Berlin vertraulich! Merkel lässt andere vortanzen


"Oben ist, wo Merkel sitzt" - so in der Art hat die Bundeskanzlerin jüngst wieder klar gemacht, wer der Chef im Berliner Ring ist. Auf dem Bundespresseball aber hält sie sich vornehm zurück: Tanzen ist nicht ihre Lieblingsbeschäftigung, stattdessen muss Thomas de Maiziere ran.
Von Hans Peter Schütz

Wo ist Angela Merkel? Jedenfalls nicht dort, wo kommenden Freitag in Berlin die Musik spielt - auf dem Bundespresseball, dem zehnten in Berlin. Mit dem Motto "Metropoly" erweisen die einladenden Journalisten der Bundespressekonferenz der Bundeshauptstadt ihre Reverenz.

2800 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Medienwelt treten an, hinter den Kulissen sind rund 1500 Ballhelfer im Einsatz. Und wie immer schon seit 19 Jahren schont die Bundeskanzlerin ihr Tanzbein. Ob sie nun persönlich ein Tanzmuffel ist oder ihr Mann oder alle beide, ist bis heute nicht final geklärt. Vertreten auf dem Parkett muss sie Kanzleramtsminister Thomas de Maiziére, woran man sieht, welche harten Job manche Merkel-Mitarbeiter abdienen müssen.

Merkel lehnt mit dem Satz ab: "Ich gehe jetzt ungefähr zum 19. Mal nicht hin, weil ich, seitdem ich in der Politik bin, nicht beim Bundespresseball war. Es gibt auch andere kulturelle Höhepunkte." Lieber Bayreuth mit Wagner-Oper also als Berlin, wo die Staatskapelle Berlin aufspielt, dirigiert von Simone Young, der Generalmusikdirektorin der Hamburgischen Staatsoper. Und wer am Ballmorgen gar nicht nach Hause möchte, der kann mit den Status Quo abrocken, die schon seit 40 Jahren die Jugend begeistern. Auf der Bühne dann Rock-Veteran Rick Parfitt, der trotz vierfacher Bypass-Operation noch immer auf der Bühne steht. Er bedauert, dass Angie nicht kommt. Sie sei schließlich "eine sehr attraktive Dame." Die politischen Promis, die zum Ball kommen - mit Spannung wird auf die Zahl der Bundesminister gewartet - müssen nicht fürchten, zu späterer Stunde angeheitert geknipst zu werden. Ab 21 Uhr gilt Fotografierverbot.

Für Raucher ist gut gesorgt in zwei Raucher-Lounges und in einem Zigarren-Club. Eröffnet wird der Ball wie immer vom Bundespräsidenten. Billig ist das alles nicht. Eine Sitzplatzkarte im Großen Saal kommt fast auf 600 Euro - und ist trotzdem nicht leicht zu bekommen.

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Wo ist Frank-Walter Steinmeier? Jedenfalls nicht da, wo in diesen Wochen Politik gemacht wird - seufzen viele Sozialdemokraten. Zuweilen wird auch gelacht, wenn der Kanzlerkandidat nicht da ist. Weil er länger als geplant im Koalitionsausschuss festsaß, sprang seine Ehefrau Elke Büdenbender für ihn als Rednerin ein. Die 46-jährige Richterin trug den für Steinmeier geschriebenen Text so hinreißend vor, dass die Gäste bezaubert waren. "Ich als Außenminister", begann sie unter dem Beifall des Publikums. Als Steinmeier doch noch auftauchte und sich für die zweistündige Verspätung entschuldigte, begrüßte ihn der Osnabrücker Migrationsexperte Klaus Bade mit den Worten: "Herr Außenminister, ich muss Ihnen ein Kompliment machen. Sie sind fast so gut wie Ihre Gattin."

Im politischen Berlin kursiert allerdings bereits ein Wort, das zu Zeiten von Gerhard Schröder und Joschka Fischer gang und gäbe war: "Merkel ist der Koch und Steinmeier nur der Kellner." Als Merkel kürzlich sauer war, dass sich Steinmeier ohne Rücksprache mit ihr mit Auto-Gewerkschaftern verabredet hatte, schickte Steinmeier ihr schnell ein SMS mit der Frage, ob es deswegen Unmut gebe. Sie antwortete von oben herab: Sie habe da vorübergehend eine unklare Gipfel-Politik erkannt. Will sagen: Oben ist, wo Merkel sitzt.

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Dass Wirtschaftsminister Michael Glos jetzt in einem Interview die Kanzlerin scharf angemacht hat wegen zu geringer Unterstützung der CSU, wird im Kanzleramt mit Schulterzucken abgetan. Ein enger Merkel-Mitmarschierer hat nur noch Mitleid mit dem CSU-Bundesminister: "Glos ist ein gebrochener Mann." Für die Zeit nach der Bundestagswahl ist er ministeriell längst abgeschrieben. Hoffnung, dass er den kompletten Ansehensverlust wieder aufholen kann, gibt es im Kanzleramt nicht mehr. Zu stark sei da Finanzminister Steinbrück. Ein Glück für die Union sei es, sagt der Forsa-Demoskop Güllner, dass 50 Prozent der Deutschen nicht wissen, dass der in der SPD ist. Von Glos dagegen sei schon in guten Konjunkturzeiten nichts gekommen. "Was soll er denn dann in diesen schlechten Zeiten bringen?"

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Hat jemand gedacht, der neue CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg habe als gelernter Außenpolitiker die scharfe Attacke nicht drauf? Der hessischen SPD, von ihm "Wortbruch-SPD" genannt, hat er jetzt vorgeworfen, sie betreibe die "Kultivierung der Lüge." Die FDP hat er abgemeiert mit der Mahnung, sich nicht "bockig" dem neuen Bundeskriminalamt-Gesetz in den Weg zu stellen.

Er kann es also. FDP-Generalsekretär Dirk Niebel hat das jetzt anerkannt. Es sei der FDP eine Ehre, erklärte er, vom Freiherrn "in die Wade gebissen zu werden." Denn: "Er handelt mit einem gesunden Reflex und hat in seinem Amt noch Welpenschutz." Was Niebel wohl sagt, wenn der Welpe zum richtig scharfen Hund herangewachsen ist?


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