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Bundeswehr-Affäre: Stromschläge im Nacken

Fesseln, Schläge, Niederknien: Erstmals schildert ein 20-jähriger Soldat seine Folter-Erfahrungen. Verteidigungsminister Peter Struck kündigte eine lückenlose Aufklärung an.

Bundeswehrsoldaten haben nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung vor allem Demütigungen als die schlimmste Erfahrung bei Misshandlungen während ihrer Ausbildung in einer Bundeswehrkaserne im westfälischen Coesfeld geschildert.

Das Blatt zitierte den 20-jährigen Soldaten Sven G.: "Das Schlimmste war die Demütigung, dieses Ohnmachtgefühl." Er berichtete von einer nachgestellten Geiselnahme: "Wir machten einen Nachtmarsch von 20 Kilometern. Plötzlich griffen uns maskierte Männer an, zogen uns Leinensäcke über den Kopf, fesselten uns mit Kabelbindern. Wir hatten keine Chance, konnten uns nicht wehren." Der Rekrut Lars K. sagte nach dem Bericht: "Manche lagen, kamen durch die Fessel gar nicht mehr hoch. Dann wurde jeder einzeln weggeführt und 'verhört'. Sie schrien uns an. Wenn wir nicht richtig antworteten, schrien sie noch mehr. Einige wurden mit Wasser abgespritzt, andere erhielten Schläge in den Nacken. Es war so entwürdigend, dieses Niederknien und Liegen."

Codewort "Tiffy"

Die Zeitung schreibt, Lars K. habe auch von einer Stromfolter berichtet: "Einem Kameraden haben sie die Kabel in den Nacken gehalten, ihm dort Stromschläge verpasst." Nur ein Soldat habe sich demnach getraut, das Codewort "Tiffy" auszusprechen, womit die Drangsalierung hätte gestoppt werden können. Niemand habe als Feigling oder Schwächling dastehen wollen.

Die Staatsanwaltschaft Münster ermittelt gegen einen Offizier und 20 Unteroffiziere der Ausbildungskompanie Coesfeld, die mittlerweile vom Dienst suspendiert wurden. Sie sollen im Sommer mehrfach Geiselnahmen nachgestellt und dabei Rekruten in der Grundausbildung entführt, gefesselt und in mehreren Fällen durch Stromstöße und anders gequält haben. Die Vorbereitung auf Geiselnahmen im Ausland gehört nicht zur Ausbildung von Grundwehrdienstleistenden, die nicht an Auslandseinsätzen teilnehmen können.

Verteidigungsminister Peter Struck, SPD, will Ausbilder, die misshandeln, aus der Truppe entlassen. Er ordnete eine Untersuchung darüber an, ob Misshandlungen eine indirekte Folge der Neuausrichtung der Bundeswehr auf Auslandseinsätze sind.

Reuters / Reuters