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Interview

Freitags-Demonstrationen: Ragna, Linus, Ronja und Florian: Sie schwänzen den Unterricht, um die Welt zu retten

Anstatt zur Schule oder zur Uni gehen sie freitags zur Demo, um gegen Umweltzerstörung zu protestieren. Der stern hat mit vier Aktivisten der Bewegung "Fridays For Future" gesprochen.

Vergangene Woche Freitag in Berlin: Teilnehmer der Demo "Fridays for Future", darunter die vier stern-Gesprächspartner Ronja Heimann, Linus Steinmetz, Ragna Diederichs und Florian Fischer (vorn Mitte, von links nach rechts)

Vergangene Woche Freitag in Berlin: Teilnehmer der Demo "Fridays for Future", darunter die vier stern-Gesprächspartner Ronja Heimann, Linus Steinmetz, Ragna Diederichs und Florian Fischer (vorn Mitte, von links nach rechts)

Ein klirrend kalter Morgen in Berlin. Im Regierungsviertel  sind viele junge Leute unterwegs, sie wollen zur Demo.

Im stern-Büro nicht weit vom Reichstag treffen sich vier von ihnen zum Gespräch. Sie haben wenig Zeit; Ragna möchte später noch eine Rede halten, und Linus wurde kurzfristig von den Mitgliedern der Kohlekommission ins Wirtschaftsministerium eingeladen, dort über die Ziele der Bewegung "Fridays for future" zu sprechen. Ein Kamerateam begleitet ihn, in diesen Tagen sind die Schüler sehr gefragt.

stern: Heute schon auf was verzichtet?

Ragna: Ich habe beim Duschen darauf geachtet, möglichst wenig Wasser zu verbrauchen.

Linus: Obwohl es ein bisschen stressig war, habe ich pflichtbewusst die öffentlichen Verkehrsmittel benutzt.

Ronja: Ich habe kein Fleisch gegessen.

Florian: Ich auch nicht. Das mache ich seit sechs Jahren nicht mehr.

Ronja Heimann, 15, besucht die neunte Klasse des Auguste Victoria-Gymnasium in Trier. Die ehemalige Waldorf-Schülerin überzeugte ihre Mitschüler, geschlossen für eine bessere Klimapolitik zu streiken. Mit acht Jahren schon ging sie mit ihren Eltern auf Anti-Atomkraft-Demos. Ronja möchte später vielleicht Journalistin werden.

Ronja Heimann, 15, besucht die neunte Klasse des Auguste Victoria-Gymnasium in Trier. Die ehemalige Waldorf-Schülerin überzeugte ihre Mitschüler, geschlossen für eine bessere Klimapolitik zu streiken. Mit acht Jahren schon ging sie mit ihren Eltern auf Anti-Atomkraft-Demos. Ronja möchte später vielleicht Journalistin werden.

Ronja: Ich hätte für weniger Geld von Luxemburg fliegen können, aber habe die Bahn genommen.

Ragna: Es ist ein Skandal, dass Kerosin nicht besteuert wird. Und die Flüge so preiswert sind.

Viele in Eurem Alter finden das doch richtig gut. Für ein paar Euro nach Berlin und das Wochenende feiern. Gefällt Euch nicht?

Ronja: Das ist so eine  Dimension von Luxus, die total unnötig ist. Ich bin jedenfalls noch nie geflogen.

Linus: Moment, wir demonstrieren nicht vor einem Flughafen, sondern vor dem Wirtschaftsministerium. Wir sind jetzt keine Erzieher. Wir werden nie alle bewegen können, etwas zu ändern. Ich bin vergangenes Jahr auch geflogen, nach Griechenland. Moralisch aber war das nicht hundertprozentig vertretbar.

Wir fragen nach, weil viele in der Umweltbewegung fordern, dass wir uns alle einschränken müssen.

Linus Steinmetz 15, geht in die neunte Klasse des Göttinger Hainberg-Gymnasiums.  Er ist Mitglied der "Greenpeace"-Jugend. Später will er "irgendwas mit Politik" machen. Etwas, "das die Welt verändert".

Linus Steinmetz 15, geht in die neunte Klasse des Göttinger Hainberg-Gymnasiums.  Er ist Mitglied der "Greenpeace"-Jugend. Später will er "irgendwas mit Politik" machen. Etwas, "das die Welt verändert".

Linus: Ja, es führt kein Weg daran vorbei.

Ronja: Sonst verzichten wir auf unsere Zukunft.

Macht Euch diese Zukunft Angst?

Ronja: Ich habe keine Angst um mich, aber um die Zukunft vieler anderer Menschen. Ich werde erleben, dass es wärmer wird und die Wetterkrisen häufiger werden. Das bedroht mein Leben nicht. Aber bis 2100 werden 50 Millionen Menschen fliehen müssen, Inseln werden versinken, Küstenstädte ausgelöscht.

