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Buchvorstellung: Merz - der Fachmann, den keiner fragt

CDU-Politiker Friedrich Merz ist überzeugter Wirtschaftsliberaler. Doch der Glaube an das freie Wirken des Marktes macht zur Zeit einsam - das hat Merz auch in seiner Partei erfahren. Jetzt hat er sein neues Buch vorgestellt. Titel: "Mehr Kapitalismus wagen."

Von Mandy Schünemann

Es ist Angela Merkel wieder einmal gelungen, Friedrich Merz in die Quere zu kommen. In einem Statement erklärte sie am Nachmittag die Einzelheiten zur Stabilisierung der Finanzmärkte mit dem deutschen Rettungspaket - und verschob damit die Buchvorstellung ihres CDU-Kollegen um eine satte Stunde. Die Folge: genervte Gesichter in der Landesvertretung Nordrhein-Westfalens in Berlin. Eine Mitteilung über die Verzögerung gab es nicht. Dafür aber wurden die Gäste mit einem Exemplar von "Mehr Kapitalismus wagen" - so der Titel der Publikation - vertröstet.

Allmählich kehrt Stille im Saal ein. Nur das Hin- und Herblättern ist noch zu hören, ab und ist noch ein Schmunzeln zu entdecken. Kein Wunder: Bereits in Vorwort und Einleitung zeigt sich Merz kritisch gegenüber seiner eigenen Partei - allen voran auch gegenüber der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel. Ihr Name ist in dem Buch übrigens weit und breit nicht zu entdecken. Und das Werk ist auch nicht so dick, wie zunächst gedacht: Kündigte der Piper-Verlag 320 Seiten an, so waren es plötzlich gute 100 Seiten weniger.

Kein Applaus für den Verleger

Dann endlich trifft der Star des Abends ein: Friedrich Merz. Er begrüßt das eine oder andere bekannte Gesicht, setzt sich in den Zuschauerbereich und wartet - auf die lobenden Worte von seinem Verleger Wolfgang Ferchl. Denn der macht den Einstieg, auch wenn ihm damit eine schwere Aufgabe zufällt: Schließlich muss er die vom Warten betrübten Gesichter wieder positiv stimmen. Gelungen ist ihm das nicht so richtig. Der Applaus fällt aus. Nun versucht er, von Merz’ Glanzleistung zu überzeugen. Der CDU-Politiker als Visionär: So sei das Buch schon seit zwei Jahren geplant gewesen, vor weit einem Jahr habe dann auch der Tenor des Buches festgestanden, aus dem er zitiert.

Der Autor spekuliert darin über die Finanzkrise: Die könnte seiner Meinung nach von den amerikanischen Banken auf einige europäische, dann sogar auf die Banken der gesamten Volkswirtschaft überschwappen. Was für wahre Worte: Das Buch ist damit schon mal nicht von gestern.

Dann wirbt Merz selbst für sein Buch. "Nerven behalten und trotzdem dem Kapitalmarkt vertrauen" ist seine Devise. Er selbst sieht sich als Liberaler - womit für ihn Freiheit und Marktwirtschaft zusammenhängen, gleichzeitig aber auch Marktwirtschaft und Demokratie nicht voneinander zu trennen sind. Umso bedauerlicher seien die Ergebnisse einer Umfrage, in der sich 57 Prozent der Ostdeutschen und 46 Prozent der Westdeutschen im Jahr 2007 für den Sozialismus aussprachen. Darin sieht Merz nicht nur "eine Bedrohung für die Marktwirtschaft", sondern auch "eine Bedrohung für die freiheitliche Demokratie".

Intensive Diskussion gewünscht

Sein Buch wende sich nun an jene Menschen, die der Politik der Union nahestehen oder an wirtschaftspolitischen Themen interessiert sind. Dank der Finanzkrise könne die Neugier danach sogar steigen, so Merz. Der beste Zeitpunkt also, um die entsprechende Lektüre dazu herauszugeben, glaubt man dem Sauerländer. Den Titel als Appell an seine Partei anzusehen, sei allerdings auch möglich: In Zukunft wünsche er sich eine intensive Diskussion rund um das Thema. Denn anzuprangern hat der 52-Jährige so Einiges: zum Beispiel die hohe Staatsverschuldung von 1,5 Billionen Euro - eine Summe, die so hoch wie Merkels Garantie für Spareinlagen ist; ferner die immer deutlicher werdende Zweiklassengesellschaft; nicht zuletzt das Sozialversicherungssystem, das dringend einer Kapitalfundierung bedürfe.

Ein Ansturm von Fragen an Merz im Anschluss blieb übrigens aus. Unter den vereinzelten Fragen schien eine Sache allerdings besonders interessant: Merz sei schließlich als Finanzexperte in der CDU bekannt. "Hat denn Angela Merkel in Bezug auf die Finanzkrise auch seinen Rat aufgesucht?", wollte eine Journalistin wissen. Doch dazu nimmt der CDU-Politiker keine Stellung. Mehr noch versuchte er am Ende zu beteuern: Merkel habe in Bezug auf die Finanzkrise - vor allem mit einem Rettungspaket, das auf den 31.12.2009 begrenzt ist - die richtigen Entscheidungen getroffen. Dies könne er unterstützen. Seine bekräftigenden Worte dürften jedoch nur noch wenige mitbekommen haben. Zuerst leerte sich der Saal nach und nach, doch dann waren plötzlich alle Gäste in einem abrupten Aufbruch. Und Merz stand wieder allein da. Wie mit seiner Sparpolitik.