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Bürgerschaftswahl in Bremen: Der grüne Riese

Einst waren sie Politzwerge. Jetzt sind sie groß, schlagen hier die SPD, dort die CDU. Die Grünen sind den Ex-Volksparteien längst ebenbürtig - und profitieren von jeder Form der Wählertäuschung.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Mit den Grünen verhält es sich ein bisschen so wie mit dem blassen Klassen-Nerd mit den dicken Brillengläsern. Der wusste zwar schon immer alles besser, war immer ein bisschen klüger, aber im Kern ein Außenseiter und aufgrund schmächtiger Physis in der klasseninternen sozialen Hackordnung bestenfalls in den niederen Rängen geduldet. Irgendwann aber, als sich die Umstände änderten, als die Leistung des Hirns zu zählen begann, da erklomm der Nerd, Stück für Stück, die soziale Leiter, verdiente mehr als die anderen, kam bei Frauen an - und stach die Ex-Alphatiere aus.

Vom Zwerg zum Riesen

Bei den Grünen ist das jetzt auch so. Zuerst war da immer dieses lustfeindliche Besserwissen. Viele Körner, keine Kernkraft und schon gar kein Krieg, lautete seinerzeit das Motto der langhaarigen Politzwerge. An der Machtposition der Riesen - der Volksparteien SPD, CDU und CSU - konnte das nicht kratzen. Spätestens seit diesem Sonntag, seit der ansonsten bundespolitisch unwichtigen Wahl in Bremen, ist das endgültig anders. Denn die Umstände haben sich geändert. Die Grünen sind gewachsen und gewachsen, vom Zwerg nun auch zum Riesen. Im März demütigte der in Baden-Württemberg die SPD, jetzt, in Bremen, demütigte er die CDU. Der Nerd sitzt im Vorstand, die Grünen lehren alle Volksparteien das Fürchten. Nach der Wahl Winfried Kretschmanns zum Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg ist der Sieg gegen die CDU ein weiteres Signal, das bedeutet: Für diese Partei ist nichts unmöglich. Sie verkörpert den Zeitgeist offenbar besser als andere - und profitiert zudem von der Fukushima-Katastrophe.

Ist jetzt das Rote Rathaus in Berlin dran?

Es lässt sich nun trefflich darüber spekulieren, ob die grüne Herrlichkeit mit diesen Siegen schon vorbei ist - oder ob sie sich strukturell verfestigt. Für Angela Merkel, aber auch Sigmar Gabriel, ist die Warnung aber so oder so eindeutig: Die Grünen sind echte Rivalen um die Regierungsmacht. Sie werden nicht verschwinden. Im Gegenteil. Sie können von jedem Fehler, jeder unglaubwürdigen Wende von Union oder SPD entscheidend profitieren, ob in der Atompolitik oder beim versuchten Partei-Rauswurf Thilo Sarrazins. Und: Vorerst hält ihr Höhenflug an. Derjenige, der aus dieser neuen Lage am schnellsten reagiert hat, war natürlich einmal mehr Horst Seehofer. In Windeseile verpasste er der CSU just an diesem Wochenende eine Atomkehrtwende, dass den eigenen Parteimitgliedern Hören und Sehen vergehen dürfte. Sein Motto: Wenn wir sie nicht besiegen können, müssen wir sie kopieren. Angela Merkel und ihre CDU werden in Sachen Kernenergie wohl bald folgen. Für die SPD gilt dabei: Sie sollte aus dem Wahlerfolg in Bremen keine voreiligen Schlüsse für den Bund ziehen. Weder der Erfolg in Hamburg noch der in Bremen ist den Leistungen der Partei im Bund geschuldet, sondern traditionellen, lokalen Loyalitäten. Diese Erfolge als Beweise der Stärke der Bundespartei zu betrachten, wäre Selbstbetrug.

Für die Grünen ist Bremen eine schöne Bestätigung, zeigt die Wahl dort doch, dass die Partei mit ihrer liberal-bildungsbürgerlichen Ausrichtung nach wie vor nicht nur in Flächenstaaten wie Baden-Württemberg punkten kann, sondern weiterhin auch eher im eher links-bildungsbürgerlichen großstädtischen Milieu. Für die Wahl im September in Berlin, bei der Renate Künast als Spitzenkandidatin den SPD-Mann Klaus Wowereit schlagen kann, ist das aus der Sicht der Partei ein optimales Vorzeichen. Vom Roten Rathaus aus hätte der grüne Riese das Kanzleramt dann fest im Blick. Machmal machen Nerds wunderliche Karrieren.