Der Abwasch der Woche Herr Westerwelle und die Sommerzeit


Ist Ihnen klar, dass die FDP die Sommerzeit zur Dauerveranstaltung machen will? Dass die NRW-Landesvertretung in Berlin vom Einsturz bedroht ist? Und dass Sigmar Gabriel eine tolle Trümmerfrau ist? Zeit für den Abwasch.
Von Jan Rosenkranz

Lassen wir in diesen Tagen aufziehender Dunkelheit doch einfach Rilke sprechen:

"Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und auf den Fluren laß die Winde los."

Womit wir schon zwangsläufig bei den drei Top-Themen dieser Tage sind: Richtig, den Koalitionsverhandlungen, dem dabei ausgetüftelten Schattenhaushalt und der am Wochenende erfolgten Zeitumstellung.

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Am Sonntag wurden die Uhren zurückgestellt. Die Opposition wettert zwar, dass man dies der neuen Koalition zu verdanken habe. Doch das ist billige Polemik. Schließlich haben wir die Uhr nicht gleich um Jahre zurückgestellt - so schnell ist nicht mal Schwarz-Gelb - sondern lediglich um eine Stunde. Wie jeden letzten Sonntag im Oktober. Seit 30 Jahren geht das so.

Im Koalitionsvertrag findet sich dazu kein Wort. Und da sind wir dann doch wieder bei der neuen Regierung. Schließlich hatte ein Teil der neuen Macht, namentlich "Dr. Guido Westerwelle und Fraktion" erst im Jahre 2007 im Bundestag per Antrag gefordert: "Bürokratie abbauen - Zeitumstellung abschaffen und Sommerzeit permanent einführen."

Damals hat noch die Große Koalition regiert und die FDP saß auf den knallharten Bänken der Opposition. Keine Chance also. Aber jetzt? Was ist denn jetzt? Herr Westerwelle, stoppen Sie diesen Wahnsinn!

Dafür war offenbar keine Zeit. Man hatte ja - apropos Rilke - genug damit zu tun, Schatten auf die Schuldenuhren zu legen, um endlich die Steuern mal so richtig senken zu können. Wahrscheinlich wurde dieses einstige Herzensthema der Freidemokraten in den Verhandlungen nicht mal angeschnitten. Hauptsache: Regieren. Was übrigens auch ein schöner Titel für den Koalitionsvertrag gewesen wäre.

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Dabei hatten sie es sich, ach, nun wirklich nicht leicht gemacht, die Unterhändler in den Arbeitsgruppen - so wenig wie die das Spitzentrio Merkel, Seehofer und Westerwelle. Von morgens bis abends haben sie wahlweise "hart gerungen", "lange Strecken des Weges zurückgelegt", "letzte Meter des Aufstiegs" genommen und schließlich den "Gipfel erklommen". Da wurde richtig gerackert. Darüber hinaus gab es beinahe täglich Meldungen über immer neue Durchbrüche, "entscheidende" Durchbrüche und "endgültige" Durchbrüche. Jürgen Rüttgers muss sich ernsthaft Sorgen machen um den baulichen Zustand seiner NRW-Landesvertretung, wo offenbar kein Stein auf dem anderen blieb.

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Dabei wusste doch schon Meister Rilke: "Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben", dichtet der Dichter traurig - als hätte er die SPD im Blick gehabt.

Aus den rauchenden Ruinen ihrer Restgemäuer waren dieser Woche Lebenszeichen zu vernehmen. Zumindest die E-Mail-Verbindung zur Außenwelt scheint noch nicht gekappt zu sein. Trümmerfrau Sigmar Gabriel versendet lange Briefe an einzelne Basismitglieder, die irgendwo im Fundament verschüttet, verzweifelt nach Hilfe rufen. Zumindest nimmt Gabriel an, dass sie keinen blassen Schimmer davon haben, was hier draußen eigentlich los ist. Die SPD, so schreibt er den Genossen, befinde sich "in einem katastrophalen Zustand". Und er kündigt an, die Menschen an der Basis (viel mehr ist ja nicht übrig) künftig nicht mehr wie "reine Fördermitglieder" zu behandeln, sondern stärker zu beteiligen. Das klingt natürlich super, ist aber am Ende wohl doch nur wieder typisch: Die ganz unten haben die künftigen Lasten zu schultern.

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Oder wie Rilke so schön schreibt:

"Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein."

Und dann ist Herbst. Auf den ein harter Winter folgen wird.


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