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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Wut plus Beine gleich FDP-Prozente


FDP im Glück: Erst der Kameraschwenk über Sudings Beine, nun Lindners vermeintliche "Wutrede". Das bringt Aufmerksamkeit. Rechtzeitig zur Wahl in Hamburg.
Von Lutz Kinkel

Es ist schon ein bisschen gruselig bei den Liberalen. Niemand weiß, ob die Partei wieder Bacon ansetzt. Oder ob sie scheibchenweise von uns geht, weil sie Wahl für Wahl für Wahl verliert. Aktuell steht wieder eine Wahl an, diesmal im liberalen, weltoffenen Stadtstaat Hamburg, wo sich die FDP eigentlich pudelwohl fühlen müsste. Gleichwohl dümpelt die Partei in den Umfragen bei zwei bis drei Prozent. Bis vor kurzem jedenfalls.

In der von Existenzängsten eingemauerten Parteizentrale arbeiten sie geradezu verzweifelt an einem Turn-Around. Das Kalkül ist: Gewinnt die FDP wieder eine Wahl, ändert sich die veröffentlichte Erzählung. Medien, die nicht einmal mehr über die FDP spotten, weil sie das für Leichenschändung halten, würden (auch weil es von der Hamburg-Wahl mutmaßlich sonst kaum Spektakuläres zu berichten gibt) das "Comeback" zelebrieren. Die Chancen der Partei neu bewerten. Die Liberalen wieder ernst nehmen. Vielleicht gar über neue schwarz-gelbe oder rot-gelbe Perspektiven spekulieren. In jedem Fall entstünde der Eindruck: Die FDP ist wieder da.

Suding als Gamechanger

Um diesen Effekt zu erzielen, braucht es nicht viel. Sagen wir: sechs bis sieben Prozent. Holt Hamburgs Spitzenkandidatin Katja Suding dieses Ergebnis, könnte sie der "Gamechanger" für die FDP werden. Die Frau, die ein neues Kapitel aufschlägt. Notfalls mit ihren Beinen. Tatsächlich war das Skandälchen, den eine lustmolchige ARD-Kamerafahrt über ihre Beine ausgelöst hat, das Beste, was ihr passieren konnte. Suding konnte lässig parieren und zugleich ihre Werbebotschaft platzieren: Diese Beine seien dafür gemacht, die 5-Prozent-Hürde zu übersteigen.

Allein die Aufmerksamkeit, die ihr das Bein-Theater bescherte, ist für die FDP Gold wert. Die Partei hat nach dem Absturz bei der Bundestagswahl reichlich Personal, Finanzkraft und Relevanz eingebüßt. Die journalistischen Scheinwerfer erloschen langsam. Wer bei den Umfragen unter "Sonstiges" firmiert, bekommt keine Einladungen mehr. Keine Talkshows, keine Interviews, keine Artikel. Es wird still, sehr still, und das ist für eine Partei tödlich. Deswegen hat die FDP bei den vergangenen Landtagswahlen Werbekampagnen gefahren, die nur einen Zweck erfüllen: auffallen, egal wie. In Brandenburg plakatierte sie "Keine Sau braucht die FDP", in Thüringen "Wir sind dann mal weg", in Hamburg steht neben dem Model-Foto Sudings der Slogan "Unser Mann in Hamburg".

Lindner erlangt Aufmerksamkeit

Nun hat auch Parteichef Christian Lindner das oberste Kampagnenziel vor der Hamburg-Wahl erreicht: Aufmerksamkeit. Es gelang ihm mit einer vermeintlichen "Wutrede" im nordrhein-westfälischen Landtag. Tatsächlich handelt es sich um eine etwas emotionaler vorgetragene Replik auf den Zwischenruf eines SPD-Abgeordneten. Lindner sagt am Ende: "Das hat Spaß gemacht" - weist also selbst auf das Inszenierte der Situation hin. Parteipolitisch hat er, wie die "Süddeutsche Zeitung" schön nachrecherchiert hat, sowieso keinen Punkt machen können. Lindner wollte den SPD-Abgeordneten als lebensfernen Beamten geißeln. Tatsächlich jedoch hat der SPD-Mann länger in der freien Wirtschaft gearbeitet als Lindner selbst.

Egal. Es kommt ja nur auf die Aufmerksamkeit an - und dafür sorgte Springers "Welt". Das Blatt griff, soweit zu erkennen, als Erstes das Video auf und machte es damit zum Thema. Ulf Poschardt, ein alter Afficionado der Liberalen, kommentierte freundlich. Danach brauchte die Social-Media-Abteilung der FDP vermutlich nicht mehr viel, um das Video zum "viralen Hit" hochzujazzen. Unter diesem Label lief es auch auf dieser Website.

Schäumendes Unterhaltungsbedürfnis

So profitiert die FDP derzeit weniger von ihrer Politik als von unserem schäumenden Unterhaltungsbedürfnis. Wut plus Beine gleich Stimmen. In der jüngsten Umfrage stehen die Liberalen in Hamburg schon bei fünf Prozent. So schlicht ist das manchmal.


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