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Flatrate-Partys: Auf der Suche nach dem Rausch

Flatrate-Partys gelten als Inbegriff Jugendlicher Alkoholexzesse, Politiker wollen sie seit Jahren verbieten. stern.de hat eine der berüchtigten Partys besucht - und kommt mit einer nüchternen Erkenntnis zurück.

Von Lenz Jacobsen, Köln

Als würden sie sich für einen Wandertag mit der Schule aufstellen, so stehen sie da, die vermeintlichen Komasäufer: Brav in Zweierreihen, die Mädchen die Handtasche unter den Arm geklemmt, die Jungs mit den Händen in den Taschen. Hier pöbelt niemand, hier wird gepflegt Konversation betrieben.

Ein Freitagabend vor dem "Teatro" in Köln. Hier, in einem Club an den Ringen, der größten Partymeile der Stadt, ist heute Flatrate-Party. Auch wenn das hier niemand so nennt. "D2 - Dance and Drink" lautet der offizielle Titel, der auf den Plakaten am Eingang prangt. Und darunter das Motto: "Von zehn bis drei - alles frei". Alles, das heißt in diesem Fall: Longdrinks, Flaschenbiere, Cocktails und alkoholfreie Getränke. 19 Euro kostet der Eintritt für die Jungs, 16 für die Mädchen. Wer sich vorher noch per Internet anmeldet bekommt's drei Euro billiger.

Es ist schon viertel nach zehn als die Türsteher endlich mit dem Einlass beginnen. Zwei Mädchen tauschen noch schnell ihre Personalausweise. Die Kontrollen sind gründlich, viele müssen ihre Ausweise zeigen.

Das Teatro selbst besteht aus zwei Etagen, unten die Tanzfläche und die große Bar, oben ein paar leicht abgewetzte Sitzpolster und eine zweite Bar für die Cocktails. Das Licht ist sehr, sehr lila, die Luft trotz Rauchverbot stickig.

Neuankömmlinge stürmen zur Bar

Die Neuankömmlinge stürmen sofort zur Bar um damit zu beginnen, womit viele von ihnen die nächsten fünf Stunden nicht mehr aufhören werden: Trinken. "Vorgeglüht" hat hier offensichtlich kaum jemand - was wohl die etwas steife Stimmung in der ersten Zeit erklärt. Da stehen sie alle an den Bars und in den Ecken und warten darauf, dass irgendwas losgeht, oder dass der Alkohol seine Wirkung entfaltet - was hier heute Abend so ziemlich das selbe ist. Zwischen zehn und elf erinnert die Stimmung eher an Klassenfahrt-Partys oder Freizeitheime, von Exzess keine Spur.

Zeit, sich die Gäste einmal genauer anzusehen. Als erstes fällt die hohe Frauendichte auf, mindestens 60 zu 40 ist das Geschlechterverhältnis heute Abend; Als zweites die relative Biederkeit des Publikums. Polohemden und Jeans dominieren bei den Jungs, normal geschnittene Oberteile und ebenfalls Jeans bei den Mädchen. Und fast alle tragen sie Turnschuhe. Zwar gibt es ein Minirock da und ein übertiefes Dekolleté hier, aber mit massenhafter Fleischbeschau hat das hier wenig zu tun. Und noch etwas ist eklatant: Hier sind alle ziemlich gleich alt. Jemanden über 21 zu finden ist fast unmöglich, die 19-jährigen haben hier die Herrschaft übernommen.

Die Tanzfläche ist richtig voll

Es ist jetzt kurz nach Mitternacht, rund 150 Gäste hat das Teatro mittlerweile, es würden noch einige mehr reingehen. Die Tanzfläche ist dafür mittlerweile richtig voll, der Hüftschwung der Standard der gegenseitigen Annäherung. Dabei hilft, dass über allem ein voll aufgedrehter Bass wummert. Das Musikprogramm heute beschreibt der Club so: "Animierender Partysound mit Black-lastigen Elementen. Zu späterer Stunde kracht's gerne auch ein bisschen..."

