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Bildungsmisere: Schulstunden-Ausfall in Millionenhöhe

Nach Angaben des Deutschen Philologenverbands ist der Lehrermangel in Deutschland inzwischen so akut, dass eine Million Unterrichtsstunden ausfallen - pro Woche.

Die Zahl unbesetzter Lehrerstellen ist nach Angaben des Deutschen Philologenverbandes von 10.000 im Vorjahr auf 14.000 bis 16.000 gestiegen. In diesem Schuljahr müssen deshalb jede Woche schätzungsweise rund eine Million Unterrichtsstunden ersatzlos ausfallen, wie der Verbandsvorsitzende Heinz-Peter Meidinger der "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" berichtete. Die Bundesrepublik befinde sich in "der größten Lehrerversorgungskrise" seit mehr als 30 Jahren. Folge sei eine nachhaltige Gefährdung der Bildungsqualität. An der Lage werde sich in den nächsten fünf bis zehn Jahren nichts ändern.

Jede Menge Quereinsteiger

Obwohl die Situation nach Darstellung des Verbandes in den Bundesländern generell unterschiedlich ist, muss der Lehrermangel im Westen als flächendeckendes Problem gesehen werden. Dass sich der Osten diesem Zustand annähere, beweise Sachsen, wo mindestens 1700 Lehrerstellen mehr nötig wären. Signifikante Folge des Lehrermangels sei "die massiv ansteigende Quote an Quereinsteigern" in den Beruf. Mehr als ein Viertel der Vertretungslehrer habe keinen Universitätsabschluss mehr. In Bayern gehörten Förster, Diplomübersetzer, Ingenieure und Beamte von aufgelösten Wasserwirtschaftsämtern an fast allen weiterführenden Schulen zum Alltag.

Meidinger nannte zwei Gründe für das Defizit als entscheidend: eine Pensionierungswelle sowie zuwenig Lehramtsabsolventen, da der Beruf unattraktiv sei. "Geradezu dramatisch bis katastrophal" sei die Lage in den Fächern Mathematik, Physik, aber auch Latein und Religion. In diesen Fächern werde mittlerweile in mehreren Ländern der im Stundenplan vorgeschriebene Unterricht nicht vollständig oder durch nicht entsprechend ausgebildete Lehrkräfte erteilt.

In Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, aber teilweise auch in Hessen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen habe sich die Misere an den weiterführenden Schulen auf fast alle Fächer ausgeweitet. Besonders schlimm sei es an den Beruf- und an Hauptschulen. Inzwischen suchten aber auch viele Gymnasien, Real- und Grundschulen händeringend neue Lehrer.

Kritik von der OECD

Die OECD hatte Deutschlands Schulsystem in mehreren Untersuchungen erhebliche Mängel attestiert. Sowohl an den Schulen als auch den Hochschulen gebe es gravierende Missstände, die die Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik als Industrienation gefährdeten. Bund und Länder beschlossen als Konsequenz zahlreiche Reformen. Bundespräsident Horst Köhler hatte jüngst die Situation als „beschämend“ bezeichnet und deutlich höhere Ausgaben für das deutsche Bildungssystem gefordert. Nur jeder zehnte Euro der öffentlichen Ausgaben fließe ins Bildungssystem. Damit liege Deutschland unter dem Durchschnitt der OECD-Länder.

GEW fordert Bildungsstrategie

Für eine "nationale Bildungsstrategie" hat sich der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Ulrich Thöne, ausgesprochen. Bund, Länder und Gemeinden sollten sich auf einheitliche Ziele verständigen, die den Bildungsweg von der Schule bis zur Berufsausbildung umfassen. Der GEW-Vorsitzende begrüßte es in einem AP-Interview, dass Bundespräsident Horst Köhler in seiner Berliner Rede "Bildung für alle" gefordert hatte. "Ich bin dem Bundespräsidenten dafür dankbar, dass er betont hat, es gehe um alle Menschen in unserer Gesellschaft, und dabei die zentrale Rolle der Pädagogen hervorgehoben hat", sagte Thöne. Köhler habe einen Anstoß für eine Gesamtdiskussion gegeben.

"Wir müssen uns jetzt auf strategische Ziele verständigen, was Bildung leisten soll." Das sei nicht leicht, denn in der Gesellschaft gebe es viele Gruppen mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen darüber, welche Ziele angestrebt werden sollten und wie die entsprechenden Wege aussehen. "Gerade deshalb brauchen wir eine nationale Bildungsstrategie, die die Einzelteile zusammenfügt." Mit einer Gesamtstrategie würde auch der Bildungsbereich bei der Berufswahl attraktiv. "Die jungen Menschen wissen, was von ihnen erwartet wird und welche Möglichkeiten sie haben, wenn sie sich etwa für den spannenden Beruf des Lehrers entscheiden", sagte Thöne.