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Christian Wulff: Heiter in Hannover

Christian Wulff will nicht Kanzler werden. Weil er sich das Amt nicht zutraue, wie der niedersächsische Ministerpräsident jetzt dem stern sagte. So etwas war noch nie von einem Top-Politiker zu hören. Doch Wulff weiß auch: Eigentlich gibt es zu ihm keine Alternative.

Von Hans Peter Schütz

Wie konnte er das nur sagen? Hat er das wirklich gesagt? Ja, Christian Wulff hat. Sitzt hoch über dem Pariser Platz, freier Blick zur Quadriga auf dem Brandenburger Tor, freie Sicht auch aufs Kanzleramt. Die Sonne scheint, sein Jackett hängt über der Stuhllehne. Er lacht viel, ist glänzend gelaunt. Und antwortet auf die Frage, ob er sich den Kanzlerjob zutraut, locker mit "Nein."

Die stern-Journalisten glauben, sie hören nicht richtig. "Moment Mal, sie trauen sich das Amt des Bundeskanzlers nicht zu?" Und dieser Wulff sagt locker: "So ist es!" Das gab's noch nie. Ein deutscher Top-Politiker sagt, Kanzler trau' ich mir nicht zu. Steht dann zu dem Satz, entspannt und heiter. Hat nicht die Allerweltsantwort gegeben, die jedes andere Alphatier der Szene gegeben hätte: "Die Frage stellt sich jetzt doch nicht." Taucht auch nicht weg, als er das Interview in aller Ruhe in Hannover autorisiert. Kein Buchstabe wird an dieser Antwort gestrichen.

Ab sofort darf gerätselt werden. Was ist los mit diesem Christian Wulff? 50 Jahre wird er nächstes Jahr. Ein wenig amtsmüde? Dass er den niedersächsischen CDU-Vorsitz an David McAllister abgegeben hat, legten ihm manche auch schon so aus. Wer in der Bundespolitik in der ersten Reihe mitspielen will, verzichtet im Normalfall nicht auf ein ordentliches Stück Macht an der Basis. Und dann ist da noch der Privatmann Wulff. Soeben wieder verheiratet, soeben wieder Vater geworden. Das Zuhause konkurriert dann schon erheblich mit der bundesweiten politischen Präsenz, an der seine erste Ehe auch teilweise gescheitert ist.

Er will nicht nach Berlin

Wulffs eigene Analyse seiner politischen Situation und der seiner CDU fällt entschieden anders aus. Unumstößlich klar für ihn ist: Ich will nicht nach Berlin. Ich bin erfolgreicher Ministerpräsident einer schwarz-gelben Koalition, habe fünf wahlfreie Jahre vor mir und daher mehr programmatisches Spielfeld als jeder andere CDU-Ministerpräsident. Mehr als die Rüttgers und Oettingers meiner Partei.

Was ihn ärgert: Dass im Kanzleramt, die Merkel-Vertraute Beate Baumann voran, immer wieder von vielen gedacht wird, er neide der Kanzlerin den Job. Die Sorgenfalten dadurch bekommen, dass er neuerdings wieder größere TV-Auftritte hinlegt. Auch Angela Merkel selbst pflegt seit langem ein gutes Stück Misstrauen gegen Wulff. Daher hat er es jetzt überdeutlich gemacht: Auf ihren Stuhl will ich nicht.

Das werden ihm natürlich viele als Schwachstelle auslegen, jene voran, die glauben, Politik fange erst in Berlin richtig an. Wulffs Analyse der Situation sieht ganz anders aus. Ihn freut durchaus, wie parteiübergreifend positiv Angela Merkel von den Wählern, selbst denen der SPD oder der Grünen, wahrgenommen wird. Er sieht allerdings auch die 35 Prozent, um die die Union bei der Sonntagsfrage pendelt. Wulff redet in der Führungsetage der Partei offen darüber, dass die Große Koalition nicht nur zur Verunsicherung der SPD-Klientel führt, sondern ebenso der CDU-Klientel.

Niemand kümmere sich ums Profil der CDU, klagt er zuweilen. Früher habe es einen Biedenkopf, einen Geissler, einen Rühe gegeben auf dem Posten des Generalsekretärs. Aber dieser Pofalla von heute, sei doch nur der Sprechautomat der Kanzlerin. Und die müsse, völlig unabweisbar, die Rolle der Moderatorin als einer Kanzlerin des Ungefähren wahrnehmen, weil sonst der große Koalitionskrach ein wöchentliches Ereignis wäre. Die Wähler aus dem Bereich der Arbeitnehmer hätten früher einen Hans Katzer gekannt, dann den Norbert Blüm. Was aber wüssten sie heute von einem Karl-Josef Laumann? Wie sehr trauten sie dem vermeintlichen Sozialpolitiker Jürgen Rüttgers?

Der CDU-Vize Wulff, daran lässt er keinen Zweifel seit auch Günther Oettinger die CDU mehr chaotisiert als profiliert, sieht sich als zweiter Mann hinter Merkel. Seine Auftritte außerhalb von Niedersachsen werden der CDU-Programmatik gelten. Stets hat er bisher gesagt "Ich bin ein Mann der Mitte der CDU." Das schließt für ihn aus, sich nur auf die brach liegende Wirtschaftspolitik in der Nachfolge eines Friedrich Merz zu beschränken. Das Feld wäre ihm viel zu eng. Er wird sich dort natürlich engagieren, weil ein Ralf Brauksiepe und ein Steffen Kampeter das Thema Wirtschaftspolitik nicht über die Rampe bringen. Aber thematische Einengung lehnt er ab.

So legte er sich jetzt mit jenen an, die wie Annette Schavan den Neubau neuer Atomkraftwerke forderten. Er verteidigt die CSU-Forderung nach sofortiger Wiedereinführung der Pendlerpauschale, lehnt die Abschaffung der Ökosteuer ab, die manche in der CDU fordern, fordert auch von der eigenen Partei, sich mit den politischen Positionen der Linkspartei auseinanderzusetzen, da dieser ehemalige CDU-Wähler ebenfalls zuströmten. Was er aber auf keinen Fall anstrebt, ist die Position eines Bundesministers, etwa nach der nächsten Bundestagswahl. Zentrales Motiv seiner bundespolitischen Aktivitäten soll sein, was er gerne eine "Arbeitsteilung" mit der Kanzlerin nennt: Sie führt die Koalition, er steht fürs Profil der CDU. Das soll ihr das Amt "leichter machen".

Was ist, wenn die Kanzlerin ausfällt?

All dies steht jenseits einer Situation, die in Berlin gerne die "Dachdeckerfrage" genannt wird. Angenommen, die Kanzlerin fiele überraschend aus. Oder angenommen, sie würde eine Bundestagswahl verlieren. Dann stünde auch der Mann, den sie heute mit erheblichem Misstrauen betrachtet, vor einer Situation, in der er sich zutrauen dürfte, was er sich heute nicht zutrauen darf. Die Union von heute, sagen viele in der Partei, habe doch in der Kronprinzenfrage gar keine Auswahl.