Martin sitzt mit einem Freund auf einem der Sitzpolster direkt neben der Cocktailbar im ersten Stock, ein halb volles Glas in der Hand. Der 20-Jährige aus Bonn gehört hier schon "eher zu den Älteren", wie er selbst beobachtet hat. Er sei auch gar nicht hier, weil der Alkohol hier umsonst fließt, sondern wegen der guten Musik und der Stimmung. Und überhaupt, er mag es einfach hier. "Ich trinke hier auch nicht mehr als woanders", sagt er - und lobt die tolle Stimmung: "Die Leute gehen hier einfach viel mehr aufeinander zu, verstehst du?" Mit der Alkohol-Flatrate habe das aber nichts zu tun. Und überhaupt hält er von einem Verbot solcher Partys nichts: "Wir sind doch alle volljährig, wir sollten doch alle wissen, was wir so vertragen!"

Die Gäste vertragen eine Menge

Anscheinend vertragen die Gäste heute eine ganze Menge. Kaum einer, der kein Glas oder keine Flasche in der Hand hat. Die Bestell-Regelung des Clubs verleitet vielleicht auch dazu: Zum Eintritt erhält man einen Chip, den man gegen sein erste Getränk abgibt. Bringt man dann eine leere Flasche zurück, bekommt man entweder den Chip zurück oder ein neues Getränk. Nur, wer am Ausgang seinen Chip vorweisen kann muss nicht draufzahlen. Dieses Prinzip macht viele Gäste quasi zu Kettentrinkern, da man seine leere Flasche nicht einfach wegstellen darf, und wenn man schon zur Bar muss kann man sich ja gleich was Neues holen - kostet ja nichts. Auf die Idee, zwischendurch mal ein Wasser oder eine Cola gegen die Dehydrierung - oder einfach nur zum runterkommen - zu trinken, kommt kaum einer: "Etwas ohne Alkolhol?", schreit der Kellner irritiert, und man weiß nicht ob er die Frage wegen des Lärms nicht verstehen oder sie einfach nicht glauben konnte. "Das will hier keiner!"

In den Ecken steht mittlerweile niemand mehr. Das Warten ist vorbei. Die ganze untere Etage ist eine einzige Tanzfläche, man blickt in verschwitzte Gesichter, manche im Tanz- und Alkoholrausch leicht weg getreten. Irgendein Party-Fotograf taucht plötzlich auf, zwei junge Frauen küssen sich vor der Kamera. Ein paar Jungs grölen. Es ist die selbe ausgelassen-alkoholisierte Stimmung wie zur Stunde wahrscheinlich in jeder Disco voller 19-jähriger in ganz Deutschland.

Keine kotzenden Menschen

Aber läuft das hier aus dem Ruder? Trinken die Gäste viel zu viel, weil das nächste Getränk ja immer umsonst ist? Hängen hier die Teenies dutzendweise über den Kloschüsseln, wird der Abend zu einer kollektiven Alkoholvergiftung? Nein. Keine kotzenden Menschen auf den Toiletten, keine Schnapsleichen auf den Sitzen oder an den Wänden. Viele Augen sind glasig, aber sie sind noch offen. Vielleicht hat Martin ja Recht und hier weiß wirklich jeder wie viel er verträgt. Oder es geht heute Abend einfach noch mal gut.

Drei Uhr im Teatro. "Ab jetzt zahlen!" ruft einer der Kellner, die Flatrate-Zeit ist abgelaufen. An der Garderobe bildet sich eine Schlange, die Tanzfläche leert sich langsam. Einige Dutzend Gäste werden wohl noch durchtanzen bis der Club in zwei Stunden schließt, aber die meisten machen sich jetzt auf den Heimweg. "Geile Party, Alter", meint einer, während er sich schon die Jacke anzieht.

Eine Randerscheinung

Das war er also, der Alptraum deutscher Politiker. Eine recht gewöhnliche Party mit einer Menge Alkohol. Ja, es wurde mehr getrunken, ein bisschen. Ja, es wurde dadurch vielleicht ein bisschen hemmungsloser. Dass das nächste Getränk immer umsonst ist, beschleunigt das Ganze ein wenig, verkürzt das Warten, spart das Vorglühen. Trotzdem: Es war vor allem gewöhnlich. Und das ist vielleicht der eigentliche Kern der Sache: Der Vollrausch ist schon längst zum regelmäßigen Wochenendprogramm geworden, die Jugend sucht den wohlverdienten Exzess anstatt der Zerstreuung. Jeder, der heute mit Jugendlichen zu tun hat, weiß das. für Politiker mag es eine neue Erkenntnis sein. Die Flatrate-Partys sind dabei nur ein wunderbar simples Symbol für diesen Zustand, eine Randerscheinung, an der sich die Politik genussvoll abarbeiten und Engagement beweisen kann.

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