Deutschland Lampen-Fieber


Deutschland wird heller. Von Jahr zu Jahr verzieren mehr Hausbesitzer Heim und Garten mit weihnachtlicher Light-Show. Alle sollen sehen, was Portemonnaie und Sicherungskasten so hergeben. Und der Trend hat einen Namen: "Extrem Schmücking"

Deutschland wird heller. Von Jahr zu Jahr verzieren mehr Hausbesitzer Heim und Garten mit weihnachtlicher Light-Show. Alle sollen sehen, was Portemonnaie und Sicherungskasten so hergeben. Und der Trend hat einen Namen: "Extrem Schmücking".

Kennen Sie den Film "Schöne Bescherung"? Den mit dem US-Komiker Chevy Chase? Doch, den müssen Sie kennen. Lief im Fernsehen hin und wieder auch unter dem Titel "Hilfe, es weihnachtet sehr". Na? Klickt's? Das ist der, in dem Chevy Chase als durchgeknallter Familienvater Clark Griswold vor Weihnachten sein Haus von oben bis unten mit Lichterketten volltackert. Die er dann nach mehreren vergeblichen Anläufen endlich zum Leuchten bringt und damit die Stromversorgung des ganzen Vorstadtviertels lahm legt. Und wo sein mit 25 000 Glühbirnen illuminiertes Anwesen schließlich aussieht wie die Landebahn eines Kleinflughafens. Na also.
Natürlich hat auch Frau Lindstädt den Film gesehen, "hundertmal schon". Und Herr Wall auch, klar. "Aber getackert wird bei uns nicht", sagt Herr Wall, "wir haben ja kein Holzhaus wie Clarky." Bei Herrn Wall und Frau Lindstädt sind die Lichterketten und Lichterschläuche, die Lichterornamente und Lichtermatten ordentlich gedübelt und verschraubt, mit Schellen und Klemmen befestigt, wie es sich gehört. Und wieder verwendbar.

Uwe Wall, 32, wohnt im Berliner Stadtbezirk Spandau, Seegefelder Weg 394, Christiane Lindstädt, 47, gegenüber, auf der anderen Straßenseite, Seegefelder Weg 395. In einem Doppelhaus, das sie sich mit ihrem Nachbarn Ronald Lück, 395a, teilt.
Jedes Jahr, seit 1998, gehören diese beiden Häuser vom ersten Advent an zu den bekanntesten Bauwerken der Hauptstadt. Täglich um Viertel nach vier nachmittags beginnt das Lampen-Fieber am Seegefelder Weg, leuchten die Schläuche um Fenster und Türen, blinken die Sterne und stilisierten Tannenbäume an Hauswand und Giebel, glitzern die Hecken und Rentiere im Garten, funkeln die Weihnachtsmänner auf dem First, flimmern die Matten, die von den Balkonen hängen.
Die aufwendig dekorierten "Weihnachtshäuser" von Spandau locken nicht nur unzählige Schaulustige, sondern auch diverse Kamerateams. "Letztes Jahr waren wir in Italien im Fernsehen und sogar auf den Philippinen", sagt Frau Lindstädt. Rund 350 Euro Stromkosten verschlingt der Spaß pro Saison, bei Nachbar Wall sind's sogar etwa 550. Dieses Jahr musste er die Pracht erstmals an Starkstrom anschließen - "Vorher sind mir immer die Sicherungen rausgeflogen." Trotzdem wird gespart: Anfangs hatten sie bis 23 Uhr das Licht an, heute nur noch bis 22 Uhr. Und Schluss mit lustig ist nicht mehr am Dreikönigstag, am 6. Januar, sondern schon Silvester. Nach Absprache, natürlich.
Ob in Steinfurt bei Münster, im bayerischen Freising, im rheinländischen Hilden oder in Hamminkeln bei Wesel - von Jahr zu Jahr wird Deutschland zur Weihnachtszeit etwas heller. Immer mehr Bundesbürger rücken ihre Eigenheime ins angeblich weihnachtliche Licht tausender Glühbirnen und bunter Blinkstrahler. Vom ersten Advent an tobt der Watt-Kampf um die grellsten und hellsten Außenbeleuchtungen. Am heftigsten wohl am katholischen Niederrhein, während der atheistische Osten meist finster bleibt. 25 Millionen Kilowattstunden Strom gehen dabei schätzungsweise drauf - immerhin der durchschnittliche Jahresverbrauch von etwa 8700 Haushalten. Und der Handel für derlei Festbeleuchtung jubiliert über jährliche Zuwachsraten von 30 bis 40 Prozent. Wer technisch beschlagen ist, lässt seinen Bungalow sogar im Internet flimmern - und verlinkt sich gern mit anderen Strahlemännern und -frauen.
Das "Extrem Schmücking" (so nennen es Eingeweihte) sei "ein Reflex auf die allgemeine Verunsicherung", sagt Professor Werner Mezger, Volkskundler an der Uni Freiburg. "Wenn es noch mehr Zukunftsängste gibt, dann wird sich das noch steigern." Denn, so der Gelehrte, "der Kollaps bestehender Ordnungen führt zur Reinszenierung virtueller Ordnung". Meint: Je größer die wirtschaftliche Krise, desto mehr und teurer wird geschmückt.

