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Widerstand proben im Wendland Parole "Castor schottern"


Wenn Anfang November der Castor durchs Wendland rollt, wollen die AKW-Gegner fit für den Widerstand sein. Den Auftakt zum angekündigten "heißen Herbst" macht der "Unruhetag" an diesem Samstag.
Von Manuela Pfohl

Lüneburg, Dannenberg, Gorleben. Demonstranten, Polizisten, Atomtransport. Das sind die Wendlandkoordinaten für Anfang November. Denn dann fährt mal wieder ein Castor mit elf Behältern voller hochradioaktiver Abfälle aus der Wiederaufarbeitungsanlage vom französischen La Hague durch die norddeutsche Ländlichkeit ins Lager Gorleben. Genau dahin, wo die Atomkraftgegner den Atommüll schon seit Jahren nicht haben wollen. Allein, es kommt für die Atomkraftgegner noch schlimmer: Ab sofort sollen nach dem zehnjährigen Baustopp auf der Atommülldeponie Gorleben die Ausbauarbeiten unter Tage wieder aufgenommen werden.

Für die Atomkraftgegner ein fataler Fehler. Denn Gorleben sei als Endlager nicht geeignet. Für das Festhalten an Gorleben gebe es "nur zwei durchsichtige Gründe", meint Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenburg. Einerseits seien in die Erkundung des Salzstocks trotz gravierender Sicherheitsbedenken bereits mehr als 1,5 Milliarden Euro investiert worden. Andererseits hätten die politischen Parteien Angst vor aufflammenden Protesten, wenn neue Standorte benannt würden.

Mit einer Tanzstunde in den heißen Herbst

Und deshalb kündigen die Gegner bereits jetzt massiven Widerstand an. Weil aber nicht jeder weiß, wie das geht und das Ganze anständig organisiert werden muss, gibt es am Samstag schon mal einen "Unruhetag" - zum Üben.

Ehmke erklärt: "Wenn alles klappt, dann kommen 400 bis 600 Leute und es gibt an den Hauptverkehrsstraßen des Landkreises Lüchow-Dannenberg eine ganze Reihe von Protestaktionen." Tanzstunden, Fahrradrallys, Chorproben und Kaffeetafeln stehen auf dem Plan. Auch einige Landwirte würden sich mit ihren Traktoren an den Protestaktionen beteiligen. Das allerdings klingt mehr nach Dorffest und ländlicher Idylle als nach "Unruhe" und "heißem Herbst".

Deshalb gibt es für die eher erlebnisorientierten Atomkraftgegner in den kommenden Wochen auch bundesweite Trainingslager für ganz handfeste Aktionen. Eine Parole lautet: "Castor schottern". Was das heißt, erklärt Sonja Schubert, eine der Sprecherinnen der Kampagne: "Mit Hunderten, Tausenden von Menschen, die aus dem unterschiedlichsten politischen und sozialen Alltag kommen, werden wir am Transporttag auf die Schienenstrecke gehen. Wir sind entschlossen, massenhaft den Schotter aus dem Gleisbett zu entfernen, also die Gleise zu unterhöhlen und sie damit für den Atommüllzug unbefahrbar zu machen. Wir wählen für die Aktion einen Schienenabschnitt, an dem an diesem Tag kein Zugverkehr außer dem Castortransport stattfindet."

Die Polizei ist sauer

Auch Straßenblockaden und andere "kreative Aktionen", die schon beim G8-Gipfel in Heiligendamm erfolgreich gewesen seien, sollen gegen den Castortransport eingesetzt werden. Eine klare Ansage, die zunächst Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) emotionalisierte und dann auch bei der Polizei für Unruhe sorgt. Der Grund: Schünemann hatte gesagt: "Man muss damit rechnen, dass der Castortransport dieses Mal sogar international registriert wird und auch gewaltbereite Demonstranten aus dem Ausland anlockt." Zudem sei zu erwarten, "dass es auch brutaler wird" - der autonome Linksextremismus sei in der letzten Zeit gewalttätiger geworden. Man richte sich deshalb auf einen großen Einsatz ein. Die Herausforderungen für die Polizisten seien ähnlich groß wie beim Schutz eines G8-Gipfels.

Dietmar Schilff, stellvertretender Landesvorsitzender der GdP in Niedersachsen wetterte daraufhin: "Die Polizei muss ständig Defizite ausgleichen, die durch politische Entscheidungen oder fehlende Aktivitäten entstehen. Dies geht nicht nur auf Kosten des Landeshaushaltes, sondern insbesondere zu Lasten der Belastung und Gesundheit unserer Kolleginnen und Kollegen. Viele Beamte wissen gar nicht mehr, wie ein gemeinsames Wochenende mit der Familie eigentlich aussieht."

Ein gemeinsamer Wendland-Besuch wäre womöglich nicht ganz abwegig. Denn zur bundesweiten Kampagne "Castor schottern" gehören mittlerweile 39 Gruppen, Initiativen und Organisationen. Auch Leute aus Kultur, Wissenschaft und Gewerkschaften unterstützen die Kampagne, darunter mehrere Professoren. Und die passen nun rein gar nicht ins Bild der gewaltbereiten autonomen Linksextremisten.


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