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Corona-Impfungen für Kinder "Die Landesregierungen machen Druck, weil sie kein Konzept für das Schuljahr haben"

Ein Mädchen mit langen, schwarzen Locken sitzt in gelbem Top und mit einem Pflaster auf dem linken Oberarm im Warteraum
Ein 14-jähriges Mädchen (r.) wartet nach seiner Impfung gemeinsam mit den Eltern im Impfzentrum in Dessau-Roßlau
© Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild / DPA
Sollen Kinder und Jugendliche gegen Corona geimpft werden oder nicht? Die Stiko empfiehlt es (noch) nicht, die Gesundheitsminister beschließen es trotzdem. Diese Entscheidung nehmen deutsche Medien höchst unterschiedlich auf.

Mit einem breiteren Impfangebot für Kinder und Jugendliche wollen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern den Kampf gegen die weitere Ausbreitung des Coronavirus forcieren. Die Ressortchefs beschlossen am Montagabend einstimmig, in allen Ländern Impfungen für 12- bis 17-Jährige auch in regionalen Impfzentren anzubieten – so wie es in Arztpraxen bereits möglich ist. Ab September sollen Risikogruppen wie Alte und Pflegebedürftige zudem erste Auffrisch-Impfungen bekommen können. Die geplante Ausweitung des Impfangebots gegen die aktuelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) stößt auch in deutschen Medien auf ein geteiltes Echo.

Corona-Impfungen für Kinder ab zwölf Jahren – das Medienecho

"Süddeutsche Zeitung" (München):

"Dass Bund und Länder drängeln, was die Impfung von Kindern und Jugendlichen angeht, liegt auch daran, dass die Impfkampagne insgesamt an Tempo verloren hat. Gut die Hälfte der Bevölkerung ist vollständig geimpft, knapp 62 Prozent ein erstes Mal. Um sich gelassen auf den Herbst zu freuen, ist das zu wenig. Nur: Die Adressaten für mehr Druck sollten zunächst einmal diejenigen sein, für die es eine Impfempfehlung gibt und deren individuelles Risiko-Nutzen-Verhältnis ganz klar pro Impfung ausfällt. Doch während den Kindern und Eltern zumindest unterschwellig zu verstehen gegeben wird, dass es mit dem ganz normalen Schulalltag womöglich schwierig werden könnte, sollten nicht genügend Kinder geimpft aus den Ferien zurückkommen, ist die schärfste Waffe im Umgang mit impfskeptischen Erwachsenen derzeit die Gratis-Bratwurst."

"Die Welt" (Berlin):

"Jetzt, wo die Bedrohung für die Alten und Risikopatienten, die der Grund aller staatlichen Maßnahmen war, durch die Impfung gebannt ist, versuchen einige, das Ziel klammheimlich zu verschieben: Ohne die Impfung der Kinder, so ihre Argumentationslinie, könne es keine Rückkehr in die Normalität, sprich, in den seit bald anderthalb Jahren ausgesetzten Präsenzunterricht geben.

Das aber ist, wie die Rechtsprofessorinnen Elisa Hoven und Frauke Rostalski in einem 'Welt'-Gastbeitrag aufzeigen, weder rechtens noch vernünftig– und zudem eine perfide Form der Erpressung. Wer behauptet, die Impfung sei der Weg in den Regelunterricht, droht schließlich implizit damit, nicht geimpfte Kinder hätten kein Recht auf diesen Unterricht."

"Badische Zeitung" (Freiburg):

"Die Stiko ist (...) in der Pandemie ein wesentlicher Akteur geworden. Das heißt nicht, dass sie schludrig werden soll oder gar willfährig politischem Druck nachgeben darf. Vielmehr muss sie genau das Gegenteil tun. Es ist auch richtig, dass sie den Finger in die Wunde legt: Die Impfungen für die Jugendlichen allein reichen tatsächlich nicht. Das Schutzkonzept für die Schulen insgesamt muss klappen - allein schon deshalb, weil neun Millionen Kinder unter 12 eh nicht geimpft werden können. Aber das Arbeitstempo und die Kommunikation der Stiko müssen schneller und besser werden."

"Frankfurter Rundschau":

"Mit Stiko-Bashing kommt man nicht weiter. Je mehr Druck aufgebaut wird, desto verstockter scheinen die Mitglieder zu werden. Zudem wird die Debatte in der Öffentlichkeit unnötig emotional aufgeladen. Motto: Die übergriffige Politik gegen die standhaften Medizinerinnen und Mediziner. Übrigens sind es jetzt die Querdenker, die plötzlich die Wissenschaft loben. Auch das sollte der Stiko zu denken geben. Zunächst sah es danach aus, als stecke die Politik den Kopf in den Sand, um beim verunsicherten Wahlvolk nicht anzuecken. Doch glücklicherweise hat sich bei Bund und Ländern die Erkenntnis durchgesetzt, dass Nichtstun fahrlässig wäre. Insofern ist der angekündigte Beschluss der Gesundheitsministerinnen und -minister überfällig, alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Kinder und Jugendliche, die sich in Absprache mit ihren Eltern impfen lassen wollen, dafür schnell und unkompliziert die Gelegenheit bekommen. Damit sichert die Politik Chancengleichheit - wofür sie zuständig ist."

"Hannoversche Allgemeine Zeitung":

"Stiko-Chef Thomas Mertens kritisierte noch gestern das Vorgehen der Siko als unklug und erklärte, die Impfung von Kindern - also der Schutz vor Covid-19 - sei nicht relevant. Da stellt sich umgekehrt die Frage, wo er und seine Kolleginnen und Kollegen waren, als Virologinnen und Virologen der Politik und der Bevölkerung erklärten, die Schließung von Schulen und Kitas sei zur Bekämpfung der Pandemie unbedingt notwendig. Und warum ignoriert die Stiko die mit immer mehr Daten unterfütterte Befürchtung, dass auch Kinder von Long Covid betroffen sind? Allein mit Stiko-Bashing kommt man nicht weiter, im Gegenteil. Je mehr Druck aufgebaut wird, desto verstockter scheinen die Mitglieder der Kommission zu werden. Zudem wird die Debatte in der Öffentlichkeit unnötig emotional aufgeladen."

"Leipziger Volkszeitung":

"In ganz Deutschland gilt der Beschluss der Ständigen Impfkommission (Stiko), wonach die Immunisierung von Kindern und Jugendliche gegen das Coronavirus nicht empfohlen wird. In ganz Deutschland? Nein, im Osten der Republik gibt es Wissenschaftler, die die Sache ganz anders sehen. Die einzige Impfkommission auf Landesebene - die Sächsische Impfkommission (Siko) - empfiehlt seit Sonntag explizit, Kinder ab zwölf Jahren zu impfen. Und sie tut es unter Hinweis auf genau die Daten, die es nach Behauptung der Bundes-Stiko noch gar nicht gibt: mit validen Zahlen aus den USA und Israel."

"Nürnberger Nachrichten":

Deutschland "leistet" sich aus gutem Grund dieses Expertengremium. Denn der Erfolg von Impfkampagnen hängt nicht zuletzt vom Vertrauen der Bevölkerung in die Impfstoffe ab. Und dieses Vertrauen kann nur die Wissenschaft mit gut belegten Studien herstellen. Es ist also ein hohes Gut, das die Politik eventuell beschädigt, wenn sie sich über die Empfehlung der Experten hinwegsetzt. Das rüde Vorgehen rührt womöglich daher, dass das neue Schuljahr vor der Tür steht und die Landesregierungen noch immer keine Idee haben, wie sie dieses sicher und stabil gestalten sollen.

"Stuttgarter Zeitung":

"Das Schutzkonzept für die Schulen insgesamt muss klappen - allein schon deshalb, weil neun Millionen Kinder unter zwölf eh nicht geimpft werden können. Aber das Arbeitstempo und die Kommunikation der Stiko müssen schneller und besser werden."

"Südwest-Presse" (Ulm):

"Dabei sind Impfungen von Jugendlichen durchaus möglich. Eltern und Jugendliche können sich dafür entscheiden, und niemand behauptet, dies wäre für die meisten gefährlich. Die Stiko will nur das Restrisiko nicht bewerten, weil ihr die Daten fehlen. Das wirkt zögerlich. Aber wissenschaftliche Beweisführungen brauchen nun einmal Zeit, und wissenschaftliche Unabhängigkeit funktioniert nicht unter Druck."

Weitere Quellen: "sueddeutsche.de", "Welt.de".

tkr DPA

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