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Entschädigungsstreit: "So musste es ja kommen"

Seit Jahren fordern deutsche Vertriebene von der polnischen Regierung Entschädigungen, jetzt dreht Polen den Spieß um.

"So musste es ja kommen", klang aus einem Zeitungskommentar der liberalen polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" leichte Resignation an. Der Streit um Entschädigungen von Vertriebenen, in dem deutsche und polnische Spitzenpolitiker in den vergangenen Wochen immer wieder die Wogen zu glätten versuchten, droht weiter zu eskalieren. Eine Polnische Treuhand ist in der Gründungsphase - ein direktes Gegenstück zur Preußischen Treuhand, die Bundeskanzler Schröder zwar als "dubiose Organisation mit dubiosen Zielen" bezeichnet hat, vielen Polen aber dennoch bedrohlich erscheint.

Klagewelle droht

Eine junge konservative Abgeordnete aus Gdingen (Gdynia) holt zum Gegenschlag aus. Auf ihrer Website veröffentlicht Dorota Arciszewska- Mielewczyk einen Fragebogen für Polen, die von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg geschädigt wurden und Entschädigungsansprüche geltend machen wollen. Die Vereinigung Vertriebener Gdingener (SGW) hat bereits einen Apell an die Bundesregierung gerichtet und macht im Sinne gutnachbarschaftlicher Beziehungen freiwillige Entschädigungen geltend. Andernfalls wollen die polnischen Vertriebenen - 80 Prozent der Gdingener wurden 1939 zwangsausgesiedelt, als die Hafenstadt zur Basis der Kriegsmarine umgebaut wurde - vor dem Tribunal für Menschenrechte in Straßburg klagen.

Eine erste Klage liegt bereits dem Berliner Landgericht vor. Darin fordert die 60-jährige Warschauerin Izabela Brodacka 6000 Euro als Entschädigung für seelisches Leid. Brodacka wurde weder vertrieben noch hat sie eigene Erinnerungen an die Besatzung. Ihr Vater war Häftling im deutschen Konzentrationslager Auschwitz und litt sein Leben lang gesundheitlich unter den Folgen der Misshandlungen. Brodacka ist die erste Polin, die Deutschland als Angehörige der "zweiten Generation" verklagt. Ihr Anwalt kennt sich mit dem Thema aus. Er hat bereits für das polnische Parlament eine Expertise erstellt, die sich mit Reparationsforderungen an Deutschland befasst, berichtete eine polnische Zeitung.

zwiti>Vertreibung human?

Brodacka meint, es werde zu wenig über polnisches Leid geredet. Die Erfahrungen, die die deutschen Schlesier, Ostpreußen oder Pommern bei Flucht und Vertreibung machen mussten, sieht sie als weniger bedeutend an. "Wie kann man denn den Verlust von Haus und Garten, von Sofas oder Tassen mit dem Leid durch Folter vergleichen?" fragt sie. In Polen sind viele Menschen der Meinung, die Vertreibung der Deutschen sei gut und human organisiert worden.

Vor allem die rechtskonservativen und nationalistischen Parteien im polnischen Parlament haben sich mit großem Eifer des Themas Entschädigungen angenommen und fordern von der Regierung, Reparationsansprüche an Deutschland zu stellen. Doch auch die gemäßigten Parteien haben die Debatte aufgegriffen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es in Polen im kommenden Frühjahr vorzeitige Wahlen gibt, und das emotionsbeladene Thema dürfte auch im Wahlkampf eine Rolle spielen, wenn es für die Parteien darum geht, sich als Verteidiger polnischer Interessen darzustellen.

Von Eva Krafczyk