn

Uwe Beckmeyer, SPD-Obmann im Ausschuss, forderte einen Beleg dafür ein, dass nicht die Einsparungen für das Hitzechaos verantwortlich sind: "Die Bahn muss beweisen, dass nicht ein umfassender Sparkurs zu diesen Ausfällen geführt hat", sagte er. Sabine Leidig, von der Linkspartei, formulierte es drastischer: "Wir wissen, dass es über die Jahre Unterinvestitionen der Bahn ins rollende Material gegeben hat. Hier wird schlichtweg das Brot- und Buttergeschäft vernachlässigt."

Dass die Bahn auch rund drei Wochen nach dem ersten schweren Zwischenfall mit einem völlig überhitzten ICE immer noch keine schlüssigen Erklärungen liefern kann, ist dabei reichlich erstaunlich. Zwar hat das Unternehmen zur Ermittlung der Ursachen eigens eine Task Force eingerichtet. Diese habe jedoch keine Wartungsmängel bei der ICE-II-Flotte feststellen können, hieß es. Auch seien die Klimaanlagen nicht defekt, sondern lediglich überhitzt gewesen. Das bedeutet: Bei hohen Temperaturen laufen die Kühlaggregate dauerhaft im Volllastbetrieb, irgendwann schalten sie sich automatisch ab. Von Seiten der Bahn hieß es, das Zugpersonal sei daher angewiesen worden, die Klimaanlagen vorsorglich runterzuschalten, von 19 auf 23 Grad. In den ICE-Zügen wird es also in Zukunft deutlich wärmer werden als bisher.

Verkehrsminister Ramsauer kündigte Nachbesserungen vor allem beim Zulassungsverfahren neuer Züge an. Das Eisenbahnbundesamt, das für die Zulassung der ICEs zuständig ist, solle dabei verstärkt auf die Anforderungen an die Klimaanlagen achten, sagte er. "Auch auf europäischer Ebene müssen wir eine Neuregelung der bestehenden Normen für Klimaanlagen diskutieren", so Ramsauer

500 Euro Schmerzensgeld

Eines immerhin scheint das Unternehmen bereits umzusetzen: All jenen Reisenden, die in einem überhitzten ICE sitzen mussten, wird die Bahn eine Entschädigung zahlen. Passagiere, die sich in ärztliche Behandlung begeben mussten, bekommen pauschal 500 Euro Schmerzensgeld - auch ohne ärztliches Attest. Alle anderen erhalten die Hälfte des Ticketpreises zurück - sofern sie sich bei der Bahn melden und ihren Anspruch nachweisen können. "Wir werden uns mit den Kunden aber nicht streiten, sondern schnell und unbürokratisch zahlen", sagte Grube.

Ungemach droht der Bahn ohnehin nicht nur von der Politik, sondern auch von juristischer Seite. Verbraucherschützer erstatteten am Donnerstag wegen der Hitzepannen Anzeige gegen Konzernchef Rüdiger Grube. "Es muss geklärt werden, ob es in Zusammenhang mit dem Ausfall von ICE-Klimaanlagen Defizite bei der Information der Fahrgäste gegeben hat", sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv), Gerd Billen, den Dortmunder "Ruhr Nachrichten" von Freitag. Daher habe der vzbv bei der Staatsanwaltschaft Berlin Strafanzeige wegen des Verdachts auf fahrlässige Körperverletzung gestellt.

Für die Kunden der Bahn ist das vorerst nur ein schwacher Trost. Sie müssen erstmal damit rechnen, auch weiterhin in störanfälligen Zügen durchs Land kutschiert zu werden. "Wenn das so weitergeht", sagte Anton Hofreiter, "dann fahre ich bald nicht mehr mit der Bahn."


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