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Der BND in der NS-Zeit: Das dunkle Erbe

Die NS-Zeit ist wohl der dunkelste Fleck in der Vergangenheit des Bundesnachrichtendienst. Vier Historiker wollen sie nun untersuchen. Der Geheimdienst hat Offenheit zugesagt. Doch welche Details an die Öffentlichkeit kommen, ist unklar. Eine abschließende Prüfung hat sich der BND vorbehalten.

Es dürfte das dunkelste Kapitel in der Geschichte des deutschen Auslandsgeheimdienstes sein - auch wenn dessen erster Chef Reinhard Gehlen auf Fotos oft strahlend zu sehen ist. Der 1979 gestorbene frühere Wehrmachtsgeneral hatte unter Hitler als Leiter der Abteilung "Fremde Heere Ost" jahrelang Informationen über die Rote Armee zusammengetragen. Nach dem Krieg machte ihn das für die Amerikaner wertvoll. Auch aus diesem Grund sahen die Verantwortlichen beim Aufbau eines Auslandsnachrichtendienstes unter US-Fittichen schon mal darüber hinweg, mit welchen Mitarbeitern sich Gehlen umgab.

Es waren oft alte Bekannte aus der Nazi-Zeit, die in der Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes BND arbeiteten. Schon in den 1960er-Jahren hatte sich der im April 1956 unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) gegründete Dienst eine erste Aufarbeitung verordnet. Als der BND vor einem Jahr geheime Akten freigab, war auch der Öffentlichkeit klar: Etwa 200 der damals 2450 Mitarbeiter Gehlens hatten eine Nazi-Vergangenheit. 146 Spione überprüfte die Sonder-"Organisationseinheit 85" genauer. 71 von ihnen mussten wegen "nachweisbarer Teilnahme an NS-Gewaltdelikten" gehen.

55 Jahre nach der BND-Gründung bringt dessen Präsident Ernst Uhrlau die Aufarbeitung der Vergangenheit voran. Der Sozialdemokrat unterzeichnete am Dienstagabend mit vier Historikern den Vertrag über eine unabhängige Kommission, die "die Entstehungs- und Frühgeschichte des BND sowie sein Personal- und Wirkungsprofil von 1945 bis 1968 einschließlich des Umgang mit seiner Vergangenheit erforschen" soll.

Erfahrene Forscher arbeiten mit: Jost Dülffer von der Uni Köln, ein Experte für NS-Zeit, Kalten Krieg und Adenauer. Rolf-Dieter Müller, wissenschaftlicher Direktor des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes in Potsdam. Der Professor an der Humboldt-Uni Berlin hat die Kommission geleitet, die die alliierten Bombenangriffe auf Dresden kurz vor Kriegsende aufgearbeitet hat. Klaus-Dietmar Henke von der Uni Dresden war früher Leiter der Abteilung Bildung und Forschung der Stasiunterlagen-Behörde. Wolfgang Krieger von der Uni Marburg gilt als Experte für internationale Geheimdienstangelegenheiten.

Etwa 15 000 Akteneinheiten mit im Schnitt je 200 Seiten lagern im in weiten Teilen unerschlossenen BND-Archiv. Nur 5000 davon seien für die Arbeit der Historiker aufgearbeitet, sagt der BND-Historiker Bodo Hechelhammer, der mit einer siebenköpfigen internen Forschungsgruppe "Geschichte des BND" die Arbeit der Kommission unterstützen soll.

Welche unangenehmen Überraschungen die Akten für den BND bergen könnten, zeigen jüngste Medienberichte. So meldete der "Spiegel" unter Berufung auf BND-Papiere, der als "Schlächter von Lyon" bekannte ehemalige Gestapo-Chef der Stadt, Klaus Barbie, habe 1966 für ein Monatshonorar von 500 Mark als "politische Quelle" mindestens 35 Berichte an den Dienst geliefert. Oder der Fall des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann: Die "Bild"-Zeitung berichtete kürzlich unter Berufung auf BND-Akten, der Geheimdienst solle schon acht Jahre vor Eichmanns Verhaftung über dessen Aufenthaltsort informiert gewesen sein.

Die Professoren sprechen angesichts der Unwägbarkeiten von einer "großen Chance" (Dülffer) und einem "riesigen Abenteuer" (Müller). Sie hätten die Zusicherung, an alle BND-Akten der betreffenden Zeit heranzukommen, sagt Dülffer. Überraschend war nach den Worten von Müller, dass das Kanzleramt - dem der BND unterstellt ist - bereit ist, einen ungehinderten Blick in seine Akten zu gewähren.

Dass Akteneinsicht noch lange nicht bedeuten muss, dass die geheimsten Geheimnisse letztlich an die Öffentlichkeit kommen, wissen auch die Forscher. Vor jeder Veröffentlichung hat sich der BND eine Prüfung vorbehalten, ob deutsche Sicherheitsinteressen oder Persönlichkeitsrechte beeinträchtigt sein könnten. BND-Historiker Hechelhammer weist Zensur-Vorwürfe aber weit von sich. Der Dienst sei schon wegen seiner Aufgaben verpflichtet, Geheimnisse zu schützen und die Rechte Dritter zu wahren.

Doch die Historiker wissen sehr genau, mit welcher Art von Dienst sie es zu tun haben, zeigt eine Bemerkung Müllers. Er sieht in der Erlaubnis, Ex-BND-Spione befragen zu dürfen, zwar einerseits eine große Chance. Doch ihm ist klar: "Wir müssen sicher auch Vorsicht gegenüber Augenzeugen und Insidern walten lassen. Denn Desinformation gehört ja zum Geschäft eines Geheimdienstes."

von Jörg Blank, DPA / DPA
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