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Deutsche Islamkonferenz: Totgeredet, bevor sie begonnen hat

Ist die Neuauflage der Deutschen Islamkonferenz eine Totgeburt? Nach dem Ausstieg des Zentralrats der Muslime und der Ausladung des Islamrats halten viele Beobachter die DIK bereits vor ihrem Start für gescheitert.

Die Islamkonferenz tagt gerne in repräsentativen Bauten. Anfangs war es ein Schloss, inzwischen ist sie in einem Palais angekommen. Doch die Konferenz muss sich nach dem Ausstieg des Zentralrats der Muslime (ZMD) und der Ausladung des Islamrats fragen, ob sie noch als repräsentativ gelten kann. Der Streit zwischen Bundesinnenministerium und einigen großen Verbänden über Inhalte und Teilnehmer des Treffens der Deutschen Islamkonferenz (DIK) am Montag in Berlin scheint Ausdruck einer anhaltenden gegenseitigen Fremdheit zu sein.

Nach dem Rückzug des Zentralrats der Muslime von der Islamkonferenz und der Suspendierung des Islamrats wird bei dem Treffen ein beträchtlicher Teil der Moscheegemeinden am Konferenztisch nicht vertreten sein. Von etwa der Hälfte der 2500 Gemeinden spricht der ZMD-Vorsitzende Ayyub Axel Köhler. Von der als gesamtstaatliche Dialogplattform gedachten DIK ist damit nur noch ein Torso übrig. Der Grünen-Politiker Volker Beck sah die Konferenz schon vor dem Neustart gescheitert. Zumindest dürfte das Anliegen, die Themen aus den Feuilletons an die Küchentische zu tragen - wie es Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) formulierte - erschwert worden sein.

Den eigentlichen Zündstoff aber bergen inhaltliche Fragen, weniger der Streit um den Islamrat. De Maizière hatte den Verband ausgeladen, weil gegen sein größtes Einzelmitglied - die vom Verfassungsschutz beobachtete Organisation Milli Görüs - Ermittlungen laufen. Bei den anderen drei Verbänden im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) hatte dies Unmut ausgelöst. Doch in der Begründung Köhlers für die Absage spielte der Streit nicht die Hauptrolle.

Köhler kritisierte eine allgemeine Bevormundung der Muslime. "Der Staat versucht sich über die Selbstorganisation der faktischen islamischen Religionsgemeinschaften hinwegzusetzen", erklärte er und sprach von einer "verordneten Konferenz". Muslimische Verbandsvertreter beklagen schon länger, dass der Staat die besondere gemeinschaftliche Verfasstheit der Glaubensmuslime nicht entsprechend berücksichtige. So fordert Köhlers Zentralrat der Muslime eine Anerkennung der Moscheegemeinden und ihrer Dachverbände als Religionsgemeinschaften. Das sei die "Voraussetzung für die Lösung aller öffentlichen Anliegen der Muslime und der Gesellschaft", glaubt Köhler. De Maizière verweist in der Statusfrage auf die Länderzuständigkeit.

Auch Bülent Ucar, der als Einzelvertreter neu zur DIK stößt, fordert Gleichberechtigung: "Einzig der Islam ist momentan in Deutschland nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt." Zwar müssten die Muslime "ihre Hausaufgaben" machen, sagt der Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück und Vorreiter des ersten "Imam-Bachelors" hierzulande. Aber der Staat müsse "seine abwehrende Haltung aufgeben" und den Weg aufzeigen, damit die Religionsgemeinschaften "langfristig als Körperschaften des öffentlichen Rechts" anerkannt werden könnten.

Auch in ihrer Forderung, Islamfeindlichkeit auf die Agenda zu heben, sehen sich muslimische Konferenzteilnehmern enttäuscht. Köhler beschrieb eine "ausgeprägte Form des Rassismus" im Land. De Maizière will zwar darüber reden: "Ein Thema, das wir in der zweiten Phase der Islamkonferenz besprechen, ist daher auch, wie Toleranz gegenüber Muslimen gefördert und Vorurteilen gegen Muslime vorgebeugt werden kann", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Doch für viele Muslime geht es nicht mehr nur um Vorurteile, sie sehen sich tiefer Feindseligkeit ausgesetzt. Ucar verweist auf Studien, wonach der Umgang mit dem Islam in Deutschland "sehr stark angstbesetzt" sei. Es herrsche "auf beiden Seiten kein Vertrauen".

Dass es um eine Verständigung nicht zum Besten bestellt ist, war aus den Äußerungen Köhlers und de Maizières heraushören: Der eine kündigte an, trotz Absage am "konstruktiven Dialog" mit dem Bundesinnenministerium festzuhalten. Der andere reagierte mit Blick auf das DIK-Arbeitsprogramm: "Der Ausstieg (des Zentralrats der Muslime) aus dem Dialog ist kein Grund, diese wichtigen Aufgaben aufzuschieben."

AFP / AFP