Ragna: Ich glaube schon, dass es uns sehr direkt betreffen wird. Auch wegen der Menschen, die fliehen müssen. Was wir bei uns seit 2015 erleben, ist nichts im Vergleich zu dem, was auf uns zukommen wird.

Ronja: Es ist alles so krass, wir werden so viel zu bewältigen haben. Ich finde auch traurig, dass ich viele Tierarten nicht mehr sehen werde, die sind vorher ausgestorben.

Ragna Diederichs, 18, kommt aus dem Dorf Ballenhausen bei Friedland. Sie macht dieses Jahr Abitur. Danach möchte sie Biotechnologie studieren. Ragna fährt jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Rad zur Schule.

Ragna Diederichs, 18, kommt aus dem Dorf Ballenhausen bei Friedland. Sie macht dieses Jahr Abitur. Danach möchte sie Biotechnologie studieren. Ragna fährt jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Rad zur Schule.

Ragna: Meine Großeltern vermissen die Vögel, die zu ihnen auf die Terrasse kamen. Da sind jetzt nur noch Spatzen. Früher, ich erinnere mich noch, waren da Meisen oder auch Spechte.

Aber Ihr könntet versuchen, noch ein bequemes Leben zu haben und den Problemen zu entfliehen?

Ronja: Das wäre Resignation. Ich werde immer kämpfen.

Ragna: Ich kann mich doch nicht in einen Atomschutzbunker zurückziehen oder auf die  Kanarischen Inseln: Die wird es vielleicht bald auch nicht mehr geben.

Ihr habt das Leben vor Euch und trotzdem das Gefühl, Euch rennt die Zeit davon?

Ragna: Wir müssen jetzt was tun, wir haben vielleicht noch zehn Jahre. Danach gibt es kein Halten mehr.

Linus: Uns bleibt keine andere Wahl. So lange hatten wir das Gefühl, machtlos zu sein – jetzt bricht was auf, das ist phänomenal. Ich glaube, jetzt wandelt sich der Frust in Entschlossenheit. Es ist ja unfassbar, wie verantwortungslos viele Politiker und Wirtschaftsbosse mit der Zukunft umgehen. Unserer Zukunft.

Wie groß ist Eure Wut?

Ragna: Auf wen?

Auf uns Ältere, die Euch die Welt gerade so präsentieren, wie sie ist?

Florian Fischer, 19, studiert nach seinem Abitur im vergangenen Jahr "Integrative Life Sciences" an der Friedrich Alexander Universität Erlangen. Früher hieß das Biologie, Mathematik und Physik. Später will er in die Wissenschaft.

Florian Fischer, 19, studiert nach seinem Abitur im vergangenen Jahr "Integrative Life Sciences" an der Friedrich Alexander Universität Erlangen. Früher hieß das Biologie, Mathematik und Physik. Später will er in die Wissenschaft.

Florian: Ich dachte als Kind,  Erwachsene handeln vernünftig. Die sorgen dafür, dass es einem gut geht. Aber jetzt merke ich, die spielen auf Zeit. Ich kann mich nicht auf sie verlassen, ich muss selbst was tun. 

Ronja: Ich habe kein Problem mit Erwachsenen. Aber alte Leute, die sich nur überlegen, wie viel Reibach sie auf unsere Kosten machen, sollten nicht das Recht haben, über meine Zukunft zu bestimmen. 

Florian: Uns wurde immer erzählt, wir sollen Licht sparen, Strom und Wasser. Und was ist passiert? Alles ist schlimmer geworden.

Linus: Ich bin wütend. Es ist doch lächerlich, dass Deutschland immer noch von sich behauptet, so eine Art Vorbild zu sein bei der Rettung der Welt.

Ronja: Bei uns wird es wohl relativ wenige Tote geben. Wir kämpfen auch für die anderen: All jene, die jetzt schon unter dem Klimawandel leiden.

Was sagen Eure Eltern?

Florian: Meine Mutter ist total begeistert. Wir wollen jetzt auch zuhause Veranstaltungen organisieren.

Ronja: Ich bin jeden Tag mit unserem Kampf beschäftigt, und obwohl mich meine Eltern unterstützen, fragen sie sich schon, ob ich nicht die Schule vernachlässige. Oder mal das Zimmer aufräumen könnte.

Ragna: Ist bei mir auch so, in ein paar Wochen beginnen die Abi-Klausuren. Aber das hier ist mir gerade wichtiger.

Und was meinen Eure Lehrer?

Ragna: Bei uns wird der Streik als unentschuldigtes Fehlen gewertet. Aber niemand droht uns mit dem Rauswurf oder so. An anderen Schulen ist ja genau das der Fall.

Ronja: Wir sind freigestellt worden und haben im Ethikunterricht Schilder gemalt. Mit so viel positiver Resonanz hatte ich nicht gerechnet.

Florian: Ich studiere ja schon. Aber an einigen Gymnasien in Erlangen gab es Warnungen der Lehrer, dass es für Abwesenheit Verweise hageln wird.

