HOME

Fischer-Doku: Ein Sponti zum Knutschen

Das ZDF strahlt ein Portrait zum 60. Geburtstag von Joschka Fischer aus. Der Film ist von einem riesengroßen Anfängerfehler gezeichnet: Phasenweise erzählt der Autor derart kritiklos aus der Fischer-Heldensaga, dass einem beim Zusehen mulmig wird.

Von Sebastian Christ

Stellen Sie sich vor, das öffentlich-rechtliche Fernsehen würde zur besten Sendezeit ein Portrait von Helmut Kohl ausstrahlen, und zu Wort kämen im Interview nur seine Freunde und Weggefährten: Norbert Blüm, Bernhard Vogel und Elisabeth Noelle-Neumann. Die Glanzszenen seiner Amtszeit würden mit getragener Musik unterlegt, seine düsteren Politmomente wohlwollend eingeordnet werden. Es wäre nicht nur eine schlechte journalistische Leistung, sondern auch ein kleiner TV-Skandal. Mit Recht.

Und genau das ist auch der Film zum 60. Geburtstag von Joschka Fischer, den das ZDF am Dienstag um viertel nach acht ausstrahlte. Von seinen politischen Gegnern kommt lediglich Jutta Ditfurth zu Wort, und das auch nur in einem Bildschnipsel von vielleicht zehn Sekunden. Ansonsten zeigt Autor Hubert Seipelt phasenweise eine derart bedrückende Kritiklosigkeit an dem Wirken und Schaffen des grünen Machtmenschen, dass man den Filmemacher und sein Team am liebsten mit dem Nudelholz zurück in den Schnittraum jagen würde.

Seipelts Kernthese lautet: „Keiner verkörpert den Marsch durch die Institutionen so wie Joschka Fischer“. Seipelt lässt diesen Satz schon in den ersten Minuten von einem Sprecher aufsagen, und alle folgenden Bilder wirken wie Fetzen eines multimedialen Erinnerungsalbums, das genauso gut bei Fischers daheim im Schlafzimmerschrank liegen könnte. Die Revoluzzer-Zeit des Ex-Spontis wird mit Musik von den Beatles und den Doors untermalt. Haut Fischer einem Polizisten auf den Helm, erklingt aus dem Hintergrund der Ton, Steine, Scherben-Song „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Fader Beigeschmack inklusive.

Der Fokus des Films liegt auf den Anfangsjahren Joschka Fischers. Wahrscheinlich, weil es zu diesen Bildern die beste Musik gab. Die politische Karriere des wohl beliebtesten Außenministers aller Zeiten wird dagegen im Stakkato-Stil nacherzählt. Dabei hätte man hier die interessantesten Stimmen sammeln können. Was denken eigentlich die sozialdemokratischen Koalitionspartner aus Hessen über Fischer, von dem sie sich 1987 im Streit getrennt hatten? Wie hat Wolfgang Schäuble den Aufstieg Fischers wahrgenommen, der ihm und seiner Partei 1998 die Macht gekostet hat? Und überhaupt: mehr Ditfurth!

Stattdessen darf Madeleine Albright in die Kamera texten, wie angenehm die Zusammenarbeit mit Fischer war. Und Daniel Cohn-Bendit spricht über seinen Parteifreund, als hätten sie schon im Sandkasten die Förmchen und Schäufelchen geteilt. Das Ganze hat so viel Tiefgang wie ein Schlauchboot und kratzt auch nicht nur ansatzweise an Fischers Denkmal.

Fairerweise muss man sagen: Auch Seipelts Film hat einige starke Momente. Zum Beispiel, als der ehemalige Frankfurter Polizeipräsident zugibt, dass oft zu hart mit den Spontis umgesprungen wurde. Oder wie Fischers feindliche Übernahme der Grünen im Sommer 1980 skizziert wird. Realistischerweise muss man jedoch auch feststellen: Die starken Momente tragen den Film nicht. Und die schwachen erst recht nicht.