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Altersbestimmung von Flüchtlingen Minderjährig? Dann zeig mal deine Genitalien!

Das Universitätsklinikum in Eppendorf
Hier im Universitätsklinikum Eppendorf werden die jungen Flüchtlinge untersucht
© Picture-Alliance
Bei der Altersbestimmung von unbegleiteten Flüchtlingen unter 18 Jahren setzt Hamburg auf allerlei Methoden. Eine davon ist das Bestimmen des Alters durch Begutachtung der Geschlechtsteile.

Sie werden ausgefragt, vermessen, gewogen, geröntgt und nackt fotografiert: Minderjährige Flüchtlinge, die ohne ihre Eltern und ohne Papiere nach Deutschland kommen, müssen sich fragwürdigen Methoden zur Altersbestimmung aussetzen – zumindest, wenn die Behörden ihnen nicht glauben, dass sie minderjährig sind. Auch in Hamburg setzt man auf diese fragwürde Methode. Ein Vorgehen, das die Bürgerschaftsabgeordnete Jennyfer Dutschke (FDP), scharf verurteilt. "Diese Untersuchungen sind höchst peinlich und unnötig", so die 29-Jährige zu stern Online, die beim Hamburger Senat eine kleine Anfrage zu dem Thema gestellt hatte.

Bestehen Zweifel, wird untersucht

Jeder Flüchtling, der bei der Hamburger Ausländerbehörde angibt, minderjährig zu sein, kommt zunächst zum Kinder- und Jugendnotdienst (KJND). Dort kümmert man sich um die Erstversorgung. Sie werden untergebracht, dürfen zur Schule und bekommen bis zu ihrem 21. Lebensjahr Anschlusshilfe. Bestehen jedoch Zweifel an der Minderjährigkeit, müssen sich die Flüchtlinge im Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) diversen Untersuchungen unterziehen. Dort werden Röntgenbilder von Zähnen und Kieferknochen gemacht, vom Schlüsselbein und von den Handwurzelknochen.

Zudem erfolgt laut Senat eine "Inaugenscheinnahme der bezüglich einer Abschätzung des Entwicklungs- bzw. Reifezustandes maßgeblichen Partien der Körperoberfläche, insbesondere bei männlichen Probanden der Gesichtsregion und der Achselhöhlen sowie der Genitalregion. Bei weiblichen Probanden erfolgt eine Inspektion des Entwicklungszustandes der Brustdrüsen". Für den Senat ein "angewandtes, medizinisches Verfahren, welches auf wissenschaftlichen Standards zur Einschätzung des biologischen Alters basiert".

Auch Ärztekammer kritisiert Vorgehen

Für Dutschke ein unnötiger Vorgang: "Eine Altersbestimmung mag in bestimmten Fällen nötig sein, weswegen etwa eine Röntgenuntersuchung von Handgelenk, Kiefer oder Schlüsselbein  im Zweifelsfall Sinn macht. Junge Flüchtlinge einer hochnotpeinlichen Intimuntersuchung auszusetzen, ist aber unnötig und nach unserer Auffassung  unwürdig.  Auch die Bundesärztekammer übt Kritik an der Methode. Als das ZDF in ihrer Sendung "Frontal 21" über die Problematik von minderjährigen Flüchtlingen berichtete, teilte sie auf Anfrage mit: "Alterseinschätzungen bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (UMF) durch Knochenröntgen oder Computertomographie sind medizinisch nicht vertretbar, weil sie nach aktueller Studienlage keine gesicherten Aussagen zur Klärung der Volljährigkeit ermöglichen."

Wer sich weigert, gilt als volljährig

Zwar ist die Teilnahme an dieser Untersuchung freiwillig, aber "sofern ein Betroffener an der Ermittlung des Sachverhalts durch eine medizinische Untersuchung nicht mitwirkt, wird die Inobhutnahme beendet", so der Senat. Heißt: Wer sich nicht auszieht, fliegt aus dem System der Jugendhilfe. In diesem Fall kommen die Flüchtlinge in eine Unterkunft für Erwachsene und sind auch nicht mehr vor Abschiebung geschützt.
Dutschke will einen Antrag stellen, um das strittige Verfahren zu stoppen. "Die FDP fordert, dass diese Praxis kritisch überprüft wird, mit dem Ziel die Intimuntersuchung künftig zu unterlassen."

Jessica Kröll

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