HOME
Meinung

Muslime in Deutschland : Die Moschee-Steuer ist ignorant und wäre ein Desaster

Deutsche Politiker wollen sich einen Islam nach eigenem Gusto schaffen. Neueste Idee ist die Moschee-Steuer. Sie soll das deutsche Kirchensystem den Muslimen überstülpen, das wird aber nicht funktionieren.

Deutsche Politiker wollen islamische Gemeinden mit einem Äquivalent zur Kirchensteuer finanzieren.

Deutsche Politiker wollen islamische Gemeinden mit einem Äquivalent zur Kirchensteuer finanzieren.

Getty Images

Die muslimischen Gemeinden in Deutschland sind vom Ausland finanziell abhängig. Das muss geändert werden, fordern nicht nur deutsche Politiker und bringen die Idee einer Moschee-Steuer als Islamvariante der deutschen Kirchensteuer ins Spiel.

Die Idee: Wenn das Finanzamt bei jedem Muslim und jeder Muslima nicht nur die Einkommensteuer einbehält, sondern auf diesen Betrag 8 bis 9 Prozent als Moscheen-Steuer draufschlägt, müssen sich die muslimischen Gemeinden nicht von Erdogan und saudischen Gönnern finanzieren lassen. Bei einem Single mit 4000 Euro brutto kommen da über 600 Euro im Jahr für den Glauben zusammen.

Soweit die Theorie, aber in der Praxis wird das nicht funktionieren. Die Kirchensteuer ist eine Besonderheit, die auf dem deutschen Staatskirchensystem beruht und zudem einen finanziellen Ausgleich für die Beschlagnahmung des umfangreichen Kirchengutes zu Beginn des 19. Jahrhunderts schaffen sollte. Schon heute ist das System "Kirchensteuer" in der Krise, denn immer mehr deutsche Christen treten aus ihrer Kirche aus. Verlängert man diese Entwicklung in die Zukunft, wird klar, dass die Zeiten, in denen diese Steuer stets für gefüllte Kirchensäckel führte, bereits vorbei sind.

Viele treten nicht allein aus Sparsamkeit aus der Kirche aus. Sie sind dem System der katholischen oder protestantischen Großkirche innerlich fremd geworden. Wirkliche Atheisten sind wenige, doch viele sind diffus religiös mit Einflüssen der christlichen Tradition. Im Sinne der kirchlichen Glaubenssätze sind sie weder Lutheraner noch Katholiken. Die zentrale Frage der Transsubstantiation - was geschieht mit Hostie und Wein - ist den meisten heute schlicht egal.

Die Idee der National-Kirche ist dem Islam fremd

Bei den Muslimen in Deutschland ist die Situation noch komplizierter. Denn anders als beim christlichen System kennt der Islam nicht die Idee einer Art von Landes- bzw. Nationalkirche. Diese Idee greift tief in das religiöse Leben ein, weil sie immer mit einer Form der Hierarchie einhergeht. Diese ist dem muslimischen Glauben zutiefst fremd. Wie sie übrigens auch dem christlichen Glauben fremd war, bevor die Landesherrscher die Kirche mit Gewalt unter ihre Macht gezwungen haben.

Ausgerechnet die Idee einer Steuer soll nun die Muslime in Deutschland von den Vorzügen so einer Super-Organisation überzeugen. Es existieren muslimische Verbände in Deutschland, sie haben aber nichts mit der Struktur der Kirchen zu tun - und werden auch von sehr vielen Muslimen skeptisch betrachtet. Für einen gläubigen Muslim gibt es zahlreiche religiösen Pflichten, aber ganz sicher gehört es nicht zu ihnen, in irgendeinen Islamverband einzutreten. Entsprechend ist bisher auch nur ein sehr kleiner Teil der Muslime in Verbänden organisiert. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland bündelt immerhin 21 Organisationen, vertritt aber nur 10.000 bis 20.000 Muslime.

Bekenntnis bleibt steuerfrei

Tatsächlich könnte jedoch nur die Zugehörigkeit zu so einem Verband die Pflicht zur Moschee-Steuer begründen. Das reine Bekenntnis zum islamischen Glauben wird steuerfrei bleiben, so wie jeder sich Christ nennen kann, ohne gleich Kirchensteuer zu begleichen. Eine Zwangsmitgliedschaft qua Abstammung und Geburt sind rechtlich undenkbar. Die Bereitschaft dürfte gering sein, jeden Monat zwischen 25 und 70 Euro an einen Zentralverband nach Berlin zu schicken, damit der eventuell etwas an den lokalen Iman und die eigene Moschee überweist.

Die Richtung entscheiden die Gläubigen, nicht christliche Politiker

Der Applaus von Politikern, die selbst keine Muslime sind, deutet auf das nächste Problem hin. Der Politik sind radikale Prediger und Imane, die in der Türkei ausgebildet wurden, ein Dorn im Auge. Aber wer sagt, dass die Gläubigen genauso eingestellt sind? Unausgesprochen herrscht die Idee, dass die Gläubigen in die Tasche greifen sollen, damit damit der Wunsch-Islam der Politik finanziert werden kann. Doch letztlich werden die Gläubigen selbst entscheiden, welchen Islam sie wünschen. Sollte es demokratisch zugehen, kann es durchaus geschehen, dass die Moschee-Steuer am Ende auch den Glaubensrichtungen zu Gute kommt, die Berlin damit bekämpfen will. Sieht man sich die Wahlergebnisse von Erdogan in Deutschland an, ist es sogar wahrscheinlich, dass die türkischen Prediger dann von der deutschen Steuer bezahlt werden.

Die Moschee-Steuer hört sich also zunächst verlockend an, sie wird das Kernproblem aber nicht lösen.