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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Besetzt das Berliner Stadtschloss!


So, nu steht er da, der Betonkasten. Genug rumgeheult über die grässliche Architektur. Jetzt geht es darum, was im neuen Berliner Stadtschloss eigentlich stattfinden soll. Und da sind wir gefragt.

Von Anja Lösel

Nein, dieses Schloss braucht keiner. Und ja, wir hätten besser den Palast der Republik stehen gelassen und daraus ein DDR-Museum gemacht. Zu spät. Der Palast ist längst abgerissen, wie auch sein Vorgänger, die zerbombte Ruine des Hohenzollernschlosses. Nun steht da ein Schloss aus Beton, das darauf wartet, dass ihm eine Barockfassade angeklebt wird.

Aber es nützt nichts, das ständig zu wiederholen und rumzujammern. Das Schloss ist da, jedenfalls im Rohbau. Es heißt jetzt Humboldt Forum, heute ist Richtfest und am Wochenende können die Berliner sich beim Tag der offenen Baustelle angucken, was da auf sie zukommt.

Weil wir das Äußere nicht mehr ändern können, sollten wir uns dem Inneren zuwenden, und zwar schnell, denn da kann man durchaus noch was steuern und gestalten. Über all den Debatten um die Hülle haben wir nämlich völlig den Kern vergessen: Was wird da drin, im Humboldt Forum, eigentlich zu sehen sein?

Kaiserthron aus China

Die ethnographischen Sammlungen aus Dahlem ziehen ins Schloss. Spektakuläre Boote aus der Südsee, Masken aus Afrika, ein Kaiserthron aus China, Skulpturen aus Südamerika. Dazu gibt’s noch ein bisschen Wissenschaft von der Humboldt Universität und eine Berlin-Schau der Hauptstadt. So weit klar.

Aber da gibt es auch noch ein riesiges Foyer, einen Bühnensaal mit 600 Plätzen, große Räume für Diskussionen und Konferenzen, für Musik, Theater, Kunst. Was soll da passieren? Wer soll das Programm planen, organisieren, Besucher anlocken? Für 2019 ist die Eröffnung angekündigt, vier Jahre sind nicht viel für so ein riesiges Haus mit mehr als 30.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche.

Das Fußvolk fehlt

Immerhin wurden im März drei Gründungsintendanten bestimmt. Neil MacGregor vom British Museum, Horst Bredekamp von der Humboldt Uni und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Problem aber ist aber, dass das Fußvolk fehlt, die Leute, die umsetzten, was die Intendanten sich ausdenken. Neue Stellen müssen entstehen, dafür muss vom Bund Geld bereit gestellt werden, und zwar möglichst schnell.

Ein Schloss der Weltkulturen mitten in Berlin soll das Humboldt Forum werden. Ein Ort, in dem man sich trifft, über Migration und Klimawandel diskutiert, Theater und Musik genießt. In dem man die Kulturen Afrikas, Asiens, Ozeaniens und Amerikas begreifen lernt. Und auch Kritik zulässt an diesen großen Berliner Sammlungen, die einige ihrer schönsten Stücke dem brutalen Kolonialismus verdanken.

Nicht nur Galadiners

Aber wie geht man um mit so einer Last, so einer Vergangenheit? Wie plant man in die Zukunft? Wie lockt man Besucher an in einer Stadt wie Berlin, in der das Angebot an Kultur größer ist als in jeder anderen Stadt Deutschlands. Und wie verhindert man, dass in den schicken Sälen nur Firmenfeiern und Galadiners stattfinden statt anregende Debatten.

Wenn wir nicht wollen, dass das Megaprojekt Humboldt Forum zum banalen Gemischtwarenladen wird oder gar scheitert, dann müssen jetzt alle ran: Politik und Kultur, der Bund und die Stadt Berlin, Journalisten und Wissenschaftler. Los Leute: Streitet und bringt Euch ein.


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