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Bundespräsident reist in die Türkei: Özdemir: Wulff soll sich von Seehofer distanzieren

Erst kürzlich punktete Bundespräsident Christian Wulff in der islamischen Welt, als er erklärte, der Islam gehöre zu Deutschland. Auf seiner Türkei-Reise wird sich Wulff für die christliche Minderheit in dem Land einsetzen. Grünen-Chef Cem Özdemir legt ihm ein weiteres gewichtiges Thema ins Gepäck.

Die Reise war bereits von seinem Amtsvorgänger geplant, doch sie könnte gar nicht besser terminiert sein. Bundespräsident Wulff reist heute zu einem viertägigen Staatsbesuch in die Türkei. In Ankara wird er mit seinem Amtskollegen Gül und mit Ministerpräsident Erdogan Gespräche führen. Als erstes deutsches Staatsoberhaupt wird Wulff, der von seiner Frau Bettina und einer Wirtschaftsdelegation begleitet wird, vor der türkischen Nationalversammlung eine Rede halten. Zuletzt hatte Bundespräsident Johannes Rau dem Land vor zehn Jahren einen Staatsbesuch abgestattet. Bei dem Staatsbesuch werde die Religionsfrage eine wichtige Rolle spielen, hieß es aus dem Bundespräsidialamt.

99 Prozent der über 70 Millionen Türken sind Muslime. Die kleine christliche Minderheit muss mit Schikanen leben. Wulff, der bei seiner Rede zur deutschen Einheit gesagt hatte, dass auch der Islam zu Deutschland gehört, will sich nun am Bosporus für die Rechte der rund 100.000 Christen einsetzen. Geplant sind unter anderem Unterredungen mit dem Vorsitzenden der türkische Religionsbehörde Diyanet, Bardakoglu und mit Würdenträgern aller christlichen Kirchen. In Istanbul will Wulff den Grundstein für die Deutsch-Türkische Universität legen.

Wulff soll Türken willkommenheißen

Grünen-Chef Cem Özdemir hat Bundespräsident Christian Wulff aufgefordert, sich bei seinem Staatsbesuch von "Rechtspopulisten" wie CSU-Chef Horst Seehofer zu distanzieren. Dem "Hamburger Abendblatt" sagte Özdemir: "Christian Wulff hat für sein Bekenntnis zur Einbürgerung von Menschen mit muslimischem Hintergrund zu Recht viel Anerkennung in der Türkei erfahren." Auch die aktuellen Äußerungen des türkischen Präsidenten Abdullah Gül und des türkischen Europaministers Egemen Bagis seien gute Beiträge für einen konstruktiven deutsch-türkischen Dialog zur Integration gewesen.

Der Bundespräsident habe nun die Gelegenheit, diesen Dialog zu vertiefen, betonte Özdemir. "Gleichzeitig gehen wir davon aus, dass Christian Wulff deutlich macht: Die Integrationsdebatte in Deutschland wird nicht von den Rechtspopulisten Seehofer und Thilo Sarrazin dominiert, sondern von einem parteiübergreifenden Interesse an einer rationalen Debatte um die beste Integrationspolitik."

Der integrationspolitische Sprecher der SPD, Rüdiger Veit, sagte der Zeitung: "Angesichts der unverständlichen Äußerungen von Horst Seehofer sollte Wulff den Türken sagen, dass sie hier in Deutschland willkommen sind." Die derzeitige Integrationsdebatte werde nicht auf Basis von Fakten geführt, kritisierte Veit: "Eine Panik vor einem Zuviel an Zuwanderung ist unangebracht, wenn man sieht, dass die Zahl der Türken, die von Deutschland in ihre türkische Heimat zurückgegangen ist, im letzten Jahr um 9000 Personen höher lag als die Zahl der Türken, die nach Deutschland gekommen sind."

swd/DAPD/DPA / DPA