G8-Razzia-Opfer "Ich verführe keine anderen"

Hauke Benner ist G8-Gegner, seine Wohnung wurde jüngst im Rahmen einer Großrazzia durchsucht. Angeblich wolle er die "bestehende Gesellschaftsordnung erschüttern". Auf stern.de spricht er exklusiv über den Gipfel und die Gegner.

Herr Benner, Sie sind Mitglied einer terroristischen Vereinigung.

Nein, natürlich nicht.

Das aber vermutet die Bundesanwaltschaft.

Das ist deren Phantasiewelt. Ich bin Mitglied einer Bürgerinitiative gegen Gentechnik.

Vergangene Woche wurden Ihre und andere Wohnungen durchsucht. Im richterlichen Beschluss heißt es, Sie wollten die in der Bundesrepublik bestehende Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung erschüttern. Stimmt das?

Nein. Aber ich stimme mit der Politik, die dort in Heiligendamm verhandelt wird, nicht überein. Natürlich könnte ich mir eine Wirtschaftsordnung vorstellen, die den Menschen und ihrer Würde gerechter wird, die internationale Arbeitsteilung fairer organisiert und die ausschließliche Orientierung auf die Profite überwindet.

Aber warum wurde Ihre Wohnung durchsucht

Auch das müssen Sie die Bundesanwaltschaft fragen. Ich habe es so verstanden: Die Bundesanwälte unterstellen, dass drei, vier ältere Herren junge Leute dazu anleiten, Anschläge durchzuführen. Und zu diesen soll auch ich gehören, und das seit fast zwanzig Jahren.

Das heißt, Sie stehen schon lange im Fadenkreuz der Ermittler?

Ja. Wie ich im Nachhinein erfahren habe, wurde mein Telefon sieben Jahre lang abgehört, meine Wohnung mit einer Videokamera überwacht.

Kennen Sie inzwischen den Grund?

An den Castortransportstrecken der Deutschen Bahn waren gebogene Eisenstücke auf die Oberleitungen geworfen worden. Und ich bin seit langen in der Anti-AKW-Bewegung aktiv.

So wie Fritz S., der Physiker aus Bremen, dessen Messstelle für Arbeits- und Umweltschutz ebenfalls durchsucht wurde. Kennen Sie einander?

Ja, seit Jahrzehnten. Ich glaube schon seit den Demonstrationen in Brockdorf.

Und Gorleben?

Natürlich auch Gorleben.

Die Bundesanwaltschaft vermutete, dass Sie und Fritz S. zu dem anonymen Autoren gehören, die in einem Buch über ihren militanten Widerstand berichten.

Ich kenne das Buch und habe jetzt noch einmal hineingesehen. Das hätte auch die Bundesanwaltschaft tun sollen. Denn dort steht, dass es sich um Artikel handelt, die gesammelt wurden. Sie sind als solche auch grau unterlegt. Es ist gar nicht klar, ob die Herausgeber auch die Autoren sind. Es ist jedenfalls sehr abenteuerlich, dass die Bundesanwaltschaft einen Durchsuchungsbefehl für meine Wohnung damit begründet, dass sich die Autoren dieses Buches zu Brandanschlägen während der Tagung des Internationalen Währungsfonds in Jahr 1988 bekannt haben sollen.

Sind Sie nun einer der Autoren?

Ich habe aus dem Umfeld des Verlages gehört, dass die Autoren anonym bleiben wollen. Es ist eine Gruppe von fünf Autoren, die sich AG Grauwacke nennt. Sie hat die Texte unter diesem Pseudonym publiziert.

Dennoch, die Bundesanwaltschaft verdächtigt Sie gewalttätiger Aktionen während des IWF Gipfels in Jahr 1988?

Mich überrascht das auch. Es gab deshalb nie Ermittlungsverfahren gegen mich. Jedenfalls habe ich davon nie etwas erfahren, und auch mein Anwalt hat sich jetzt noch einmal erkundigt. Es gibt überhaupt keinen Hinweis darauf.

Aber die Bundesanwaltschaft wird einen Grund haben, gerade Ihre Wohnung zu durchsuchen.

Ich bin in die Vorbereitungen der Proteste gegen den G-8 Gipfel involviert, ich habe die Demonstration in Rostock gegen die Globalisierung der Landwirtschaft offiziell angemeldet.

Und das soll der Grund sein?

Auffällig ist, dass die Wohnungen der anderen, die mit der Vorbereitung und Anmeldung von Demonstrationen zum G-8 Gipfel zu tun hatten, auch durchsucht wurden.

Und was wurde gefunden?

Bei mir, wo sich die Polizisten während der Hausdurchsuchung korrekt verhalten haben, wurde die Festplatte meines Computers kopiert. Natürlich ist es nicht sehr angenehm, wenn private Briefe gelesen werden. Aufschlussreich aber ist, was sonst mitgenommen wurde: ein kopierter Artikel aus der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik" von 2005. Überschrift: Das Kartell der grünen Gentechnik. Und eine Broschüre der „Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft" (AbL): Monsanto gegen die Bauern.

Monsanto, das ist der große Saatguthersteller. Was hat das mit dem G-8 Treffen zu tun?

In der Nähe von Rostock, in Groß Lüsewitz befindet sich eine große Versuchsanlage mit gentechnisch verändertem Mais.

Und diese Versuchsfelder wollen sie besetzen?

Nein, wir wollen dort an dem Tag keine Felder besetzen. Wir wollen nur zusammen mit der lokalen Bürgerinitiative den weltweiten Protest zeigen.

Sie schreiben selbst auch immer wieder Artikel gegen die Gentechnologie.

Ja, die kann man alle im Internet nachlesen. Da gibt es ein ganzes Archiv mit namentlich gekennzeichneten Beiträgen.

Unter anderem auch Artikel zu Saatguthändler Märka.

Märka wirbt für gentechnisch veränderten Mais, kauft in Kooperation mit dem Monsanto die Ernten der Bauern auf, die gentechnisch veränderten Mais anbauen, und garantiert auch den Nachbarn dieser Bauern die Abnahme ihrer Ernte.

Ist das ein Grund, einen Brandanschlag auf die Firma zu verüben?

Ich habe mit dem Brandanschlag auf die Firma nichts zu tun, wie man mir unterstellt. Die Bundesanwaltschaft glaubt, das Bekennerschreiben sei von mir. Aber jeder kann sich im Internet meiner Aufsätze bedienen.

Die Bundesanwaltschaft glaubt, Sie seien der Mentor einer terroristischen Vereinigung, die junge Aktivisten zu Gewalttaten verführt.

Eine dreiste Unverschämtheit. Ich verführe keine anderen. Kritik an der Gentechnik muss erlaubt sein, aber auch Protest und Widerstand.

Und den organisieren Sie?

Ich helfe dabei mit. Ich wünsche mir einen Protest auf vielfältige Weise, wie gegen die Atomenergie. Denn ich halte auch die Gentechnologie für eine gefährliche Technologie.

Interview: Kuno Kruse

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