Feierte man früher Weihnachten noch als häusliches Fest, mit Adventskranz und Christbaum, imitiert der Privatmann heute das, was ihm die urbane Konsumwelt mit illuminierten Einkaufspassagen und glitzernden Warenhausfronten vorgemacht hat: Er bringt den Schmuck nach draußen, damit ihn jeder sehen kann. So imposant, wie es nur geht. Da wird das Häuschen zur Bühne, auf der der Lampenwicht im Rampenlicht steht - wenigstens für vier Wochen im Jahr. Kulturpessimist Mezger schimpft: "Da wird ein Riesenbrimborium veranstaltet, ohne zu wissen, welche Inhalte das Weihnachtsfest über die Geburt Jesu hinaus transportiert - die Friedensbotschaft der Hirten etwa oder die Geschichte der Heiligen Drei Könige." Sein bitteres Fazit: "Die theologischen Inhalte implodieren, während das Äußerliche explodiert."
Damit er es am ersten Advent ordentlich krachen lassen kann, nimmt der Spandauer Uwe Wall zwei Wochen Urlaub. Zwölf Tage braucht er, von morgens bis abends, um sein Anwesen Seegefelder Weg 394 zu verkabeln, vom Kellerfenster bis zur Dachkante, von der Ligusterhecke bis zum Baum hinterm Haus. Nachbarin Lindstädt, Hausfrau von Beruf, nimmt sich mehr Zeit. Vier Wochen dauert es, bis sie fertig ist - "allerdings nicht am Stück".
Die Leucht-Takelage hat sie übers Jahr überall verstaut - hinterm Haus im Schuppen, in den Hängeböden und sogar im Bettkasten. Uwe Wall hat's da besser, weil sein Heim unterkellert ist. Wenn er seine Ketten, Schläuche und Ornamente in Umzugskisten verstauen würde, bräuchte er "mit Sicherheit 20 Stück". Die wären allerdings voll bis zur Kante. Rund 7500 Euro hat er bislang ausgegeben, Frau Lindstädt etwas weniger. "Und jedes Jahr kommt was dazu." Ihr Mann - "den lassen Sie da mal raus" - muss jedenfalls nie groß grübeln, wenn es um das Geburtstagsgeschenk für die Gattin geht.
Der Nachschub kommt aus Kauf- oder Versandhäusern und vor allem aus den Baumärkten. Früher kostete der laufende Meter Lichtschlauch mit 36 Glühbirnen 14,95 Mark, heute ist er für 99 Cent zu haben. Auf gut 100 Meter kommt Frau Lindstädt, "nur Schlauch, Ketten nicht mitgerechnet", Nachbar Wall verlegt locker die doppelte Menge.
Konkurrenz gibt es angeblich nicht zwischen den Walls auf der einen und den Lindstädts auf der anderen Seite des Seegefelder Wegs. Obwohl es so schön ins Klischee passen würde. EDV-Techniker Uwe Wall bewohnt das Haus mit seiner Verlobten Christina Arendt, mit der er einen vier Monate alten Sohn hat, und seiner Mutter Ilse. "Neben unserem Haus war die Grenze nach West-Berlin", sagt Ossi Wall. Wo bis vor 14 Jahren noch die Mauer stand, ist stellenweise ein Kopfsteinpflasterstreifen - zur Erinnerung - in den Asphalt eingelassen. Christiane Lindstädt ist erst 1997 hierher gezogen, aus dem gutbürgerlichen West-Bezirk Wilmersdorf.
Den Kampf, wer die opulenteren Licht-Spiele hat, Ossi oder Wessi, gibt es nicht. Schein oder Nicht-Schein ist hier keine Frage. Im Gegenteil: Im Spätsommer 1998 haben sie bei einem nachbarschaftlichen Bier die Idee ausgeheckt, zum Weihnachtsfest ihre Häuser zu beleuchten. Sind dann gemeinsam losgedüst und haben eingekauft. "Alles, was so da war." Und Fenster und Türen umkränzt. "Wir haben ganz klein angefangen", sagt Frau Lindstädt, "kein Vergleich zu heute."

