Fall Ermyas M. Stimmenanalyse beamt Täter weg


Vor 14 Monaten wurde der deutsch-äthiopische Ingenieur Ermyas M. in Potsdam brutal niedergeschlagen. Vor Gericht wurde nun das zweite Stimmgutachten vorgetragen, das die Täter überführen soll. Doch es sorgte nur für Stirnrunzeln.
Von Gerhard Richter

Zu 47 Prozent ist Björn L. einer der Täter, der im April letzten Jahres den deutsch Äthiopier Ermyas M. mit einem Faustschlag schwer verletzt hat, und zu 53 Prozent ist er es nicht gewesen. Auch ein zweites Stimmgutachten als Abschluss der Beweisaufnahme bringt keine Klarheit in dem Fall, der um ein ganz besonderes Beweismittel kreist: Ein Mailboxmitschnitt mit den Stimmen der Täter. Das Opfer hatte kurz vor dem verhängnisvollen Schlag seine Ehefrau angerufen, auf deren Mailbox haben sich die Täter stimmlich verewigt. Aber dieser vermeintliche Beweis entpuppt sich nun auch nach dem zweiten Gutachten endgültig als schwer verwertbar.

Erkrankung im Vokaltrakt

Bestenfalls "wahrscheinlich" sei die Stimme des Angeklagten mit der des Täters identisch, schlussfolgerte schon das erste Gutachten des Landeskriminalamts Brandenburg. Der Staatsanwalt beantragte daraufhin ein zweites Gutachten, diesmal bei Professor Sameh Rahmans aus Hannover. Der zerlegt die Stimme rein elektronisch in Frequenzhäufigkeiten, Dynamik und Korrelationsfunktionen. Heraus kam letztlich ein ähnliches Ergebnis, Björn L. war es wahrscheinlich nicht. Daneben lieferte der Gutachter noch jede Menge Stoff zum Grübeln. Was hat die Stimme des Angeklagten mit Kochsalz zu tun?

Der Vorsitzenden Richter Michael Thies runzelt die Stirn, als Professor Sameh Rahman von der Leibniz Universität Hannover einen Ausflug in die Festkörperphysik unternimmt. Eine Stimme könne man mathematisch genauso behandeln wie Natriumchlorid. Es geben feste Muster und Abweichungen. Typisch für ein Stimmprofil seien die Abweichungen und die lassen sich ganz kühl berechnen. Beim Vergleich der Mailboxstimme mit einer Stimmprobe, die der Angeklagte kurz nach seiner Verhaftung abgegeben habe, liege die Übereinstimmung beispielsweise bei minus 232 Prozent. Der Grund: Der Angeklagte L. habe zu der Zeit an einer "Erkrankung im Vokaltraktbereich" gelitten, sprich: er war heiser.

80 Zeugen, kein schlagender Beweis

Seit Anfang Februar versucht das Gericht zu ergründen, ob und inwieweit die beiden Männer, die da auf der Anklagebank sitzen, mit der Tat zu tun haben. Beide streiten jede Beteiligung ab, und schweigen konsequent zu den Vorwürfen. Rund 80 Zeugen wurden vernommen, aber ein echter Beweis für die Schuld der beiden kam nicht zutage. Auch der Anfangsverdacht eines rassistischen Übergriffs hat sich während des Prozesses relativiert, aus der vermeintlichen Neonaziattacke, die vor der Fussball WM 2006 zur Diskussion über No-Go Areas geführt hat, ist ein banaler nächtlicher Streit geworden.

So schleppt sich der Prozess vor dem Landgericht seit Monaten hin. Es wurde es Frühling, der Sommer kam, die Temperaturen im Gerichtssaal stiegen, die Luft wurde zunehmend schlechter. Prozessbeobachter waren sich einig - der Prozess würde mit Freisprüchen enden.

Zweiter Täter weggerechnet

Der letzte Versuch des Staatsanwalts, die beiden Angeklagten anhand ihrer Stimme zu überführen scheiterte nun an der Eigentümlichkeit des Gutachtens. Überraschung löste zum Beispiel die Feststellung aus, auf dem Mitschnitt seien nur zwei Stimmen zu hören: die des Geschädigten und die eines Täters.

"Wir haben die Mailbox xig-mal gehört, und wir sind immer davon ausgegangen, dass es drei Personen sind." fragt Richter Thies. Wieder Stirnrunzeln, diesmal schon schweißbeglänzt. "Drei?" fragt Professor Rahman zurück.

"Ja drei", antwortet Richter Thies. "Wir haben jede Passage analysiert, und da war nur ein Sprecher neben dem Geschädigten", sagt Professor Rahman bestimmt. Kopfschütteln im Saal. Der Computer hat einen Täter weggerechnet! Der Vorsitzende Richter entlässt den Gutachter und schließt die Beweisaufnahme, niemand hat Einwände. Die Verteidigung hatte schon vorher und schriftlich gegen dieses zweite Gutachten protestiert. "Völlig überflüssig", schimpft Rechtsanwalt Karsten Beckmann "Unseres Erachtens war das erste Gutachten schon ausreichend."

Kopfschütteln bei LKA-Beamten

Die Sachverständigen des Landeskriminalamts fanden das Gutachten von Professor Rahman dagegen sehr interessant. Immer wieder machten sie sich Notizen, wenn auch unter Kopfschütteln. Die Stimmanalyse des Physikprofessors stösst bei den Kriminologen auf grundsätzliche Kritik. Noch nie sei diese Methode überprüft worden, auch gebe es keine regelmäßigen Tests. Nach dem Ende des Verfahrens wollen die Fachleute offen darüber diskutieren. Eine Woche müssen Sie sich noch gedulden. Nächsten Mittwoch werden die Plädoyers gehalten, das Urteil im Fall Ermyas M. könnte schon zwei Tage später fallen. "Möglicherweise", sagt Richter Thies und blickt vom Staatsanwalt zur Verteidigung. "Ich weiss ja nicht, was noch kommt."


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