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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Streikt doch!


Fährt keine Bahn? S-Bahn och nich? Na, zumindest den Berliner lässt das kalt. Hier streiken sowieso alle. Immer. Das schult das Improvisationsvermögen.
Von Lutz Kinkel

Sehr geehrter Herr Weselsky,

ehrlich: mir geht ihre Bahnstreikerei inzwischen am A ... vorbei. Beim ersten Mal war ich noch wütend, beim zweiten Mal fand ich es ärgerlich, jetzt stehe ich drüber. Das ist ein bisschen wie mit den Terminen für die Eröffnung des Berliner Großflughafens. Die kümmern auch keinen mehr. Es wäre eine große Überraschung, würde er überhaupt eines Tages eröffnet.

Natürlich hilft es, Berliner zu sein. Hier streiken praktisch alle, und zwar immer. Keine Arbeiter auf der BER-Baustelle, keine Polizisten in den NoGo-Areas von Neukölln. Kein Putz an den Klassenzimmer-Wänden, kein unfallfreier S-Bahn-Betrieb im Winter. Kurz: Es läuft sowieso etwas chaotisch in der Hauptstadt. Aber die Leute haben gelernt zu improvisieren. Kein bezahlbarer Wohnraum an der Spree? Na, dann lasst uns das Baugrundstück am Wasser besetzen.

Castrop kommt

Der Berliner ist abgehärtet - und er bewegt sich freiwillig nirgendwo hin. Wir sind es gewohnt, dass die Menschen zu uns kommen, ob wir es wollen oder nicht. Touristen, Freunde, Verwandte, Bekannte, sie alle wollen der Enge von Castrop-Rauxel entfliehen. Helene Fischer und die Nationalmannschaft, Alexis Tsipras und Barack Obama. David Hasselhoff! Minister, Kanzler und Präsidenten. Es ist schon schwierig, an einem beliebigen Tag in Berlin-Mitte nicht über einen Promi zu stolpern. Wenn die ganze Welt aber schon hier ist, wozu dann noch raus in die Welt? Und dann noch mit dem Zug?

Tja, Herr Weselsky. Hätten Sie wenigstens einen triftigen Grund, das Land zu bestreiken. Zum Beispiel, weil Sie einen Batzen Geld für ihre unterbezahlten Bahner rausholen wollen. Dann hätten sie wenigstens die Sympathien auf ihrer Seite. So aber, da es Ihnen nur um die Macht ihrer Gewerkschaft geht, haben Sie nicht einmal das. Und als Geiseln für ihre Spielchen lassen wir uns nicht mehr nehmen. Nicht einmal emotional.

Bus-Betreiber danken

Von uns bekommen Sie ein Schulterzucken. Und von Mitfahrzentralen und Fernbus-Betreibern ein großes, großes Dankeschön. Ihre Bahn, Herr Weselsky, die kriegen Sie vielleicht kaputt. Uns nicht.


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