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Der 11. September 2001 und das Fliegen: Machen Sie sich frei, bitte!

Wo können Sie die Folgen des Terrors konkret spüren, sogar am eigenen Leib? Beim Fliegen, oder besser: vorher, am Flughafen. Was hat sich da eigentlich genau verändert? Ein Besuch am Münchner Airport.

Von Malte Arnsperger

Vor einigen Wochen stolzierte ein weiblicher Fluggast demonstrativ nackt durch die Sicherheitsschleusen am Münchner Flughafen. Das Kontrollpersonal staunte nicht schlecht, die Polizei nahm sich dann der Dame an. So ausgezogen wie die Frau fühlen sich heutzutage viele Passagiere, wenn sie endlich auf ihrem Platz im Flugzeug sitzen. Schließlich haben sie bis dahin eine Leibesvisitation hinter sich gebracht, mussten die Schuhe ausziehen, die Hosentaschen leeren, den Rucksack öffnen, die Flasche Wasser zurücklassen. Und das alles beobachtet von schwer bewaffneten Bundespolizisten. Der Fluggast ist zum gläsernen Passagier geworden, zum Risikoobjekt. Gefühlt sind dafür ausschließlich die Anschläge des 11. September 2001 verantwortlich. Bei näherer Betrachtung haben die Anschläge viel verändert - aber der Terrorismus hatte das Fliegen schon zuvor auch zu einer Angelegenheit der Sicherheitskräfte werden lassen.

"Was müssen wir tun?"

Rolf Oberndörfer ist ein Mann mit ruhiger Stimme und kräftigem bayerischen Dialekt. In seinem Büro im modernen Glasturm des Münchner "Airport Center" hängt ein Poster von 1860 München, neben seinem Schreibtisch stehen Bilder seiner Familie. Hier saß der Leiter der Flugsicherheitsbehörde am Münchner Flughafen auch am 11. September 2001, als die Türme des World Trade Center einstürzten. Oberndörfer erinnert sich: "Ich habe sofort überlegt: Welches Szenario könnte dazu geführt haben? Und: Was müssen wir tun? Mir war eigentlich klar: Es kann nur eine Entführung, gewesen sein. Und es gab viel zu tun." Und so ordnete Oberndörfer nur wenige Minuten, nachdem um 16.03 Uhr Münchner Ortszeit das zweite Flugzeug in das World Trade Center geflogen war, an: Ab sofort ist jeder Passagier und dessen Handgepäck an den Sicherheitsschleusen genauestens auch per Hand zu durchsuchen, jegliche spitzen Gegenstände sind an Bord verboten. Bis dahin waren beim Handgepäck nur manuelle Stichproben vorgesehen, ein Schweizer Messer hat niemanden gestört. Zudem wurde der Feierabend für alle Mitarbeiter gestrichen, Oberndörfer selber blieb die Nacht am Flughafen. "Es war eine enorme Aufregung. Denn uns war allen bewusst, der Flugverkehr als solches wurde attackiert, und es wird Folgen haben. Für uns und für die Passagiere."

Flughäfen sind längst gut gesicherte Festungen

Doch anders, als man in der Rückschau vielleicht meint, wurden die Flughäfen nicht erst durch den 11. September 2001 zu gut gesicherten Festungen. Er könne sich zwar daran erinnern, als kleines Kind am Rande des alten Münchner Flughafens gespielt zu haben, sagt Oberndörfer grinsend: "Da musste man aufpassen, dass man nicht von den Flugzeugen überrollt wurde." Aber bereits Anfang der 70er Jahre, angesichts des Terrors der palästinensischen PLO, seien die Passagiere auf Waffen durchsucht worden. Oberndörfer: "Die Kontrollen waren aber eher freiwillig, da es noch keine Gesetze gab." 1975 hätten dann die meisten Flughäfen in Deutschland auch die ersten Röntgengeräte für die Überprüfung des Handgepäcks aufgebaut. Die Apparate waren dann Routine, als Oberndörfer 1986 beim Flughafen München anfing. "Doch zu der Zeit rechneten wir nur mit einem potentiellen Flugzeugentführer, der selber auch überleben will. An eine Bombe dachte man eher nicht."

"Man hätte die Leute nackt ausziehen können"

Das ändert sich schlagartig mit dem Lockerbie-Attentat 1988, bei dem an Bord einer Pan-Am-Maschine mitten im Flug eine Ladung Sprengstoff explodierte. Als Reaktion auf diesen Anschlag habe man angefangen, auch das Reisegepäck mit Röntgengeräten zu durchleuchten und auf Sprengstoff zu untersuchen. Die Technik sei, angetrieben durch Lockerbie und den Golfkrieg, in den 90er Jahren immer weiter verbessert worden. Die Röntgenapparate etwa wurden mit Farbtechnik ausgestattet, um Sprengstoff besser erkennen zu können. Ein größerer Anschlag blieb in den Folgejahren aus.

Dann kam jener Dienstag im September 2001. Oliver Rutz ist Schichtleiter der Passagierkontrolleure in München. Er hatte am Tag der Anschläge frei, erst am nächsten Morgen war er für die Frühschicht eingeteilt. "Es war eine gespenstische Atmosphäre", erinnert sich der bullige Mann. "Weder wir noch die Passagiere wussten so recht, wie wir mit der Situation umgehen sollen. Wir wollten unseren Job absolut richtig machen, und die Passagiere waren sehr bemüht, keinen Fehler zu machen. Jedem, der zufällig noch ein Messer dabei hatte, war es extrem peinlich." Rolf Oberndörfer erzählt von Passagieren, die sich in diesen Tagen sogar für die intensive Kontrolle bedankt hätten. "Das Sicherheitsbedürfnis der Leute war damals so groß, man hätte sie nackt ausziehen können."