Doch Glühwein für die Großen und Kakao für die Kleinen haben sie auch damals schon ausgeschenkt. Mit der Zeit kamen nicht nur die Nachbarn zum Gucken, sondern auch Lichtkunst-Aficionados aus anderen Stadtbezirken. Heute fahren sie aus jottweedee (berlinerisch für: janz weit draußen) vor, parken den Platz vorm Lidl-Markt nebenan zu oder die Trottoirs links und rechts der Ausfallstraße. Deshalb haben die Lindstädts und die Walls den Glühwein- und Kakaoausschank auf die Wochenenden begrenzt.
Dann stehen Mutter Wall und ihre Schwiegertochter in spe bis spät in die Nacht am Glühweinkessel auf der einen Seite, und auf der anderen schöpft Frau Lindstädt. Ihr Doppelhausnachbar Lück schmückt zwar seine Hälfte, aber aus der Gastronomie hält er sich raus. Was zu viel ist, ist zu viel. Verständlich, wenn sich in der Dunkelheit Hunderte von Fremden auf dem Grundstück drängen.
Weit mehr als 100 Liter werden am Wochenende weggebechert, die Portion Glühwein für 1,30 Euro, die Tasse Kakao für 80 Cent. Der Erlös geht an den Berliner Verein zur Förderung der Tagesklinik für krebskranke Kinder. Immerhin: Zwischen 1998 und 2002 sind insgesamt fast 15 000 Euro zusammengekommen.
"Wir haben nicht nur Freunde hier", sagt Chefbeleuchter Wall. Über Geschmack, sagt er, lässt sich immer streiten. Für die einen ist es Kunst, für die anderen nur Grinskrams. Und dann gibt es welche, die sogar handgreiflich werden und auch schon mal Eier und Tomaten gegen die weiß getünchte Hauswand klatschen.
Warum tun sie sich das Jahr für Jahr an? Opfern Zeit und Geld, legen sich mit Nachbarn an, dulden, dass Fremde ihre Gärten platt trampeln, nehmen in Kauf, dass jeden Abend Trauben von Menschen vor ihren Zäunen stehen und die Kameras blitzen lassen. "W-a-r-u-m?", schmeckt Frau Lindstädt jeden einzelnen Buchstaben nach - und schaut fassungslos Herrn Wall an. Der hebt nur kurz die Schultern. Es ist, als ob man gefragt hätte, was sie lieber täten: einatmen oder ausatmen?
Es ist eben ihr Rampenlicht, in dem sie sich einmal im Jahr sonnen dürfen. Das haben jetzt auch andere am Seegefelder Weg geschnallt. Und ihre Eigenheime ebenfalls zu strahlenden Kleinbühnen gemacht. Fast kein Haus dort ohne Lichterkette. Und wenn's tatsächlich mal dunkel bleibt, scheint doch irgendwo hinterm Fenster noch verschämt ein Sternchen. "Das steckt halt an", sagt Frau Lindstädt. Und ist stolz, dass ihr Haus und das der Walls immer noch die schönsten Beleuchtungskörper der Straße sind. Aber auch die anderen rüsten beharrlich nach.
Gott bewahre, dass irgendwann mal ein Pilot den Seegefelder Weg mit der Landebahn von Tegel verwechselt.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker