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Demonstrationen gegen Atomkraft Castor-Gegner setzen auf "Stuttgart-21-Effekt"


Bundesweit haben am Wochenende tausende Castor-Gegner entlang der Bahnstrecken demonstriert, auf denen in zwei Wochen Atommüll transportiert wird. Im Wendland ist die Stimmung bereits gespannt. Breiter Protest soll einen Neustart in der Endlagerfrage erzwingen.

ULS, ZL und EB seien ganz klar Gefahrengebiet, sagt der ernst dreinblickende Polizist zur Grünen-Politikerin Rebecca Harms. ULS steht für Umladestation, ZL für Zwischenlager und EB für Erkundungsbergwerk. Warum sie sich denn hier an der Umladestation für die Castor-Behälter am Bahnhof Dannenberg rumtreibe, fragt der Beamte Harms. Unter Verweis auf das niedersächsische Gefahrenabwehrgesetz verlangt der Polizist von ihr schließlich auch Auskunft darüber, was sie sonst noch so im weiteren Verlauf des Tages vorhabe.

Harms ist das Gesicht der Widerstandsbewegung im Wendland gegen ein Endlager im Salzstock Gorleben und reagiert erstaunt. "So was habe ich zwei Wochen vor dem Castor noch nie erlebt", sagt die Fraktionschefin der Grünen im Europaparlament. Was gehe die Polizei ihre Tagesplanung an. Sie wolle schließlich nur den Ablauf des Transports erklären, der hier am 6. oder 7. November erwartet wird.

Die Stimmung im Wendland ist vor dem 12. Castor-Transport sehr gespannt, die Atompolitik von Schwarz-Gelb und die Wiederaufnahme der Gorleben-Erkundung für ein atomares Endlager heizen den Widerstand an. Man fürchtet, die Festlegung der Regierung sei trotz aller Beteuerungen der Regierung längst pro Gorleben gefallen.

Die Gegner setzen beim Castor-Transport von der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben auf den Stuttgart-21-Effekt, wo der Widerstand gegen einen unterirdischen Bahnhof in viele Schichten hineinreicht. "Der Protest ist viel breiter als früher", sagt Harms. Am Wochenende demonstrierten "zum Aufwärmen" bundesweit 20 000 Menschen entlang der Castor-Strecken.

Das Verfahren für den möglichen Endlagerstandort Gorleben sei nie in demokratischer und nachvollziehbarer Weise abgelaufen, sagt Harms. "Seit 33 Jahren wird das Ganze hier mit Polizeigewalt durchgesetzt." Das Problem auch für die Regierung: Niemand will Atommüll unter der Erde haben, das dürfte auch eine Abkehr von Gorleben schwer machen.

Im Wald zwischen dem oberirdischen Zwischenlager - einem riesigen Wellblechpalast, wo der Atommüll jahrzehntelang abkühlen soll - und dem Erkundungsbergwerk sitzt Pfarrer Eckard Kruse auf einer Holzbank und betont: "Ich habe solch eine Entschiedenheit noch nicht erlebt."

Kruse ist der Endlager-Beauftragte der evangelischen Landeskirche. "Die Stimmung ist klar: Wir befinden uns an einem Wendepunkt", sagt er. Wenn jetzt nicht etwas passiere, werde Gorleben zum Endlager und der Atommüll für immer hierbleiben, würden viele Menschen denken. Kruses Kirchengemeinde Gartow hat Klage beim Verwaltungsgericht Lüneburg gegen die Erkundung eingereicht und mit anderen Klägern einen vorläufigen Erkundungsstopp erwirkt.

Die Bahngleise im 20 Kilometer entfernten Dannenberg sind bereits mit Nato-Stacheldraht abgesperrt, überall ist Polizei zu sehen. Mindestens 16 500 Polizisten sollen die elf Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll abschirmen, die in der Umladestation auf Tieflader verladen und dann Richtung Gorleben rollen werden.

Mit Traktoren, Sitzblockaden oder dem massenhaften Entfernen von Steinen aus dem Gleisbett soll der Castor möglichst lange blockiert werden. Wobei letzteres auch im Wendland stark umstritten ist. Die Castoren könnten auf dem Straßenweg nach Gorleben auch wieder an Quickborn vorbeirollen. Auf dem Hof von Gisela Webs werden bereits strahlend gelbe Protestkreuze zusammengenagelt und Plakate wie "Gewinne für Atommafia: Müll für uns?" gemalt.

"Es ist eine Ehre, beim Protest dabei zu sein", sagt Webs. Die Mutter von vier Kindern gehört zur bäuerlichen Notgemeinschaft, bis zu 200 Traktoren werden Anfang November wieder organisiert werden, um sich querzustellen. Dann wird Gisela Webs morgens beim Milchholen von den Strahlern der Hubschrauber wieder geblendet. Oder von Polizisten in zivil observiert. Die Alten würden sich bereits mit Lebensmitteln für 14 Tage eindecken, sagt sie. "Für sie ist das wie Krieg."

Der Protest hat viele Gesichter, da ist neben Pfarrer Kruse und Bäuerin Webs auch der global agierende Textilunternehmer Remo Röntgen, der zum Castor die größte Fahne des ganzen Landkreise mit dem schwarzen X auf gelbem Untergrund an seine Hausfassade hängt.

Harms betont, im Schnitt 12 Jahre mehr Atomkraft werde bis zu 500 weiteren Behältern mit Atommüll führen. Der Konflikt sei wie Stuttgart 21 nur im Konsens zu befrieden. Dazu brauche es einen Neuanfang, wo auch andere Standorte, etwa in Tonschichten in Baden- Württemberg geprüft werden. "Die Aussicht, dass Gorleben tauglich ist, geht gegen Null", sagt Harms.

Georg Ismar, DPA DPA

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