Deutsche Einheit "Alles verschwunden"


Kein Lebensmittelladen, keine Post, keine Bank und kaum Arbeit: 15 Jahre nach dem Mauerfall fühlt sich das 1000-Seelen-Dorf Tiftlingerode als Verlierer der Einheit. Doch der Ort liegt nicht im einstigen DDR-Gebiet, sondern in Niedersachsen.

Früher verlief der Todesstreifen 500 Meter hinter Tiftlingerode. Die Grenze zur DDR ist längst weg, doch nicht nur sie. In dem kleinen "West-Dorf" bei Göttingen gibt es keinen Lebensmittelladen mehr, keine Post, keine Bank, keinen Bäcker. "Alles verschwunden. Selbst ein Bier kann man hier nicht mehr trinken", sagt Gerd Goebel. Die letzte Kneipe habe vor zwei Jahren dicht gemacht. Auch was der ehrenamtliche Bürgermeister sonst aus dem 1000- Seelen-Dorf im niedersächsischen Untereichsfeld berichtet, klingt wenig optimistisch. "Die jungen Leute ziehen weg, die Geburtenrate sinkt, Handwerksbetriebe machen dicht". Der Ort betrachtet sich als Verlierer der deutschen Einheit.

"Vor der Wende gab es hier acht selbständige Fliesenleger", erinnert sich Peter Gehrt, der zusammen mit seiner Frau Regina einen Reparaturbetrieb für Hydraulik-Maschinen führt. "Heute sind es noch zwei". Und warum? Eine große Fliesenlegerfirma im thüringischen Teil des Eichsfeldes mache die kleine Konkurrenz aus Niedersachsen mit Niedrigpreisen kaputt. Auch der Betrieb der Familie Gehrt hat zu kämpfen. "Frühere Kunden sind wegen der höheren Förderung Richtung Osten gezogen", sagt Regina Gehrt. Außerdem zahle die Thüringer Konkurrenz niedrigere Löhne. Die Gehrts mussten ihre Firma deshalb schon drastisch verkleinern. "Der Umsatz hat sich halbiert, der Gewinn ist sogar noch stärker geschrumpft."

Ungleiche Voraussetzungen

Unter den ungleichen Voraussetzungen im niedersächsischen und im thüringischen Teil des Eichsfeldes hat auch Frank Günther zu leiden. Seine Familie betreibt eine Straßen- und Tiefbaufirma. Vor zehn Jahren hatte er 65 Mitarbeiter, heute sind es noch 35. "Die Ostfirmen bekommen gewaltige Zuschüsse für Maschinen. Sie kriegen günstig Grundstücke. Sie erhalten Landesbürgschaften und zahlen viel niedrigere Löhne. Obwohl wir produktiver sind - wie sollen wir da konkurrenzfähig bleiben?"

Bürgermeister Goebel sagt, in Tiftlingerode sei man nicht gegen die Einheit. Und er finde das Gerede unerträglich, man solle die Mauer wieder errichten. Aber die einstige Euphorie ist verflogen. "Denn vor allem unsere Wirtschaft ist Verlierer der Einheit." Der Ort gehört politisch zu Duderstadt. Nach Aussage des dortigen Bürgermeisters Wolfgang Nolte sind aus der Gemeinde etwa 50 Betriebe nach Osten abgewandert, viele wegen der höheren Förderung. Die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt seien inzwischen von 5,5 Millionen Euro auf unter 2 Millionen Euro im Jahr gesunken.

Wie viele Firmen insgesamt aus den alten in die neuen Länder gezogen sind, ist unklar. Weder das niedersächsische Landesamt für Statistik noch das Bundesamt in Wiesbaden können Zahlen nennen. Bei den Industrie- und Handelskammern werde darüber nicht Buch geführt, sagt ein Sprecher in Hannover. Die Situation sei aber vermutlich überall im früheren Grenzgebiet ähnlich wie im Eichsfeld. Tiftlingerode spürt die Folgen der Abwanderung sehr. "Die Straßen sehen aus wie früher in der DDR", sagt der Bürgermeister. "Wenn hier ein tiefes Schlagloch in der Straße ist, muss ich fünf- bis zehnmal bei der Verwaltung in Duderstadt anrufen, ehe etwas passiert", klagt er und fügt an: "Die haben einfach kein Geld mehr." Jenseits der früheren Grenze sei das anders. "Dort findet man nur Paradestraßen."

"Wir brauchen gleiche Chancen für Ost und West"

Bauunternehmer Günther sagt, es sei klar, was passieren muss zur Verbesserung der Lage auf der westlichen Seite der ehemaligen Grenze: "Es muss endlich Schluss sein mit der Förderung im Osten. Wir brauchen gleiche Chancen für Ost und West." Dabei weiß der Unternehmer den CDU-geführten Ortsrat Tiftlingerodes hinter sich. Dieser hat jüngst die "politisch Verantwortlichen in Niedersachsen" aufgefordert, "die Transferleistungen in die neuen Bundesländer zu stoppen". Man könne den Menschen im Westen diese Zahlungen nicht mehr verständlich machen.

Ganz ohne positive Perspektive scheint den Menschen in Tiftlingerode die Zukunft aber trotz aller Widrigkeiten nicht zu sein. Sonst hätten dort in diesem Jahr wohl kaum zwölf Familien neu gebaut - auch mit Hilfe preiswerter Firmen aus Ostdeutschland.

Matthias Brunnert/DPA DPA

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