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Bill Clinton: Polit-Popstar auf Promotiontour

Drei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem US-Präsidentenamt kann Bill Clinton die Menschen in Deutschland immer noch begeistern. Bei seinem Besuch in Deutschland äußerte er sich auch zu der Politik seines Nachfolgers.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton taute auf, als das Scheinwerferlicht ausging. Mit dem Ende des Gesprächs bei "Sabine Christiansen" am Sonntagabend waren endlich für den Tag alle Fragen über Monica Lewinsky beantwortet. Und der ehemalige amerikanische Präsident, inzwischen ein Popstar der Politik, konnte tun, wonach ihm der Sinn stand: frei vor dem Publikum dozieren, um was es in der Weltpolitik seiner Meinung nach jetzt geht - um die Unabhängigkeit des Westens vom Erdöl. Für die unter den rot-grünen Reformen leidenden Deutschen hatte er den Rat: Packt Schröder nicht so hart an.

"Deutschland hat seine besten Tage noch vor sich"

Weiter warnte Clinton die Deutschen vor Überreaktionen angesichts ihrer finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten. "Deutschland hat seine besten Tage noch vor sich", sagte er am Wochenende. Clinton, der sich zur Vorstellung seiner Autobiografie "Mein Leben" in Deutschland aufhält, kritisierte auch seinen Nachfolger George W. Bush. Ausführlich äußerte sich der 57-Jährige zudem über seine Ehekrise nach der Lewinsky-Affäre und die politische Zukunft seine Frau, der New Yorker Senatorin Hillary Rodham Clinton.

Im Fernsehsender N24 würdigte Clinton die Verdienste der Bundesrepublik seit dem Fall der Mauer: "Deutschland war immer auf der richtigen Seite der Geschichte in den letzten 15 Jahren." Die Schwierigkeit für die Bundesregierung bestehe darin, gleichzeitig den Gesellschaftsvertrag aufrecht zu erhalten und auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben zu müssen. Er warnte davor, bei diesem Bemühen auf die Unterstützung der Arbeiter zu verzichten.

"Ich hätte Irak nicht angegriffen"

"Ich hätte Irak nicht angegriffen", sagte Clinton bei einer Aufzeichnung der ZDF-Talkshow "Johannes B. Kerner" in Hamburg. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hätten Bush und seine Regierung ihre Popularität ausgenutzt, um Amerika politisch weiter nach rechts zu rücken und eine unilaterale Außenpolitik aufzubauen. Eine solch große politische Macht könne zu deren Missbrauch führen, warnte Clinton.

Zur politischen Zukunft seiner Ehefrau Hillary, die seit 2001 Senatorin von New York ist und der Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt werden, äußerte sich Clinton bei Kerner zurückhaltend: Sie sei schließlich noch jung und könne auch erst 2012 als Präsidentin kandidieren. Wann immer Hillary sich entscheiden sollte, für das Präsidentenamt zu kandidieren, würde er alles tun, um sie zu unterstützen, sagte Clinton der "Bild am Sonntag". Sie "würde es fabelhaft machen. Sie ist gut, wirklich gut." Derzeit täten er und seine Frau aber "erst mal alles", damit der demokratische Präsidentschaftsbewerber John Kerry gewählt werde.

Clinton kann die Menschen in Deutschland immer noch begeistern.

Bei seinem Besuch in Berlin sorgte der 57-Jährige am Sonntag für einen Menschenauflauf und veranlasste Hunderte, stundenlang auf ein Autogramm von ihm zu warten. Der Expräsident und Vorgänger von George W. Bush war gekommen, um sein Buch vorzustellen. Clintons Memoiren, die in den USA mit mehr als einer Million verkaufter Exemplare ein Bestseller sind, erschienen am Donnerstag auch in Deutschland. Abends wurde er in der Talk-Show von Sabine Christiansen erwartet. Am Samstag hatte sich Clinton in Hamburg aufgehalten.

"Wenn es Bush gewesen wäre, wäre ich nicht gekommen. Aber dieser Clinton, der hat was", sagte eine Berlinerin und stand damit wohl stellvertretend für die 500 Glücklichen, die eine Eintrittskarte zur Signierstunde mit Clinton ergattert hatten. Der Ort des Geschehens, ein Buchgeschäft in der Friedrichstraße, war abgesichert wie bei einem Staatsbesuch. Wer Einlass begehrte, wurde peinlich genau abgetastet und durchleuchtet. Journalisten durften selbst Stift und Schreibblock nicht mit in Clintons Nähe nehmen.

Viele Fans warteten stundenlang

Zwischen fünf und zehn Sekunden nahm sich der frühere US-Präsident für jedes der fast 1.500 Seiten dicken Bücher Zeit. Die rechte Hand lässig abgestützt, signierte er lächelnd linkshändig jedes Buch mit seinem Namen. Sonderwünsche wie Widmungen konnten nicht erfüllt werden, dafür reichte es ab und an für einen Handschlag. Viele der Clinton-Fans hatten am Donnerstag schon stundenlang angestanden, um überhaupt eine Eintrittskarte zu ergattern. Sie nahmen am Sonntag noch einmal Wartezeiten von zwei und mehr Stunden für eine Unterschrift Clintons geduldig in Kauf.

Am Sonntagnachmittag war Clinton überraschend vor das Nobelhotel "Adlon" getreten und hatte dort sofort die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Leger in Jeans, Jackett und Turnschuhen gekleidet, schüttelte er Dutzende Hände und gab Autogramme. Clintons Sicherheitsleute gerieten sichtbar in Stress, als sich der Ex-Präsident vom "Adlon" nahe des Brandenburger Tors ein Stück weit die Straße "Unter den Linden" hocharbeitete. Immer wieder schüttelte er freundlich Hände und verschwand schließlich in einem Souvenirladen.

Kein Amt, aber viele Ratschläge

Clinton hat kein Amt, aber eine Menge guter Ratschläge. Deutschland empfiehlt er, sich das zu erhalten, was den Amerikanern so sehr an dem Land in der Mitte Europas gefalle: die Unterstützung der Schwachen in der Gesellschaft. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts bestehe darin, den Sozialvertrag zu erhalten, während man sich den veränderten weltwirtschaftlichen Gegebenheiten anpasse, doziert er nach Ende des Live-Interviews bei "Sabine Christiansen" wie in einem Hörsaal. Bundeskanzler Gerhard Schröder habe deshalb kein leichtes Spiel, weil Deutschland sich nach dem Ende des Kalten Krieges mit schweren Gewichten beladen habe. Es habe sich um die Integration Ostdeutschlands bemüht, es habe Russland geholfen, die EU unterstützt und den Euro eingeführt, während andere sich bereits reformierten.

Doch Clinton ist überzeugt: "Ihr habt das Richtige gemacht!" Den Deutschen, die in dieser Lage an den Reformen zweifeln und verzweifeln, macht er Mut: "Man muss Kompromisse machen, aber es geht."

Claudia Kemmer und Stefan Lange/AP / AP / DPA