Gab es für Euch diesen einen Moment, in dem Euch klar wurde: Jetzt engagiere ich mich?

Ragna: Eigentlich nicht, das war ein Prozess. Irgendwann zum Beispiel habe ich mich gefragt, warum ich so viele Klamotten besitze. Seit einem Jahr kauf ich mir kaum noch was und wenn, dann Second Hand. Das Geld, das ich weniger ausgebe, spende ich.

Ronja: Bei mir ist es ähnlich. Ich bin noch nie geflogen. Und ich fühle mich mies, wenn ich in einem Auto fahren muss.

Ragna: Auch, wenn der Bus doof fährt, fahr ich öffentlich und im Sommer mit dem Rad. Ich glaube auch nicht, dass ich den Führerschein machen werde, ich will nicht in Versuchung kommen, Auto zu fahren. Vor jedem Einkauf informiere ich mich, ob das Fair Trade ist oder nicht.

Ronja: Ich gehe überhaupt nicht gerne einkaufen.

Wenn alle so wenig konsumieren würden, wäre unser Wirtschaftssystem bald am Ende... 

Ronja: ...wir sitzen doch nicht den ganzen Tag zu Hause und ernähren uns von selbstgezogenem Gemüse. Wir fahren Bus und Zug. Das Wirtschaftssystem würde sich umstellen müssen, klar. Aber zusammenbrechen würde es nicht.

Wenn Eure Mitschüler in Fastfood-Läden gehen oder Billig-Klamotten kaufen – mischt Ihr Euch ein?

Florian: Es kommt schon vor, dass ich mal sage: Muss das denn sein, dass ihr das Billigfleisch kauft? Muss das denn sein, dass ihr jeden Tag Fleisch esst?

Ronja: Auf unserer letzten Klassenfahrt waren meine Mitschüler ganz oft bei McDonald’s essen. Ich bin draußen stehen geblieben und hab mir später Brötchen und ein Glas Aufstrich gekauft. Die wissen, dass dort zu essen nicht in Ordnung ist. Das Bewusstsein ist ja da. Sie sagen dann: Ich gönn mir das jetzt. Aber die gönnen sich das zu oft.

Ragna: Ich unterhalte mich viel darüber, aber ich pöble niemanden an. Ich kann niemandem meine Erkenntnis aufzwingen. Ich versuche, den Leuten klarzumachen, dass man auch als Einzelner was verändern kann. Unser Konsum muss sich verändern. Was das jetzt volkswirtschaftlich für Folgen hat, kann ich nicht abschätzen. Aber was bringt es, wenn wir die nächsten Jahre noch gut verdienen, aber auf der ganzen Welt Menschen dafür sterben. Das wäre ja: Profit gegen Leben.

Linus steht auf. Er muss los zur Kohlekommission. Zwei Stunden später wird er auf einem Podest vor dem Kanzleramt stehen und ins Mikro brüllen: "Kämpft für eure Zukunft!"

Bevor Du gehst, Linus. Was wirst Du den Damen und Herren sagen?

Linus: Ich werde sie fragen, wie wir leben sollen, wenn wir so alt sind wie sie heute. Dass es eine Sauerei ist, wie die Alten die Welt kaputt machen, und wir dabei nur zusehen sollen. In der Kohlekommission zum Beispiel sitzt kein Jugendlicher.

Wie kam es überhaupt zu der Einladung?

Linus: Wir hatten einen Brief geschrieben. – Jetzt muss ich aber los! 

Vertraut Ihr Politikern?

Ragna: Ich würde dazu jetzt ungern Stellung beziehen.

Warum?

Ragna: Weil es mir nicht um Parteipolitik geht. Uns geht es darum, gesamtgesellschaftlich und parteiübergreifend ein gemeinsames Handeln zu fordern. Dafür brauche ich nicht einzelne Politiker gut oder schlecht zu finden. Und: Eigentlich machen alle zu wenig.

Ronja: Ich habe keine Vorbilder, ok, Martin Luther King finde ich gut. Aber ich will nicht einfach anderen Menschen nacheifern.

Keine Partei, der Ihr Euch näher fühlt?

Ronja: Es stört mich, dass ich kein Wahlrecht habe.

Florian: Wirklich zu Hause fühle ich mich bei keiner Partei. Ich würde aber wahrscheinlich die Grünen wählen.

Ragna: Es ist nicht unsere Aufgabe, uns Gedanken zu machen, was politisch zu tun ist. Dafür sind Politiker zuständig. Aber ich finde es schade, dass zwei Positionen so gegeneinander ausgespielt werden. Unsere Zukunft und die Zukunft der Leute, die zum Beispiel in der Kohleindustrie arbeiten. Daran hängen Existenzen, das ist uns klar. Aber durch den Kohleausstieg bekommen Unternehmen wie RWE auch noch Geld dafür, dass sie darauf verzichten, die Welt zu versauen.

Martin Luther King hat gesagt: "I have a dream". Habt Ihr Träume?

Florian: Fürs Träumen ist es zu spät.