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Bürgerschaftswahl in Hamburg: Duell der Bürgermeister: ein Streitgespräch wie Koalitionsverhandlungen

Hamburg wählt in Kürze eine neue Bürgerschaft. Die Spitzenkandidaten Peter Tschentscher und Kathrina Fegebank sind Konkurrenten als auch Koalitionspartner – und so erinnert ihr TV-Duell bei RTL an eine Diskussion unter Eheleuten.

Spitzenkandidaten zur Bürgerschaftswahl: TV-Duell: Hier streiten Tschentscher und Fegebank über Hamburgs Zukunft

Der Blick aus dem 15. Stock der Elbphilharmonie über die Stadt ist selbst bei diesem üblen Schmuddelwetter noch beeindruckend – nur die Fenster wirken durch ihre eigenwillige Tönung, als wären sie vom Putzdienst vergessen worden. RTL hat sich für das TV-Duell der beiden Bürgermeister für das Max-Brauer-Foyer mit Nordblick Richtung Michel entschieden. Nicht nur, weil die Stadt im Hintergrund einfach besser wirkt, als der Steinwerder Hafen gegenüber. Der Sender hat auch derartig viel Technik aufgefahren, dass sie kaum woanders Platz gefunden hätte.

Das erste Nord-TV-Duell für RTL 

25 Minuten hat RTL Nord für die Debatte von Peter Tschentscher (SPD) und Katharina Fegebank (Grüne) am Mittwochabend zur besten lokalen Sendezeit freigeräumt. Für RTL Nord, das wie der Verlag G+J, in dem der stern erscheint, zu Bertelsmann gehört, ist es das erste Duell von Hamburger Spitzenkandidaten einer Landtagswahl. Und entsprechend groß ist der Aufwand: Fünf Kameras, zahllose Scheinwerfer, Dutzende von schweren Ausrüstungskisten, Maskentisch, Ecke für den Monitor und das Regiepult versperren die Gänge, dazwischen drängeln sich fast 25 Leute, die an der Produktion beteiligt sind. Am Dienstag hat das Team das Duell geprobt, am Abend musste das Equipment abgebaut werden, nur um es am Mittwoch wieder aufzustellen.

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Die Ankunft der beiden Duellanten ist eigentlich für 10 Uhr geplant, verzögert sich allerdings etwas. Um 11 Uhr sind beide geschminkt und bereit, sie haben Erfahrung, für sie ist es bereits das vierte Aufeinandertreffen dieser Art im Wahlkampf. Und auch nicht das letzte. Am nächsten Morgen um 7 Uhr folgt ein Radioduell, die Woche darauf ein Auftritt im NDR. Wenige Tage später dann wird gewählt. Fünf Gesprächsblöcke hat RTL geplant, es werden im Wesentlichen die wenigen Wahlkampfgroßthemen abgehandelt: Verkehr, Wohnen, Klima. Und wer nach dem 23. Februar mit wem regieren will und wird. Und das ist das einzige Problem, das sich durch die Auseinandersetzungen zieht.

RTL TV-Duell Tschentscher Fegebank

Duell über der Stadt: Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (l.) und Katharina Fegebank

DPA

SPD und Grüne seit fünf Jahren Koalitionäre

Denn Peter Tschentscher und Katharina Fegebank sind die beiden Regierungschefs des rot-grünen Senats. Koalitionspartner. Und nicht erst seit gestern, sondern seit fünf Jahren. Der Erste Bürgermeister Tschentscher ist seit März 2018 im Amt, Katharina Fegebank als Zweite Bürgermeisterin schon seit Beginn der rot-grünen Zusammenarbeit. "Erste Frau. Erste Grüne. Erste Wahl" steht auf ihren Plakaten, damit kein Zweifel aufkommt, dass sie tatsächlich Erste Bürgermeisterin anstelle Tschentschers werden will. Der Amtsinhaber aber will auch Amtsinhaber bleiben und so diskutieren hier zwei Menschen im Wesentlichen darüber, was sie in der vergangenen Legislatur schon toll gemacht haben, und was sie in der kommenden noch toller machen werden.

Fegebank etwa sagt in ihrem Auftaktstatement, dass nun die "Zeit für Veränderung" sei. Tschentscher spricht von "Visionen für die Stadt" und beide kommen schnell zum Thema Verkehr. Fegebank fordert die "Mobilitätswende" und Tschentscher nennt ein Beispiel dafür, nämlich den von beiden Parteien beschlossenen Bau einer neuen U-Bahn-Linie. Oder das Thema Wohnen: Wie in vielen Großstädten fehlen auch in Hamburg massenhaft Wohnungen. Der Erste Bürgermeister verweist auf die 10.000 Neubauten im Jahr, und die zweite Bürgermeisterin lobt Amtsvorgänger Olaf Scholz, ebenfalls SPD, dafür, dass er den Wohnungsbau schon vor vielen Jahren angestoßen hat. Ähnliche Scheingefechte gibt es auch bei den Themen Klima und Wirtschaft.

Streitgespräch wie Koalitionsverhandlungen

Es ist ein leicht bizarres Schauspiel, dass sich die beiden Regierungschefs liefern. Beide sind wild entschlossen, sich vom jeweiligen Koalitionspartner abzugrenzen, doch meist beenden sie wie ein Ehepaar gegenseitig ihre Sätze. Nur dass der eine, Peter Tschentscher, den pragmatischen Macher gibt und die andere, Katharina Fegebank, die partnerschaftliche Visionärin. Glaubt man den Umfragen, dann bevorzugen die Hamburger eher das erstere Modell. Die in der Hansestadt verwöhnte SPD kommt auf etwas mehr als 30 Prozent, die Grünen liegen ein paar Prozentpunkte dahinter. Anfang des Jahres waren beide Parteien noch gleichauf.

Und so lässt das Ende des TV-Duells, das eher an Koalitionsverhandlungen erinnert, höchstens noch die Frage offen, ob dieses Regierungsbündnis weiterbestehen wird. Tschentscher sagt, ja gerne, aber nur, wenn ihm und seiner Partei der Koalitionsvertrag gefällt. Fegebank sagt auch ja, lehnt aber eine "Ausschließeritis unter Demokraten" ab. Bis vor Kurzem wurde gemunkelt, sie wolle so unbedingt Bürgermeisterin werden, dass sie kein Rot-Grünes, sondern lieber ein von ihr geführtes Jamaika-Bündnis würde schmieden wollen. Doch dann geschah der FDP-Wahl-Unfall in Thüringen und nun ist offen, ob die Liberalen überhaupt in die Hamburger Bürgerschaft einziehen werden. Wechsel auf den Senatsbänken jedenfalls ist die Hansestadt gewöhnt. Denn, fun fact zum Schluss: In den letzten 23 Jahren wurde Hamburg nach jeder Wahl von einer anderen Partei und/oder Koalition regiert.