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Bundeskriminalamt: Bittere Stunden für BKA-Chef Kersten

Der Präsident des Bundeskriminalamtes, Ulrich Kersten, muss in Kürze seinen Sessel räumen. Im Streit um den geplanten BKA-Umzug nach Berlin ist das Vertrauen in die Führung des Behördenchefs anscheinend vollends zerbrochen.

Die Herzen seiner Mitarbeiter hat er in fast acht Jahren nie erobert: Ulrich Kersten blieb als Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA) vor allem kühler Jurist. Kaum einmal erwärmte er seine rund 5000 Bundespolizisten mit flammenden Appellen für den Kampf gegen das Verbrechen, leise und jedes Wort abwägend redete Kersten bei öffentlichen Auftritten. Er sei arrogant, wurde dem 62-Jährigen intern gern nachgesagt. Im Streit um den geplanten BKA-Umzug zerbrach das Vertrauen in Kerstens Führung anscheinend vollends: Seine baldige Abberufung sei sicher, hieß es am Dienstag in Berlin.

Der Chef von Deutschlands zentraler Polizeibehörde hatte ein wichtiges Handicap: Ihm fehlte der Stallgeruch. Kersten kam aus der Ministerialbürokratie, nicht aus der praktischen Polizeiarbeit. Er war als erster BKA-Präsident politischer Beamter, der jederzeit vom Minister in den einstweiligen Ruhestand versetzt werden kann. Den Zorn der Mitarbeiter über die Umzugspläne von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) bekam der wenig "volksnahe" Chef deshalb besonders kräftig zu spüren - auch wenn das Projekt ursprünglich gar nicht Kerstens Idee war.

Gutachten in der Schublade verschwunden

Den Plan, wichtige Teile des BKA aus Wiesbaden und Meckenheim nach Berlin zu verlagern, hatten BKA-Abteilungsleiter schon vor Jahren erarbeitet. Im September 2002 legten sie ein entsprechendes Gutachten vor, das aber in der Schublade verschwand. Im Sommer 2003 soll der jetzige BKA-Vizepräsident Rudolf Atzbach den Vorschlag bei einem Gespräch im Bundesinnenministerium wieder angesprochen haben, heißt es im BKA. Schily habe Interesse gezeigt, weitere Details verlangt und Anfang Januar das Umzugsprojekt präsentiert.

Die Mitarbeiter reagierten mit wütenden Demonstrationen in Meckenheim und Wiesbaden und machten mit Unterschriftenlisten Stimmung gegen das Projekt. Schilys Kabinettskollegin und Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) brachte sich als Wiesbadener Abgeordnete gegen den Umzug in Stellung, die Union griff den Streit dankbar auf.

Vor allem die Angst vor der völligen Auflösung des Standorts Meckenheim führte zu für Polizisten ungewöhnlichen Widerstandsformen: Von der - nicht öffentlichen - Personalversammlung am 13. Januar mit Schily und Kersten spielte ein Teilnehmer eine heimliche Videoaufzeichnung einem Fernsehsender zu - ein klarer Rechtsbruch.

Eine ergebnisoffene Überprüfung des Umzugsprojekts, wie Schily sie nach der heftigen Kritik angeordnet hatte, traut Kersten kaum noch jemand zu. Das Vertrauen zur Amtsleitung sei zerstört. "Es ist dringend nötig, sich zu trennen", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei im BKA, Winfried Wahlig. Unter neuer Führung müsse das BKA vor allem wieder nach vorne schauen und aus den Schlagzeilen herauskommen.

Kandidat der "Ruhe"

Sehr ähnlich hatte es geklungen, als Kersten im April 1996 sein Amt antrat: Auch damals wurde nach der Schilderung altgedienter BKA- Mitarbeiter vor allem ein Kandidat gebraucht, der Ruhe in die Behörde bringen sollte. Zuvor hatte das BKA beim missglückten Anti-Terror- Einsatz 1993 in Bad Kleinen sein Fiasko erlebt und Kerstens temperamentvoller Vorgänger Hans-Ludwig Zachert mit ständigen Attacken auf die Politik den damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) verstimmt.

Unter Kersten sollte damit Schluss sein. Der verheiratete Rheinländer hatte 1970 im Referat "Olympische Spiele München" beim Ministerium begonnen und dort erstmals mit Terrorismus zu tun. 1995 übernahm der promovierte Jurist die Abteilung, die nach der deutschen Vereinigung den Bundesgrenzschutz neu aufbaute, und empfahl sich damit für weitere Karrierestufen.

Rolf Schraa / DPA