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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Todesstern BER in der "Fertigstellungsterminzone"

Der Flughafen Berlin Brandenburg wird nie fertig. Längst geht es nicht mehr um den Termin der Eröffnung, sondern um den Termin seiner Beerdigung.

Von Jan Rosenkranz

Achthundertsechsundsechzig Tage sind bis heute vergangen, seit der Nicht-Eröffnung des "Todessterns" BER. Längst wächst Unkraut aus den Fugen des Bodenbelages auf dem Flughafengelände in Schönefeld.

Achthundertsechsundsechzig Tage sind bis heute vergangen, seit der Nicht-Eröffnung des "Todessterns" BER. Längst wächst Unkraut aus den Fugen des Bodenbelages auf dem Flughafengelände in Schönefeld.

Vor 106 Jahren eröffnete der Pilot August Euler in Griesheim bei Darmstadt den ersten deutschen Flughafen. Dabei ist es nicht geblieben. Weitere sind hinzugekommen, drei Stück allein in Berlin, die - man muss es sagen – ordentlich funktioniert haben und zum Teil noch immer funktionieren. Es ist also nicht so, als hätten die Bauherren des BER seinerzeit Neuland betreten, als sie im September 2006 den ersten Spaten in märkischen Sand gestochen haben. Man muss auch daran erinnern: Sie wollten einen Flughafen bauen, auf dem Flugzeuge starten und landen, auf dem Passagiere ein-, aus- und umsteigen können. Einen Flughafen, keinen interstellaren Weltraumbahnhof – trotzdem ist der BER längst zum Todesstern geworden.

866 Tage, in Worten: achthundertsechsundsechzig, sind bis heute vergangen, seit der Nicht-Eröffnung dieses Todessterns. 583 Tage, in Worten: fünfhundertdreiundachtzig, sind vergangen, seit Hartmut Mehdorn das Kommando auf der Brücke übernommen hat. 583 Tage, die auch ihm nicht gereicht haben, um das Schönefelder Chaos wenigstens halbwegs zu ordnen. 583 Tage, die nicht langten, um auch nur den Plan für eine funktionierende Entrauchungsanlage zu erstellen. 583 Tage, in denen Hunderte hochbezahlte Berater nicht imstande gewesen sind, den Ist-Zustand auf der Baustelle mit dem Soll-Zustand in den Plänen abzugleichen und ein Konzept zu entwerfen, wie man Soll in Ist verwandelt – und vor allem: Wie lange dieser Prozess dauern wird.

In die "Terminzone" passt ein halbes Jahr

Der Berg kreißte, 583 Tage lang, und gebar eine "Fertigstellungsterminzone". Es ist ein Euphemismus für "Irgendwann". Statt eines fixen Datums will sich Mehdorn nämlich nur noch auf diesen "Terminkorridor" festlegen. Wäre man zynisch, könnte man das als Fortschritt werten: Ursprünglich hatte der 72-Jährige nämlich gar keinen Termin nennen, sondern kackdreist nach dem Motto verfahren wollen: Lasst mich mal machen, ich melde mich, wenn ich Geld brauche und sage Bescheid, wenn ich fertig bin. Weil Frechheit aber doch nicht immer siegt, sah Mehdorn sich zuletzt genötigt, zur Aufsichtsratssitzung im Dezember doch einen Termin der Eröffnung bekannt zu geben.

Daraus wurde nun eine "Terminzone". Sie ist schon jetzt so groß, dass bequem ein halbes Jahr hineinpasst: Herbst 2016 bis Frühjahr 2017. Im besten Falle würde also 1570 Tage nach der offiziellen Nicht-Eröffnung das erste Flugzeug starten. 4 Jahre, 3 Monate und 3 Wochen später. Oder aber doch 1750 Tage danach, also 4 Jahre, 9 Monate und 2 Wochen. Vielleicht dauert es auch länger. Wer weiß das schon? Es droht auf jeden Fall die Ausweitung der Fertigstellungszone. Der Chef des Verkehrsausschusses im Brandenburger Landtag hält es jedenfalls schon jetzt für gut möglich, dass der Flughafen erst nach 2017 in Betrieb geht. Vielleicht auch nie. Diese Variante ist jedenfalls die wahrscheinlichste.

Einfach sagen, was alle längst wissen

Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, heißt es unisono im Kreise der Verantwortlichen, der BER wird auf jeden Fall fertiggestellt. Weil niemand sein Gesicht verlieren darf, auch wenn da niemand mehr ist, der noch ein Gesicht zu verlieren hätte.

Einen Tag vor der nächsten Sitzung des Aufsichtsrates im Dezember tritt Klaus Wowereit von seinen Ämtern zurück, als Regierender von Berlin, als oberster Flughafen-Aufseher. Sein Nachfolger sollte den Mut aufbringen, die nächste Sitzung nicht mit "Fertigstellungsterminzonen" zu verschwenden, er sollte aufhören, sich selbst zu belügen und sich belügen zu lassen. Und stattdessen einfach sagen, was alle längst wissen: Das Projekt ist nicht zu retten. Es geht nicht mehr um einen Termin zur Eröffnung des BER. Es geht längst um den Termin seiner Beerdigung.

Jan Rosenkranz ist Reporter im Berlin Büro des stern. Den ersten Flug seines Lebens trat er 1987 an - auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. Dem Autor auf Twitter folgen: @RosenkranzJan