Gesine Schwan Eine streitbare Frau mit Charme


Sie ist die Kandidatin von Rot-Grün für die Wahl des Bundespräsidenten. Gesine Schwan, engagierte Politologin und Vorkämpferin für die deutsch-polnische Aussöhnung, ist Präsidentin der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder.

Komplett auf einer Linie mit ihrer Partei lag Gesine Schwan nie. Derzeit kritisiert die 60-jährige Sozialdemokratin das von Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgeschlagene Konzept zur Einrichtung von Elite-Hochschulen. Schon 1984 war sie als erstes Mitglied überhaupt aus der SPD-Grundwertekommission abgewählt worden, weil ihr die Abgrenzung der Partei zu kommunistischen und sozialistischen Gesellschaften zu unscharf war.

Anfang der siebziger Jahre trat die streitbare Politologin in die SPD ein und wurde später dem rechten Parteiflügel zugerechnet. Politikwissenschaft ohne politisches Engagement sei für sie nicht denkbar, sagte die gebürtige Berlinerin einmal. Hinter dieser Überzeugung stecken die Erfahrungen aus Schwans Elternhaus: Vater und Mutter zählten während der NS-Diktatur zum sozialdemokratischen Widerstand. Nach dem Krieg engagierten sie sich für Versöhnung mit den polnischen Nachbarn.

Schon früh lernte sie die polnische Sprache

Dies wurde auch für die junge Wissenschaftlerin Gesine Schwan neben der akademischen Karriere zu einem ihrer wichtigsten Anliegen. Schon früh lernte sie die polnische Sprache, promovierte über den Philosophen Leszek Kolakowski und knüpfte während der achtziger Jahre persönliche Kontakte zu Oppositionellen der Untergrundgewerkschaft "Solidarnosc".

Ihre Kenntnisse der kommunistischen Wirklichkeit ließen sie Anfang der achtziger Jahre die Entspannungspolitik der SPD gegenüber den Ostblock-Staaten kritisieren. In einem Aufsatz 1983 beklagte sie, der Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur werde als reine Theorie bagatellisiert. Freilich war auch Schwan nicht generell gegen Entspannungspolitik, nur sollte diese ihrer Meinung nach auf Demokratisierung und die bessere Beachtung der Menschenrechte hinwirken.

Eine Haltung, die ihr nachhaltige Anerkennung vor allem unter polnischen Oppositionellen einbrachte. Unter anderem darauf stützte sich Schwans erfolgreiche Arbeit an der Viadrina-Universität Frankfurt an der Oder, der sie seit 1999 als Präsidentin vorsteht. Konsequent richtete sie die Hochschule als Brücke zwischen Deutschland und Polen aus. Ein Drittel der Studierenden kommt mittlerweile aus dem Nachbarland, das Collegium Polonicum als gemeinsames Institut mit der Universität Posen wurde am östlichen Ufer der Oder errichtet.

Eine Vorreiterin der EU-Osterweiterung

Damit ist die ehemalige Dekanin des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin so etwas wie eine Vorreiterin der EU-Osterweiterung. Die liegt der überzeugten Europäerin ebenso am Herzen wie das deutsch-polnische Verhältnis. In diesem Zusammenhang beklagte sie die jüngst aufgetretenen Differenzen zwischen den Nachbarländern.

"Historisch besteht nach wie vor dieses Gefälle, dass die Deutschen sich nicht so interessieren für die Polen wie umgekehrt doch die Polen für die Deutschen", sagte sie vor kurzem im Deutschlandfunk mit Blick auf die unterschiedlichen Auffassungen beider Länder zur EU-Verfassung.

Schwan wandte sich gegen die Idee der Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, in Berlin ein Zentrum gegen Vertreibungen zu errichten. Dies und auch das Auftreten von Frau Steinbach seien dem Verhältnis zwischen Deutschland und Polen sehr abträglich gewesen, sagte die Professorin. Aber auch Kritik an den eigenen Genossen scheut sie nicht.

Gegen den Elite-Gedanken in der Bildung

Ihr sei nicht klar, wie fünf oder zehn Elite-Universitäten das gesamte Bildungssystem verbessern sollten, kommentierte die Mutter zweier Kinder entsprechende Vorschläge aus der SPD. "Die Idee, dass eine demokratische Bildung und Gesellschaft von einigen Eliten vorangetrieben werden kann und alle anderen trotten hinterher, halte ich für völlig falsch." Eine Bundespräsidentin, die sich aus allen Debatten heraus hielte, wäre Gesine Schwan nicht.

Auch wenn sie derzeit nur als Zählkandidatin für die rot-grüne Koalition gilt, die in der Bundesversammlung keine Mehrheit hat: Mit scheinbar aussichtslosen Kandidaturen hat die Wissenschaftlerin Erfahrung. 1999 galt ihre Bewerbung um das Präsidentenamt der Freien Universität Berlin von Beginn an als chancenlos. Mit einem engagierten Wahlkampf erreichte sie damals aber immerhin bundesweite Beachtung. Und nur wenige Monate später wurde sie zur Uni-Präsidentin in Frankfurt an der Oder gewählt.

Sven Kästner DPA

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