Dazu kam es zwar nie, aber die Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen wurden in den Tagen, Wochen und Jahren nach dem 11. September immer wieder verschärft, angepasst und teilweise sogar wieder zurückgefahren. Kurz nach den Anschlägen wurden USA-Flüge am Münchner Flughafen - wie an vielen Airports in der ganzen Welt - in einen gesonderten Teil des Terminals verlagert, die Kontrollen waren dort noch schärfer. Für alle anderen Flüge galt die Anweisung "100 Prozent manuelle Handgepäckkontrolle" bis zum 14. September, sie wurde dann etwas gelockert, 2006 auch für den USA-Verkehr. Der sogenannte "Schuhbomber" sorgte im Dezember 2001 jedoch dafür, dass seitdem die Schuhe der Fluggäste besonders penibel untersucht werden. Auch für den Luftfrachtverkehr - insbesondere mit dem Ziel USA - gelten seit dem 11. September 2001 schärfere Sicherheitsmaßnahmen.

Die Sache mit den Flüssigkeiten

An Bord der Passagierflugzeuge gehört der obligatorische Besuch mit den Kindern beim Piloten seit den Anschlägen der Vergangenheit an, die Cockpittür ist seither verschlossen. Zudem haben die Sicherheitsbehörden, auch die deutschen, damit begonnen, sogenannte Sky-Marschals in manchen Maschinen zu platzieren.

Im August 2006 folgte der nächste Schock für den Flugverkehr. Selbstmordattentäter wollten mehrere Maschinen auf dem Flug von Großbritannien in die Vereinigten Staaten durch Flüssigsprengstoff in die Luft jagen. Die seit dem 11. September extrem angespannten Sicherheitsbehörden reagierten mit drastischen Maßnahmen: Das bis heute geltende Verbot von fast allen Flüssigkeiten im Handgepäck wurde eingeführt. "Diese Regelung ist ein viel größerer Einschnitt als die Maßnahmen nach dem 11. September", sagt Kontrolleur Rutz. "Denn dass keine spitzen Gegenstände mehr mitgenommen werden dürfen, ging schnell in die Köpfe der Passagiere. Mit den Flüssigkeiten dagegen gibt es immer wieder Konflikte." Bisweilen sorgen die Regeln allerdings auch für Heiterkeit. Ein in München umsteigender Passagier hatte sich an einem osteuropäischen Flughafen im Duty-Free-Shop eine Flasche Wodka gekauft und ins Handgepäck gestopft. Wie so vielen Reisenden war ihm wohl nicht bewusst, dass dies beim Weiterflug innerhalb der EU nicht gestattet ist. Rolf Oberndörfer erinnert sich schmunzelnd an die Kontrolle: "Der Mann wollte die Flasche nicht abgeben und hat sie vor Ort ausgetrunken. Den Weg auf die Toilette hat er aber nicht mehr geschafft - und sich hinter einem Lufthansa-Schalter entleert."

Die Toleranz der Passagier hat längst wieder nachgelassen

Der versuchte Anschlag des sogenannten "Unterhosen-Bombers" von Amsterdam im Dezember 2009 war der Anlass dafür, dass die Kontrollen für USA-Flüge wieder auf das Niveau nach dem 11. September angehoben wurden. Längst wird der Passagier auch dadurch ein Stück durchsichtiger, dass die Fluglinien persönliche Daten schon vor Ablug ins Zielland übermitteltn, zumindest wenn die Reise in die USA geht. Zudem hat sich in jüngster Zeit ein Phantom bei den Sicherheitsverantwortlichen eingenistet, das sich nur selten richtig zeigt, von dem keiner so richtig weiß, was es macht und kann: der Nackt- oder Bodyscanner. Begeistert klingen die Experten Oberndörfer und Rutz nicht, als sie auf dieses Gerät angesprochen werden. "Ich verweise auf die offiziellen Tests", meint Oberndörfer vielsagend. Der Hintergrund: Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass der Probelauf mit Bodyscannern in Hamburg wenig erfolgreich verlaufen ist. Rutz sagt: "Wenn sie wirklich so funktionieren, wie sie sollen, dann wären sie schon gut für uns. Aber manuelle Nachkontrollen werden immer notwendig bleiben."

Aber was ist nun das Erbe des 11. September an den Flughäfen? Die konkreten Auswirkungen auf die Sicherheitskontrollen seien durch die Lockerbie-Anschläge größer gewesen, meint Oberndörfer. "Durch den 11. September wurden zwar die Maßnahmen intensiviert, aber es gab nichts grundsätzlich Neues, es hat sich technisch nicht so viel getan wie nach Lockerbie." Auch das Problembewusstsein der Fluggäste sei in den Jahren nach dem 11. September wieder merklich abgekühlt. Das sieht sein Kollege Oliver Rutz ähnlich: "Kurzfristig ist das Verständnis für die Kontrollen natürlich enorm hochgegangen. Die Passagiere fanden es toll, was wir machen. Heute ist es eben wieder das lästige Übel." Rutz klingt frustriert wenn er sagt: "Erst wenn etwa schlimmer passiert oder Menschen zu Schaden kommen, steigt die Akzeptanz bei den Fluggästen."