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Gewalt an Schulen: "Schnupperknast" für Berliner Schüler

Die Zustände an der Berliner Rütli-Schule sind wohl kein Einzelfall: Nach dem Hilferuf der Lehrer sind gewaltsame Konflikte und gravierende Missstände auch an weiteren Schulen der Stadt bekannt geworden. Politiker fordern als Konsequenz einen "Schnupperknast" für gewalttätige Jugendliche.

Der "Tagesspiegel am Sonntag" berichtete von einem Überfall von bis zu 15 mutmaßlich arabischen Männern auf die zehnte Klasse einer Schule im eher bürgerlichen Charlottenburg, der sich gegen einen schwarzen Schüler gerichtet habe. Lehrer einer Schule im Wedding verfassten laut "Spiegel" einen Hilferuf über die "anarchische Situation" an ihrer Einrichtung. Die Debatte über Konsequenzen wurde durch immer neue Vorschläge bereichert. Sie gingen vom "Schnupperknast" für junge Intensivtäter bis hin zu schärferen Regeln für aggressive und gewalttätige Kinder.

Vizekanzler Franz Müntefering sprach sich dafür aus, die Entscheidung über die Schullaufbahn eines Kindes nicht schon nach der vierten Klasse zu treffen. Führende Unionspolitiker forderten verstärkten Druck zur Integration von Kindern aus Einwandererfamilien. Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) sprach sich für Netzwerke an Brennpunktschulen aus, um die Eingliederung zu erleichtern.

Schule unter Polizeischutz

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer nannte die Lage an der Rütli-Schule einen Extrem-, aber keinen Einzelfall. Die Lehrer der Einrichtung hatten in ihrem Hilferuf eine Auflösung der Hauptschule ins Gespräch gebracht, an der über 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen aus Migrantenfamilien stammen. Die Schule wurde daraufhin zeitweise unter Polizeischutz gestellt.

Berlins Schulsenator Klaus Böger (SPD) reagierte auf scharfe Kritik unter anderem von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die Stadt werde mindestens 50 zusätzliche Lehrer an Brennpunktschulen einstellen, sagte er der "Berliner Morgenpost".

An der Charlottenburger Pommern-Hauptschule wurden Ende März mit Totschlägern bewaffnete Eindringlinge laut "Tagesspiegel" offenbar von einem arabischstämmigen Jugendlichen gerufen. Dem Lehrer der Klasse sei es gelungen, den schwarzen Schüler, der Ziel des Angriffs gewesen sei, in Sicherheit zu bringen, weshalb die Täter einen Mitschüler verprügelt hätten. In dem Brief der Lehrer der Theodor-Pliever-Schule in Berlin-Wedding heißt es laut "Spiegel", gewaltbereite Intensivtäter unter den Schülern hätten erheblichen Einfluss. Charlottenburg gilt als gut bürgerlicher Wohnort, Wedding als Problembezirk.

Elternabende sollten Pflicht werden

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) forderte schärfere Regeln im Umgang mit aggressiven Kindern. Dazu müsse bei den Eltern angesetzt werden, sagte er im "Focus". "Wir können beispielsweise jedem jungen Vater, jeder jungen Mutter einen Gutschein für Elternbildungskurse schenken." Auch sei es sinnvoll, Elternabende zur Pflicht zu machen. Zudem verlangte Oettinger mehr Druck auf Migranten zur Anpassung. Er wolle die Zahlung von Arbeitslosengeld bei Ausländern und Zuwanderern an die Verpflichtung knüpfen, Deutsch zu lernen.

Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm brachte einen "Schnupperknast" für junge Intensivtäter ins Gespräch. Er sagte der Zeitung "B.Z. am Sonntag", Kriminelle sollten der Schule verwiesen und für einige Tage in ein Erziehungsheim oder in Jugendarrest genommen werden. Der Spitzenkandidat der Berliner CDU, Friedert Pflüger, forderte, Problemkinder auf mehrere Schulen zu verteilen.

Müntefering sprach sich dafür aus, später als bisher zu entscheiden, auf welche Schulart ein Kind nach der Grundschule kommen soll. Es müsse ein Weg gefunden werden, dass ein Teil der Kinder nicht schon nach vier Schuljahren "abgenabelt" und aussortiert werde, sagte er. Nach so kurzer Zeit könne nicht beurteilt werden, ob der Nachwuchs auf die Haupt-, die Realschule oder das Gymnasium solle. Eine Möglichkeit seien Gesamtschulen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wiederholte ihre Forderung nach Abschaffung der Hauptschule zu Gunsten einer einheitlichen Schule.

Reuters / Reuters