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Editorial

G20-Chaostage in Hamburg: Ein Rücktritt von Scholz wäre das falsche Zeichen

Sehr viele Kommentatoren fordern jetzt den Rücktritt von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. Ich nicht. Er muss nun zeigen, dass der Staat aus der Eskalation der Gewalt die richtigen Schlüsse zieht.

Ein Kommentar von stern-Chefredakteur Christian Krug

Olaf Scholz im Hamburger Rathaus

Im Kreuzfeuer der Kritik: Olaf Scholz, Erster Bürgermeister von Hamburg

Was fehlt, ist ein einziger Satz: "Ich entschuldige mich bei allen Hamburgerinnen und Hamburgern für das Unheil, das über uns gekommen ist." Mehr als zwei Stunden sitzt Hamburgs Bürgermeister auf der Pressekonferenz der Polizei. Er wirkt zutiefst bedrückt. Der Schock der Freitagnacht ist Olaf Scholz im bleichen, fast versteinerten Gesicht anzusehen. Diesen einen Satz wollen seine Bürger von ihm jetzt hören. Dann würden sie ihm vielleicht vergeben.

Die Journalisten im Saal des Polizeipräsidiums wollen einen anderen hören, den endgültigen: "Ich ziehe die Konsequenzen und trete zurück!" Auch unser Kolumnist Uli Jörges, der in Berlin wohnt und arbeitet, fordert aus der Ferne den politischen Kopf des Hamburger SPD-Chefs, der mit seiner Einladung den G20-Gipfel in der Hansestadt möglich gemacht hatte. Die Nacht der Schande wird Olaf Scholz in den Kleidern hängen bleiben. Der 7. Juli 2017 wird in die Geschichte der Stadt eingehen. Als die Nacht, in der der Staat die Kontrolle eines Viertels an vermummte Militante abgab, die von Hundertschaften der Polizei über Stunden nicht am Brandschatzen gehindert werden konnten – oder durften.

Scholz muss seine Fehler eingestehen und darf nichts beschönigen

Am vergangenen Sonntagnachmittag treffen mein Kollege Jens König und ich Scholz zum Interview. Auch wir fragen ihn, ob er zurücktreten werde. Er sagt: "Nein, diesen Triumph werde ich den gewalttätigen Extremisten nicht gönnen." Ich finde, er hat recht damit. Jetzt zu gehen wäre das falsche Zeichen. Scholz hat Fehler gemacht in der Einschätzung des Gewaltpotenzials, das sich auf der Straße entlud.

Er hätte auch seine verharmlosenden Sätze nicht sagen dürfen. Er hätte sich bei seinen verängstigten Bürgern blicken lassen müssen in dieser Nacht in der Schanze. Er hätte den Müttern und Kindern, die weinend in ihren Wohnungen zitterten, Mut zusprechen sollen. Aber seinen Rücktritt fordere ich als Hamburger nicht. Er muss nun zeigen, dass der Staat aus der Eskalation der Gewalt die richtigen Schlüsse zieht. Er muss sicherstellen, dass sich derartige Szenen nie wiederholen. Er muss dafür sorgen, dass seine Bürger in allen Stadtteilen jederzeit angstfrei leben können. Und er muss seine Fehler eingestehen und darf nichts beschönigen.


Die Feinde unserer Stadt

Ich bin der Ansicht, dass eine Stadt wie Hamburg Staatsgäste einladen kann und muss. Es kann nicht sein, dass eine demokratisch gewählte Regierung im 21. Jahrhundert nicht mehr Gastgeber von Staatsoberhäuptern sein kann, weil Krawalltouristen mit Terror drohen. Wir Bürger haben fast eine ganze Woche gelitten unter dem G20-Gipfel. Aber es waren eben nicht Trump, Putin und Erdoğan, die unsere Stadt ins Wanken gebracht haben, sondern es waren diejenigen, die durch den "antikapitalistischen Widerstand" eingeladen wurden. Deren Sympathisanten sind es, die sich jetzt stellen müssen. Sie müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Und auch sie müssen sich zwingend entschuldigen für die Angst und die Zerstörung, die sie angefacht haben. Sie sind die Feinde unserer Stadt.

"Die angekündigte Katastrophe". Lesen Sie die große Reportage über das G20-Chaos in Hamburg jetzt im neuen stern: