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Tsipras zu Besuch bei Merkel: Jetzt offiziell: Deutsche sind keine Nazis

Bei der gemeinsamen Pressekonferenz fanden Angela Merkel und Alexis Tsipras einige gute Worte füreinander. Doch unter der Oberfläche gärt es. Über ein diplomatisches Degenfechten.

Von Lutz Kinkel

Ende der Pressekonferenz: Abgang zum Shakehands vor den Fahnen. Alexis Tsipras und Angela Merkel.

Ende der Pressekonferenz: Abgang zum Shakehands vor den Fahnen. Alexis Tsipras und Angela Merkel.

Pressekonferenz im Kanzleramt, alle Plätze sind schon eine dreiviertel Stunde vor Beginn besetzt, mindestens zwei Dutzend Kamerateams richten ihre Objektive auf die beiden Stehpulte vor der blauen Medienwand aus. Links die Fahne Griechenlands, dort steht Ministerpräsident Alexis Tsipras. Rechts die Fahne Deutschlands, dort steht Kanzlerin Angela Merkel (sie steht bei Staatsbesuchen immer rechts). Und dann passiert dieser Moment, in dem alle die Luft anhalten. Ein älterer, griechischer Journalist tritt ans Mikrophon, graue Haare, Pferdeschwanz. Sichtlich erregt erklärt er, dass er Merkel mit Nazis in Griechenland gesehen habe! Die deutsche Regierung müsse nun endlich mehr für ihr Ansehen im Ausland tun! Und sich der Frage nach Reparationszahlungen stellen.

Stille.

Merkel mit Nazis in Griechenland?

Natürlich meinte der Journalist das aktuelle, vorsichtig formuliert: ziemlich verunglückte und bereits heftig kritisierte Cover des "Spiegel". Unter dem Titel "The German Übermacht" hatten die Grafiker die Kanzlerin in ein Gruppenbild mit Nazis vor die Akropolis gestellt. Diese Montage sollte das verquere Bild des Auslands von der vermeintlichen deutschen Allmacht illustrieren. Der griechische Journalist nahm es jedoch nicht als Beschreibung einer falschen Wahrnehmung auf. Sondern als Hinweis, dass die deutsche Regierung in einer Tradition zu den Nazis stehe. Als Beleg für den moralischen Abgrund, auf dem das Kanzleramt gebaut sei.

Deutschland und die Nazis

Geistesgegenwärtig räumte Tsipras den Einwurf jedoch sofort ab. "Ich finde das sehr ungerecht gegenüber der Bundeskanzlerin, diese Provokation", sagte er. Und fuhr fort: "Auch meine Parteizeitung hat da etwas Schreckliches veröffentlicht. Und ich habe gesagt: So geht das nicht." Tsipras spielte auf eine Karikatur von Wolfgang Schäuble an, die den Finanzminister nachhaltig verärgert hatte. Auch er war als Nazi denunziert worden, als Unmensch, der angeblich Seife aus den Griechen machen wolle. Tsipras hatte die Karikatur bereits in einem Interview mit dem stern als unglücklich bezeichnet. "Lassen Sie doch diese Schatten der Vergangenheit hinter sich", sagte er. Die heutige demokratische Regierung Deutschlands habe nichts mit dem NS-Regime zu tun.

Immerhin. Eine Klarstellung. Die deutsche Regierung besteht nicht aus Nazis. Man ist ja inzwischen über jedes Wort dankbar, das die Beziehungen nicht weiter vergiftet. Sondern, auch wenn es schwurbelig klingt, Ebenen der Verständigung eröffnet.

Und von diesen Worten hatte Tsipras einige. Er plädierte eindringlich dafür, die wechselseitigen Stereotypen aufzugeben. Weder seien die Griechen Faulenzer, noch seien die Deutschen verantwortlich für die Probleme in Griechenland. Die Frage der Reparationen sei keine materielle - also eine, die Geldforderungen nach sich zieht. Sondern in erster Linie ein ethisches und moralisches Problem. Im Übrigen gäbe es kein Mitglied seiner Regierung, das die Absicht hegen würde, Deutschlands Eigentum in Griechenland zu pfänden. "Das können Sie vergessen", sagte er. Auch das war eine interessante, deeskalierende Neuigkeit. Tsipras war erkennbar bemüht, die Empörungswellen mit vertrauensbildenden Maßnahmen zu glätten.

Mühsam kontrollierte Mimik

Zumindest was den emotionalen, und für die aktuelle Krise nicht sonderlich hilfreichen Streit um die deutschen Reparationszahlungen betrifft. In allen anderen Angelegenheiten blieb der griechische Ministerpräsident zwar freundlich, aber in der Sache eher hart. So wiederholte er die Position seiner Regierung, dass das EU-Hilfsprogramm in den vergangenen fünf Jahren Griechenland nicht geholfen habe. Sondern die Wirtschaft in Hellas abgewürgt, eine enorme Arbeitslosigkeit und bittere Armut produziert habe. Nun gehe es darum, politische Lösungen zu finden. Zwar werde seine Regierung die eingegangenen Verträge und Verpflichtungen achten und respektieren. "Aber mit einer bestimmten Priorität". Aha.

Kurz gesagt teilte er Merkel damit nochmals öffentlich mit, dass er ihre Rettungspolitik für grundfalsch hält. Und dass sich seine Regierung nicht in eine Zwangsjacke stecken lassen wird. Merkel, die neben ihm stand, hatte während dieser Tsipras-Sätze Mühe, ihre Gesichtszüge zu kontrollieren. Sie durfte sich in diesen Momenten keinen erkennbaren emotionalen Ausbruch erlauben. Sonst wären die schönen vertrauensbildenden Maßnahmen gleich wieder in der Kanalisation des Kanzleramts verschwunden.

Diplomatie der Gegensätze

Bemerkbar war der grundlegende Dissens allerdings in den vielen höflichen Formulierungen, die freundlich klingen sollten, aber die Kritik aufblitzen ließen. Merkel sagte, es gäbe enge und freundschaftliche Beziehungen zu Griechenland und den Menschen in Griechenland - Tsipras' Regierung erwähnte sie in diesem Satz nicht. Zur neuen griechischen Administration erklärte sie, man müsse zu einer vertrauensvollen Zusammenarbeit finden. Tsipras ließ seinerseits den Satz fallen: "Wir müssen uns besser verstehen". Und: "Wir müssen einen gemeinsamen Boden definieren." Auf diesem stehen die beiden Regierungschefs natürlich noch lange nicht. Merkel wies immer wieder auf die Vereinbarung zwischen der EU und Griechenland vom 20. Februar hin, in der sich die Regierung Tsipras zur Zusammenarbeit mit den Institutionen, formerly known as Troika, und der Fortführung der Programme verpflichtete. Tsipras bezog sich so gar nicht auf die Vereinbarung.

Um das zwischenzeilige Geholze weiter zu entschärfen, betonten jedoch beide Seiten, dass es hier nicht um konkrete Maßnahmen ginge - die, sollte man meinen, aufgrund der unmittelbar drohenden griechischen Staatspleite schon Beachtung verdienen würden. Merkel sprach von einem "Antrittsbesuch" des griechischen Ministerpräsidenten, derselbe von einem "Meinungsaustausch".

Und nun: das Wetter

Nach einem kurzen freundlichen Shakehands vor den Fahnen - die Fotos werden Tsipras daheim nicht nur zum Ruhme gereichen - löste sich die Pressekonferenz auf. Die beiden Regierungschefs verabschiedeten sich zum gemeinsamen Abendessen, am Dienstag will Tsipras auch die Grünen und die Linken treffen. Es wird die beiden viel Mühe kosten, dass am späten Abend nicht der Rotwein im Glase sauer wird. Der charmante Herr Tsipras, der im Gegensatz zur Kanzlerin viel lächelte, gab sich jedenfalls optimistisch. "Sie sehen schon, ich habe das gute Wetter aus Griechenland mitgebracht", war einer seiner letzten Sätze. Sein Land ließ er bewölkt zurück.