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Kommentar

Bundestagswahl 2017: TV-Duell im Kanzlerinnen-Modus - ein Unding

Wenigstens das TV-Duell zwischen Merkel und Schulz versprach noch ein wenig Wahlkampf. Doch nun hat die Kanzlerin eingreifen lassen. Gespielt werden soll nach ihren Regeln. Ein Unding.

TV-Duell Angela Merkel vs Martin Schulz - Kanzlerin ließ Format bestimmen

So direkt wie in diesem Bild wird das TV-Duell zwischen SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und Kanzlerin Angela Merkel wohl kaum ablaufen. Merkels Team bestand auf der bekannten Ritualisierung.

Wie sehr wir uns an diesen ereignislosen Wahlkampf schon gewöhnt haben, zeigt, dass es keinen Aufschrei gibt. Nicht einmal ein laues Lüftchen. Da enthüllt der "Spiegel", dass das Kanzleramt massiv auf die Gestaltung des TV-Duells zwischen Angela Merkel und Martin Schulz am 3. September Einfluss genommen habe - und die Nation nimmt es weitgehend achselzuckend zur Kenntnis. Es soll ja Zeiten gegeben haben in dieser Republik, da hätte ein solcher Versuch der Einflussnahme die Wahl entscheiden können - und zwar zu Ungunsten des Einflussnehmers. Heute sieht sich das Kanzleramt nicht einmal zu einer Stellungnahme genötigt. Darauf in ihrer üblichen Sommer-Pressekonferenz am Dienstag angesprochen, sagte die Kanzlerin, es sei "guter Stil, dass man über die Modalitäten spricht, wie die Dinge ablaufen können".

Zweifellos ist das so, schließlich sollen die Kandidaten als Teil des Programms professionell auftreten können. Sicher nicht zum guten Stil zählt aber, was der "Spiegel" nach wie vor unwidersprochen berichtet; nämlich, dass Merkels Medienberaterin Eva Christiansen und Steffen Seibert (was hat eigentlich der Regierungssprecher im CDU-Wahlkampf zu suchen?) den TV-Anstalten die Pistole auf die Brust gesetzt haben sollen. Maxime: Entweder spielen wir nach den Regeln der Kanzlerin oder eben gar nicht.

Angela Merkel lehnt jede Auflockerung des Duells ab

Ob zwei Duelle - eins in ARD/ZDF, eins in RTL/Sat.1 - oder ein Splitten des Duells in 45-Minuten-Blöcke - nacheinander moderiert von den Moderatorenpaaren Maybrit Illner/Peter Kloeppel und Sandra Maischberger/Claus Strunz - und das möglichst vor Publikum - alles, was sich die TV-Macher zur Auflockerung des Duells überlegt hatten, wurde laut "Spiegel" abgelehnt und mit einer Absage Merkels gedroht. Die Freiheit, darüber zu entscheiden, ob man eine Einladung zu einer solchen Sendung annehme oder nicht, sei "ja immer genauso wichtig wie die Freiheit der Presse und die Unabhängigkeit", sagte Merkel vor der Bundespressekonferenz. Nun freue sie sich auf die Sendung am kommenden Sonntag.

Diese dürfte nun dank der Intervention des Kanzleramtes so ritualisiert ablaufen wie wir es aus der Vergangenheit kennen. Der Erfahrung nach werden sich Merkel und Schulz eher begegnen als duellieren (dazu eine Warnung des Kollegen Axel Vornbäumen). Dass die TV-Anstalten die Auffassung vertreten, dass ein Duell unter aufgezwungen Bedingungen immer noch besser ist als gar kein Duell, ist trotzdem richtig und gut - auch wenn wir Wähler bei zwei Kandidaten und vier Moderatoren sowie etlichen komplexen Themen in nur rund 90 Minuten Zeit nur wenige Erkenntnisse erwarten können, die uns bei der Wahlentscheidung helfen.


Einer demokratischen Wahl unwürdig 

Fassen wir also zusammen: Dies wird das einzige direkte Aufeinandertreffen von Merkel und Schulz vor der Bundestagswahl sein. Und es läuft nach den von der Kanzlerin gewünschten Regeln ab. Eine solche Konstellation ist schlichtweg ein Unding - ganz sicher für einen Wahlkampf zu einer demokratischen Wahl in einer Medien-Republik.


Direkte, echte Duelle zwischen den Kanzlerkandidaten sind für die Wähler in hohem Maße erhellend. So wie es zum "guten Stil gehört, dass man über die Modalitäten spricht" sollte es zum guten Stil gehören, der Einladung zu einem solchen Duell zu folgen, ohne groß Bedingungen zu stellen - nicht zur Freude der TV-Sender, sondern im Sinne der Wähler! Wie wäre es eigentlich gewesen, das Duell trotz einer Absage der Kanzlerin stattfinden zu lassen? Martin Schulz und ein leeres Rednerpult, 90 Minuten zu bester Sendezeit auf allen großen Kanälen. Hätte Angela Merkel sich dem wirklich verweigert?

TV-Duelle in den USA ein Vorbild?

In den USA, dem Mutterland der TV-Duelle, kann sich spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre kein Kandidat mehr leisten, ein Duell zu meiden. Das sollte auch hier Usus bleiben. Drei Duelle sind dort üblich - und angesichts der Komplexität heutiger Themen sicher nicht übertrieben. Vorbereitet werden diese zudem von unabhängigen Kommissionen. Ob dies für den Wahlkampf hier zu Lande ein Vorbild sein kann, wäre sicher noch zu prüfen. Eines aber sollte ohne wenn und aber außer Frage stehen: Wer das Amt des Bundeskanzlers anstrebt, muss sich seinem direkten Konkurrenten unter offenen Bedingungen und für alle sicht- und nachvollziehbar stellen. Und das muss ganz selbstverständlich auch für amtierende Kanzler gelten, die eine vierte Amtszeit anstreben.