Berlin vertraulich! Von Goldfingern und Ballfängern


Ex-Kanzler Schröder redet überraschenderweise auf eigene Kosten, Steinmeier fürchtet den Bundeslöschtag seiner politischen Karriere und Otto Schily wäre so gerne Oli Kahn. Die politische Woche in vier Akten.
Von Hans Peter Schütz

Nirgendwo wird in Polit-Berlin mehr getrascht und geklatscht als auf Partys der schreibenden und sendenden Zunft. Höhepunkt dieser Machart der Informationsgewinnung war dieser Tage ohne Zweifel die Verabschiedung der beiden Spiegel-Journalisten Jürgen Leinemann und Hartmut Palmer in den Ruhestand. Ein Termin, den Altkanzler Gerhard Schröder und Kanzlerin Angela Merkel gemeinsam wahrnahmen, was Seltenheitswert besitzt. Dazu ein halbes Dutzend Bundesminister und politische Prominenz der vergangenen 30 Jahre. Der Gipfel der Lustbarkeit wurde erreicht, als Leinemann Schröder dafür dankte, dass er die Laudatio - übrigens ein glänzender Text - auf ihn gehalten habe. Prompt grölte Schröder, den sie in der SPD mittlerweile "Genosse Goldfinger" nennen, dazwischen: "Und das ohne Honorar!"

*

Mit von der Party auch Frank-Walter Steinmeier, der Außenminister. Vermutlich hätte er gerne die Fete abgesagt, aber damit nur wieder neue Spekulationen ausgelöst. Ist er angeschlagen durch die Kurnaz-Affäre? Machen ihn die vielfachen Kommentare fertig, die ihn der Unmenschlichkeit zeihen, weil er angeblich die Freilassung des Deutsch-Türken aus dem Foltergefängnis Guantanamo verhindert hat? Zumindest war Steinmeier lange nicht so locker wie sonst, suchte irgendwie Halt am halbvollen Weißweinglas. Der Zweifel an seinen moralischen Maßstäben machte ihm erkennbar zu schaffen. Einig waren sich die Journalisten, dass Steinmeiers Verteidigung medial mehr als ungeschickt ist. Immer in seiner Nähe beim Spiegel-Fest der dafür Verantwortliche: Uli Deupmann, früher "Bild", der vor einem Jahr bei Steinmeier als "Medienberater" angeheuert hat und jetzt seine alten Drähte nutzt, um gefällige Texte und angeblich entlastende Dokumente über seinen Chef in "Bild" platzieren zu lassen. Nur Antworten auf die Kernfragen der Affäre werden nicht gegeben, wie an diesem Abend in Richtung des Drahtziehers Deupmann viele Genossen monierten: "Steinmeier wird schon noch sehen, dass diese Medienstrategie nicht trägt." Besser sei, endlich vor den Untersuchungsausschuss zu kommen und alles auf den Tisch zu legen.

*

Noch hält die CDU/CSU zu Steinmeier, allerdings mit zusammengekniffenen Lippen - und heimlicher Schadenfreude. Der hat schließlich, so ein enger CDU-Mann aus engster Merkel-Umgebung, "uns die Lüge mit den Bundeslöschtagen angehängt. Das ist nicht vergessen." Zur Erinnerung: Nach dem Machtwechsel 1998 setzte das dann von Steinmeier verwaltete Kanzleramt die Behauptung in die Welt, Helmut Kohl und sein Kanzleramtsminister Friedrich Bohl hätten containerweise sensible Papiere in den Reißwolf gesteckt. Erst unlängst wurde amtlich festgestellt: Kein Wort wahr daran. Im Kanzleramt verlangt man jedenfalls: Alles muss jetzt auf den Tisch. Denn wenn später in Sachen Kurnaz etwas nachkomme, "dann haben wir und die Kanzlerin die Sache wegen Verschleierung auch an der Backe."

*

So hochgejubelt wie am Donnerstagabend wurde Oliver Kahn wohl noch nie. Der Bayern-Tormann wurde in Berlin für seine Verdienste um die Fußball-WM mit dem Medienpreis "Goldene Prometheus" in der Kategorie "Coup des Jahres" geehrt. Verliehen wird der Prometheus vom Medienmagazin V.i.S.d.P. In der Begründung heißt es: "Oliver Kahn stand nicht im Tor, aber mit Leib und Seele im Dienst einer gemeinsamen Sache, für die symbolisch die Umarmung Lehmanns steht." Seither symbolisiere Kahn exemplarisch Teamgeist und Disziplin. Laudator war Ex-Innenminister Otto Schily (SPD), ja, ja, den gibt es noch in Berlin. Eigentlich ungeeignet für diesen Job. Denn Schily hat einmal gestanden, er sei in seinem Ministerium manchmal wie Kahn. Immer wenn er politisch einen reinkriege, "wenn der Ball in der eigenen Hälfte verloren geht" packe ihn die "kalte Wut", über den Beamten, der für den Fehler verantwortlich sei. Frage an Schily: Was hat das mit Teamgeist zu tun? Oder: Gut, dass der Ex-Innenminister kein Fußballer geworden ist, er wäre jederzeit Spitzenreiter bei der Rote-Karten-Liste der Polit-Liga gewesen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker