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Bundeswehrskandal: Die Ossis sollen's gewesen sein

Ganz Mittenwald ist aufgebracht. Seit Tagen sind Soldaten aus ihrer "Edelweiß-Kaserne" in den Schlagzeilen. Hat wirklich jemand aus ihrer Mitte in Afghanistan Tote geschändet?

Von Marko Belser, Rainer Nübel und Carsten Stormer

Die Sonne strahlt, Kuhglocken läuten. Doch Totenschädel in Afghanistan trüben die herbstliche Idylle im oberbayrischen Mittenwald. Ausgerechnet Mitglieder der Gebirgsjäger, der Eliteeinheit der hiesigen Edelweiß-Kaserne, sollen die "Totenschänder vom Hindukusch" gewesen sein. In der Kaserne sind die Bilder der Kameraden natürlich in aller Munde. Nach außen darf aber nichts dringen. Es herrscht absolutes Redeverbot. So lauern die Übertragungswagen der Fernsehkanäle vor dem Wachhäuschen vergeblich auf mögliche Gesprächspartner.

Abseits, nicht mehr in unmittelbarer Sichtweite der Kaserne, will ein erfahrener Soldat seinem Unmut dann doch Luft verschaffen. "30 Dienstjahre bei den Gebirgsjägern werden mir von solchen Idioten schlecht gemacht."

Während er um Worte ringt, hält der Uniformierte sein Namensschild bedeckt. Natürlich soll sein Name nicht in die Presse. Er ist sichtlich betroffen. Ja geradezu persönlich beleidigt von den Schandtaten seiner Kameraden, die jetzt an die Öffentlichkeit gelangten. Das gute Ansehen der Bundeswehr und vor allem seiner Gebirgsjäger sei nun nachhaltig zerstört. Bei Auslandseinsätzen müsse er sich in Zukunft schämen in deutscher Uniform zu patrouillieren. Besonders beschäftigt ihn die Sorge um die Kameraden, die zur Zeit in Afghanistan dienen. "Die meisten sind Familienväter. Gute Männer, die jetzt umso mehr gefährdet sind." Und das alles wegen des Fehlverhaltens einzelner.

Bürgermeister sorgt sich

Hermann Salminger ist weniger um das Ansehen der Bundeswehr im Ausland besorgt. Dem Bürgermeister von Mittenwald geht es vielmehr um den guten Ruf seines schönen Luftkurortes, meinen Einheimische. Denn schon durch die Ereignisse im Zusammenhang mit den traditionellen Pfingstreffen des Kameradenkreises der Gebirgstruppen sei Mittenwald in letzter Zeit öfters in Negativschlagzeilen geraten. Demonstranten hatten in den vergangenen Jahren verstärkt gegen diese "Ehrungen für Kriegsverbrecher" protestiert. Deshalb ist Salminger über die neuerliche mediale Aufmerksamkeit besonders betrübt. "Wir haben doch schon genügend Probleme mit den Linken." Und jetzt werde Mittenwald auch noch durch solche Deppen in den Dreck gezogen. Dabei stehe für ihn zweifellos fest, dass die Totenschänder nicht aus Mittenwald seien.

Der einhellige Tenor im Ort lautet: Das war bestimmt kein Mittenwälder. Auch Hans Peter Wilhelm von der Feuerschützengesellschaft betont, dass 90 bis 95 Prozent der hier stationierten Soldaten Zugereiste seien, vor allem aus den Neuen Bundesländern. Er kenne überhaupt keinen echten Mittenwälder, der in Afghanistan gewesen sei. Außerdem wäre das längst durchgesickert, wenn das jemand aus Mittenwald gewesen wäre. "Von uns war das keiner und wir wissen auch nichts."

Zum verletzten Heimatgefühl gesellt sich bei manchem Aggression. So wird ein Lokalreporter, als er sich über die Meinung zu den Skandalfotos erkundigt, rüde bedroht: "Ich sag Dir schon was, wenn Du nachher an dem Fahnenmast in meinem Garten hängen willst."

Über einen schwarzen Tag für Mittenwald bricht schließlich die Nacht hinein. Die Straßen verwaisen allmählich. Es scheint nicht nur Nachrichten-, sondern auch Ausgangssperre zu herrschen. Soldaten sind jedenfalls keine auszumachen. Trotzdem, in den Kneipen bleibt die aufgedeckte Totenschändung das dominante Thema.

"Da unten ist Krieg"

Im Bierstübl vom Wolperdinger Museum steht eigentlich ein "Budel"-Wettbewerb, eine Art Tisch-Kegeln, auf dem Programm. Drei Einheimische am Stammtisch diskutieren lieber über die Vorgänge in Afghanistan. Natürlich, was geschehen ist, sei schrecklich, aber man dürfe nicht vergessen: "Da unten ist Krieg." Die Situation müsse berücksichtigt werden, der unglaubliche Druck, der auf den jungen Soldaten laste. Dennoch: das Posieren mit den Gebeinen gehe unter die Gürtellinie, vor allem der obszöne Vorgang mit dem Penis. Aus Sicht eines Anwesenden sind die Gebirgsjäger ohnehin nicht mehr das, was sie einmal waren. Zu seiner Zeit sei das noch eine Saufkompanie gewesen. "Heute sieht man die abends nicht mehr in der Kneipe, sondern beim Joggen im Wald", äußert er sich enttäuscht.

Klaus Link Wirt des Gasthofes Gries, in dem sich die Veteranen der Gebirgstruppe treffen, verteidigt hingegen die beteiligten Soldaten. Er könne es durchaus nachvollziehen, wenn junge Burschen in solch angespannter Atmosphäre Blödsinn machen. "Der viel größere Skandal ist doch sowieso: Woher kommen die ganzen Knochen? Doch darum kümmert sich niemand."

Verständnis unter der Dorfjugend

Auch die Dorfjugend beschäftigt sich mit dem Thema. Die Auszubildenden Michael, Georg, Lara und Josef regen sich im "Altmittenwald" zunächst über die Reaktion des Bürgermeisters auf. Salmingers größte Angst sei, dass Mittenwald als Touristenort darunter leide. Dabei gehe es doch eigentlich darum, die Sache aufzuklären. Das mit dem Totenkopf hätten sie natürlich nicht so gemacht. "Aber die Jungs haben sich halt nichts dabei gedacht." Das sei doch verständlich bei den extremen Bedingungen. Und außerdem hätten die Taliban bestimmt noch viel schlimmere Sachen angestellt.

Aus dem Nebel von Verständnis, Rechtfertigung und Anschuldigung ertönt plötzlich Michaels Stimme: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Auf einmal herrscht Ruhe am Tisch.